https://www.faz.net/-gtl-10yt0

Rugby : Härte, Herzblut, Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Noch können sich Deutschlands Rugby-Spieler strecken wie sie wollen - der Weg an die Weltspitze ist weit Bild: picture-alliance/ dpa

Die deutschen Rugbyspieler rüsten sich für neue Herausforderungen. Nach dem Aufstieg in die Division 1 müssen sie sich nun mit starken Gegnern messen. Vor dem Auftaktspiel in Spanien sollte ein dreitägiges Traininglager helfen.

          Ein angenehmer Abend, mild und erfüllt vom Duft des Herbstes. Auf einem Rugbyplatz in der Nähe des Heidelberger Zoos ist reger Betrieb, kräftige Männer sprinten über den Rasen oder gehen zu Boden, um sich zu dehnen und zu strecken. Einer aus ihrer Mitte gibt die Kommandos, es ist ihr Kapitän, er heißt Jens Schmidt. Jede Minute zählt, muss genutzt werden.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Schmidt, der Antreiber, ruft: „Wir müssen jedes verdammte Training nutzen.“ Schließlich kommen neue Herausforderungen auf die Rugby-Nationalmannschaft zu, der Weg wird wieder ein bisschen steiniger werden für die Deutschen, seit sie in die europäische Division 1 aufgestiegen sind. (siehe: Rugby: Mit dem Backpacker zurück in die erste Liga) Deswegen der Aufenthalt in Heidelberg, drei Tage lang, ein intensives Proben für Madrid, für das Duell mit Spanien an diesem Samstag. Deutschland muss sich dabei erstmals in der neuen Liga bewähren. Und Schmidt, der Hüne vom deutschen Pokalsieger TSV Handschuhsheim, sagt: „Ich werde meine Rübe hinhalten, um das verdammte Spiel zu gewinnen.“

          WM noch immer in weiter Ferne

          Die Deutschen werden es künftig auch mit Georgien, Portugal, Rumänien und Russland zu tun haben, mit Gegnern, die an der vergangenen Weltmeisterschaft teilgenommen haben. Das verdeutlicht schon, wie hoch die Hürden für Schmidt und seine Kameraden nun sind, denn für Deutschland ist die WM vorerst nur ein Traum, weit entfernt davon, Realität zu werden.

          Spanien ist Deutschland noch weit voraus: Der letzte Vergleich in der WM-Qualifikation endete 10:36

          Immerhin empfindet das deutsche Team auch über einen kleinen Qualitätssprung Genugtuung, und es will alles daransetzen, sich in der neuen Umgebung unterhalb der großen europäischen Nationen wie England, Frankreich oder Wales zu behaupten und die Skeptiker verstummen zu lassen. Die finden sich selbst im eigenen Lager. Schmidt sagt, er habe den Eindruck, „manchmal nicht ganz für voll genommen zu werden“. Als ob er und seine Mitstreiter kein Selbstvertrauen hätten. „Wir haben es“, betont Schmidt.

          Balance zwischen Sport und Beruf

          Mit der Unterstützung des Deutschen Rugby-Verbandes (DRV) ist er grundsätzlich zufrieden, er will nicht klagen. So holte der DRV, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden, einen angesehenen Fachmann aus Frankreich, Bruno Stolorz, der Nationaltrainer Rudolf Finsterer beratend zur Seite steht. Und gerade erst haben die Nationalspieler, wie Schmidt erzählt, „eine neue Reisetasche und ein neues Hemd“ bekommen. Das ist durchaus erwähnenswert in einer Sportart, die in einer Nische steckt, die in Deutschland von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen und vorwiegend von Amateuren betrieben wird. Auch Schmidt, der 1,90 Meter große und 117 Kilogramm schwere Stürmer, muss eine Balance finden zwischen dem Sport und seinem Beruf als Realschullehrer.

          Wenigstens lässt ihm ein kulanter Rektor genügend Freiraum für seine sportliche Leidenschaft. Andere, der Berliner Colin Grzanna zum Beispiel, der als Assistenzarzt beschäftigt ist, müssen ebenfalls einen solchen Spagat bewältigen. Grzanna hatte eigentlich unlängst mit dem Rugby aufhören wollen, er hatte in einem Bundesliga-Spiel einen Handbruch erlitten, für seinen Job war das sehr ungünstig. Jetzt aber stellt sich der Berliner dem Nationalteam doch wieder zur Verfügung, Schmidt registriert das mit großem Wohlwollen. „Er macht es für uns“, sagt er, „nicht für sein Ego.“ Und weil Grzanna schlichtweg noch nicht vom Rugby lassen kann: „Das Herz“, sagt Schmidt, „ist so arg dabei.“

          Kampf ums Ei verlangt Nehmerfähigkeiten

          Man muss ja auch viel Hingabe aufbringen können, um in einem Sport mit ständigen Härtefällen zurechtzukommen. Der Kampf ums Ei verlangt große Nehmerfähigkeiten, Schmidt hat das nicht zuletzt in Frankreich erlebt, er hat beim FC Auch am Rande der Pyrenäen ein Jahr als Profi verbracht; das war 2001. Damals, sagt er, habe er erfahren, dass Rugby „nichts für die Schönheit ist“, wenn man sich wie er ständig ins Getümmel werfen muss, wenn es drunter und drüber geht, wenn man sich wie Schmidt als „Diener des Spiels“ versteht. Dennoch glaubt er, in all den Jahren noch glimpflich davongekommen zu sein: mal die Nase gebrochen, mal ein Innenband abgerissen, mal ein kleiner Riss im Kiefer, „nichts Großartiges“.

          Beim TSV Handschuhsheim, einem Bundesliga-Klub aus Heidelberg, zählt der Angreifer natürlich zu den Stützen. Die Handschuhsheimer nennen sich „Löwen“, allerdings fallen die Beutezüge in der Liga immer schwerer wegen starker Konkurrenz. Schließlich setzt nicht nur der finanziell offensichtlich gut ausgestattete SC 1880 Frankfurt auf ausländische Profis, auch der Heidelberger Ruderklub (HRK) rüstete inzwischen auf mit Australiern oder Südafrikanern von gehobener Stärke. Das ermöglichte ein Unternehmer aus Eppelheim bei Heidelberg, der eine Rugby-Akademie gründete, die außerdem den deutschen Nachwuchs fördern will.

          Siegprämie 100 Euro

          Beim HRK wird mittlerweile sogar eine Siegprämie bezahlt - 100 Euro. Schmidt sagt, dass er sich noch mehr Profis aus der Fremde in Deutschland wünschen würde, an ihnen könnten die deutschen Spieler wachsen, auch er. „Ich freue mich über die Entwicklung, ich sehe das alles positiv.“ Generell spricht Schmidt von einer „enormen Bewegung“ im Lande, er bezieht das auch auf neu gegründete Rugby-Vereine, „das Netz wird langsam enger“.

          Dem möchte das Nationalteam nun gerecht werden mit einem engagierten Auftreten in der Division 1. Und Schmidt kündigt auch schon an, dass der Einsatz in den Vorbereitungen bald erhöht werde. Zeit der Muskelspiele: „Im Winter“, sagt er, „müssen wir noch mal ein paar Kilo draufpacken im Kraftraum.“ Zum Selbstschutz wohl auch. Allerdings wird Rugby, das so rasant wie fordernd ist, immer seine Spuren hinterlassen. Am Sonntag, sagt Schmidt, werde er am ganzen Körper Schmerzen spüren, am Montag noch einen „sehr großen Muskelkater“ haben - und am Dienstag wird er wieder trainieren. Es kommt ja auf jeden Moment an.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Koalitionsgipfel im Kanzleramt : Ist die Lösung in Sicht?

          Rund 20 Stunden ringen die Spitzen der Koalition im Kanzleramt schon um die Klimastrategie der Bundesregierung – jetzt scheint sich eine Einigung anzudeuten. Die Verhandlungen über einen CO2-Preis seien „auf der Zielgerade“, sagte Unions-Fraktionsvize Jung.
          Betreuung boomt: 90 Prozent aller Eltern schicken ihre Kinder in die Kita.

          Kita-Ausbau : Erfolg und Scheitern liegen nah beieinander

          Mehr Geld, mehr Plätze, mehr Arbeit: Der Kita-Ausbau ist ein sozialstaatliches Mammutprojekt. Kann Betreuung dabei pädagogisch wertvoll bleiben? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.