https://www.faz.net/-gtl-940bn

Streik im Nationalteam : Der Streit im deutschen Rugby eskaliert

Das große Gedränge: Im deutschen Rugby stehen die Zeichen auf Sturm. Bild: Jan Huebner

Es ist ein ungewöhnlicher Vorgang im deutschen Sport. Das Fünfzehner-Nationalteam im Rugby tritt in den Streik. Es ist ein Frontalangriff gegen den Verband. Die Folgen könnten gravierend sein.

          3 Min.

          Es ist eine Art Tackling, gezeichnet von kompromissloser Härte. Die „Wild Rugby Academy“ (WRA), gegründet von dem Unternehmer Hans-Peter Wild, attackiert den Deutschen Rugby-Verband (DRV) scharf – und zieht ihr gesamtes Personal, das sie dem DRV bisher zur Verfügung stellte, ab sofort zurück. Davon ist schon das am Samstag in Offenbach geplante Test-Länderspiel gegen Chile betroffen. Es wird vermutlich nicht ausgetragen werden können, da die komplette deutsche Nationalmannschaft sich wie die WRA gegen den DRV stellt und sozusagen streiken will. Ihre beiden Kapitäne Sean Armstrong und Michael Poppmeier teilten am Dienstag mit, dass sie ein Zeichen setzen und den DRV zum Handeln bewegen wollen.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Sie beklagen eine mangelnde Kommunikation zwischen dem Verband und den Aktiven. Sie werfen dem DRV zudem vor, ihnen noch nicht einmal eine kurzfristige Perspektive bieten zu können geschweige denn eine Vision. Ein ungewöhnlicher Vorgang im deutschen Sport. „Wir fordern, dass der Verband bis Samstag erste richtungsweisende Änderungen vollzieht“, so Armstrong und Poppmeier. Sie behaupten, dass ihr Schritt notwendig sei, um die sportlichen Ziele nicht zu gefährden. Die Deutschen hoffen immer noch darauf, 2019 in Japan erstmals an einer Weltmeisterschaft im Fünfzehner-Rugby teilnehmen zu können.

          Ob der Frontalangriff auf den DRV kurzfristig Wirkung zeigen könnte, ist fraglich. Sein Präsident Klaus Blank reagierte am Dienstagmittag ratlos auf das aktuelle Geschehen. „Da wissen Sie mehr als ich.“ Außerdem, sagte er, sei er gerade im Bus unterwegs – kein weiterer Kommentar von dem Mann, der das deutsche Rugby mit einem schlafenden Riesen verglichen hat. „Der ist zwar noch nicht ganz erwacht, aber er hat geblinzelt.“

          Wie das Fünfzehner-Nationalteam, das im Gegensatz zum deutschen Siebener-Nationalteam nicht durch öffentliche Gelder alimentiert wird, fährt auch die WRA, die die Professionalisierung des deutschen Rugbys vorantreiben möchte, schweres Geschütz gegen den DRV auf. „Die Grundhaltung des DRV, dass ich bezahlen soll und die Funktionäre kassieren, ist für mich nicht akzeptabel. Hier ist ein Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken und Ärger ohne Ende“, ließ der Milliardär Wild, Inhaber der Marke „Capri-Sun“ und seit langem ein Mäzen des Rugbys, am Dienstag verlauten. Der Rückzug der WRA bedeutet für den DRV: Er verliert im Handumdrehen unter anderem mehr als 15 Nationalspieler, die bei der Gesellschaft zur Förderung des Rugbysports (GFR), einer Tochter der WRA, angestellt sind.

          Auch der aus Südafrika stammende Nationaltrainer Kobus Potgieter, der ebenfalls bei der GFR beschäftigt ist, steht dem DRV vorläufig nicht mehr zu Diensten. Das Zerwürfnis könnte das deutsche Nationalteam, das zuletzt einen Aufschwung erlebte, jäh bremsen. Die Deutschen hatten jüngst in Leipzig gegen Brasilien gewonnen und in Wiesbaden gegen die Vereinigten Staaten 17:46 verloren. Potgieters Team hatte dabei, zumindest teilweise, mit einer beherzten Leistung überzeugt. Angetrieben nicht zuletzt von dem gebürtigen Australier Armstrong, der durch die Hilfe der WRA in Deutschland eine neue sportliche Heimat gefunden hat und in der Bundesliga – wie das Gros der Nationalspieler – für den Meister Heidelberger Ruderklub antritt, der die Liga nach Belieben beherrscht. „Bei den Spielen gegen Brasilien und die USA haben wir gesehen, wo wir stehen und was wir alles in den letzten zehn Jahren erreichen konnten, mit Investitionen von mehr als 20 Millionen Euro“, so Wild am Dienstag.

          Rugby-Fan: Milliardär Hans-Peter Wild.

          Und GFR-Geschäftsführer Robert Mohr betonte: „Wir haben ein Produkt geschaffen, das sich vermarkten lässt.“ Er fürchtet, dass sich das Fünfzehner-Nationalteam ohne die Mittel von Wild deutlich zurückentwickeln werde. Zwischen der WRA und dem DRV hatte es einen Kooperationsvertrag gegeben, der am 31. August auslief und nicht erneuert wurde, obwohl Wild eine weitergehende Vereinbarung angeboten hatte, die angeblich bis 2024 hätte laufen sollen und dem Verband, wie es heißt, Unterstützung im Wert von etwa 750.000 Euro im Jahr hätte bringen können. Der DRV, der nicht auf Rosen gebettet ist und kein allzu großes Reservoir an professionellen Mitarbeitern besitzt, ging auf die Offerte aber nicht ein; er störte sich offenbar daran, dass Wild, der unlängst den französischen Klub Stade Français übernahm, auf größeren Einfluss in sportlichen Belangen pochte.

          Armstrong und Poppmeier hatten, ehe der Streit im deutschen Rugby nun eskalierte, schon in Wiesbaden moniert, dass der Verband sich mit Wild überworfen habe. „Wir fühlen uns alleingelassen.“ Ein vom DRV kommunizierter „Plan B“ sei offenbar nicht sehr ausgereift gewesen. In ihrer Stellungnahme vom Dienstag bemängelten Armstrong und Poppmeier, dass sie selbst Kontakt zum DRV hätten aufnehmen müssen, um überhaupt Informationen zur Lage des deutschen Rugbys zu bekommen. Eine Spitze gegen Blank und wohl auch gegen DRV-Sportdirektor Manuel Wilhelm, der Übertragungen von deutschen Spielen beim TV-Sender Sport 1 gerne als Ko-Kommentator begleitet. Den Weckruf des Nationalteams dürften Blank und Wilhelm nun immerhin verstanden haben. Es sei an der Zeit, so WRA und GFR, dass der Verband seine Hausaufgaben macht. Und überlegt, wie man Wild zurückgewinnen kann.

          Weitere Themen

          Superhelden auf Starkstrom

          Rugby-Wahnsinn in Japan : Superhelden auf Starkstrom

          Japan feiert seine Rugby-Nationalmannschaft als sportliche Offenbarung, aber auch als Katalysator des gesellschaftlichen Wandels. Bei der WM im eigenen Land könnte nun etwas ganz Großes gelingen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.