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Rugby in Frankreich : Bösewicht mit Heiligenschein

Kultfigur in Frankreich: Sébastien Chabal Bild: REUTERS

Sébastien Chabal gilt als Kultfigur in Frankreich. Weil er aber die Schiedsrichter hart attackiert hat, soll er im Herbst bei der Rugby-WM in Neuseeland nicht dabei sein. Die Sperre löst im ganzen Land eine heftige Debatte aus.

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          „Wir haben im Rugby die Werte des Krieges kultiviert“, sagte der einst legendäre französische Nationalspieler Christophe Dominici. Das galt bis zur Weltmeisterschaft 2007 in Frankreich. Die WM zu Hause hat die Kultur wie die Wahrnehmung des Kampfes der Männer um das Ei stark verändert. Die Professionalisierung und das Fernsehen veränderten Rugby, die kollektive Kampfsportart für harte Männer. Traditionalisten kritisierten seine „Feminisierung und Globalisierung“.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Philosophin Catherine Kinzler hingegen schwärmte von der „hypermodernen Inszenierung der Körper“. Sie war entzückt: Beim Aufwärmen übten die Spieler das Zuspielen - aber ohne Ball. Sie sind mir wie Tänzer erschienen, es war eine Choreographie. Ich gehe ins Stadion wie in die Oper.“

          Bart und lange Haare als Markenzeichen

          Als Star-Tenor kam man sich Sébastien Chabal, um den es nun wegen Schiedsrichterkritik eine heftige Debatte in Frankreich gibt, sehr wohl vorstellen. Er ist der Spieler, den die WM 2007 dem Land als neue Kultfigur offenbart hatte. Mehr seines Äußeren und seines Auftretens denn seiner Leistungen wegen. Er war zuvor nur den wahren Rugbyfans ein Begriff. Sein Bart und die langen Haare sind sein Markenzeichen. Chabal flößt dem Gegner Angst ein. Er wird als Bösewicht mit Heiligenschein verehrt. „Sea Bass“ (Seewolf) und „The French Beast“ wurde er während seiner Zeit in einem englischen Klub genannt; inzwischen spielt Chabal für Racing Metro Paris. Als „Höhlenbewohner“ bezeichnen ihn seine Landsleute.

          Wahlweise auch „Attila“ oder „Anästhesist“ - Rugby ist Literatur und Horrorfilm zugleich. Ruppig geht Chabal zuweilen mit den Journalisten um. „No“, wies er britische TV-Reporter zurück, die um ein Interview in englischer Sprache baten: „We are in France, we speak French.“ Chabal wurde zu einem der wenigen Großverdiener in einer Sportart, die noch immer von Amateuren beherrscht wird. Mit seinen Werbekampagnen - ob für Männerparfum oder Wein oder eine Krankenversicherung - pflegt er immer auch seinen eigenen Mythos. Ein Spot, in dem Chabal seine Energie durch einen Fingergriff in die Steckdose erneuerte, musste wegen der Nachahmungsgefahr für Kinder nach einer Woche gestoppt werden. Nur an Terminproblemen scheiterte Clint Eastwoods Projekt, Chabal im Film „Invictus“ über die Apartheid in Südafrika, wo Rugby der Nationalsport ist, auftreten zu lassen.

          „Verstoß gegen die höheren Interessen des Rugby“

          2007, als er bereits ein gut bezahlter Rugbyspieler war, beliefen sich seine Bezüge auf 620.000 Euro. Im Jahr danach waren es angeblich etwa zwei Millionen. So ging es weiter - aber nach wie vor reichen Gehalt, Prämien und Werbegagen nicht für einen Platz unter den fünfzig bestverdienenden französischen Sportstars. Doch auf der Rangliste ihrer Beliebtheit brachte es Chabal im vergangenen Jahr trotz einer wechselhaften sportlichen Karriere an die erste Stelle.

          Im April ist jetzt seine Autobiographie erschienen - und in den Interviews hat Chabal die Unparteiischen in Frankreich hart attackiert und einigen Verantwortlichen im nationalen Rugbyverband Begünstigung der Mannschaften ihrer Herkunft unterstellt. Das hätte er lieber lassen sollen. Die Äußerungen haben einen Sturm ausgelöst, dessen Heftigkeit der Affäre um die Quoten für Schwarze und Muslime im Fußball kaum nachsteht. Der Verband zitierte Chabal vor die disziplinarische Kommission. Das Vergehen: „Verstoß gegen die höheren Interessen des Rugby“.

          Ein unerbittliches Urteil: zwei Monate Sperre

          Seine Werte waren Solidarität und Respekt, das Kollektiv und die Brüderlichkeit. Auch die Streitkultur unter Männern gehörte dazu. „Doch seit 2007 ist alles ganz anders“, hat der Nationalspieler Dominici auch erklärt: „Die Technik, die Ästhetik.“ Und die Moral. Im französischen Rugby tobt ein Kulturkampf zwischen den Anciens und den Modernen. Seine Kulturrevolution hat Chabal zum ersten Star gemacht - jetzt wird er, wie alle Kinder der Revolution, von ihr gefressen. Und nicht ganz lustlos schauen die Franzosen dabei zu.

          Schon am Tag vor der Verhandlung um Chabals Anklage gab der französische Nationalcoach bekannt, dass er Chabal nicht zur Weltmeisterschaft im Herbst nach Neuseeland mitnehmen werde - „aus rein sportlichen Gründen“. Dann kam das unerbittliche Urteil: zwei Monate Sperre, bis zum Ende der Landesmeisterschaft. Falls sich Chabal einsichtig zeigt, wird er nach einem Monat begnadigt: Er muss dafür eine Schiedsrichterausbildung absolvieren und drei Spiele von Jugendteams leiten.

          Inzwischen holte ihn Europas größter Privatsender Tf1 in seine Tagesschau. Ohne Chabal sind die Übertragungsrechte aus Neuseeland nicht die Hälfte wert. Sollte es aus personellen Gründen notwendig sein, könnte Chabal für die Rugby-WM nachgemeldet werden. Der Kulturkampf aber ist entschieden - und Frankreich endgültig in der modernen Scheinheiligkeit des Schausports angekommen.

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