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Rugby : Die "All Blacks" und das ewige Trauma

  • -Aktualisiert am

So ein Gedränge: Neuseeland gegen Australien Bild: AP

Das Land der "All Blacks" trägt Trauer. Die vielleicht legendärste Rugby-Mannschaft überhaupt hat bei der Weltmeisterschaft wieder den Einzug in das Finale verpaßt, die hochgehandelten Neuseeländer mußten sich dem WM-Gastgeber und Titelverteidiger aus Australien geschlagen geben.

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          Das Land der „All Blacks" trägt Trauer. Die vielleicht legendärste Rugby-Mannschaft überhaupt hat bei der Weltmeisterschaft erneut den Einzug in das Finale verpaßt, die hochgehandelten Neuseeländer mußten sich dem WM-Gastgeber und Titelverteidiger aus Australien geschlagen geben. Die "Wallabies" zogen mit dem überraschenden 22:10 bereits zum dritten Mal in das Endspiel ein. Dort treffen sie am nächsten Samstag ebenfalls im Olympiastadion von Sydney auf England, das Frankreich 24:7 besiegte.
          Für Neuseeland ist die Niederlage ein noch größerer Schlag als der Verlust des America's Cup im Segeln. 95 Prozent aller Wetten in Neuseeland waren auf das eigene Team abgeschlossen worden. Kapitän Reuben Thorne hatte vorher sogar eingeräumt, daß eine Niederlage möglicherweise die Börsenkurse negativ beeinflussen könnte, so extrem hänge die Lage der Nation vom Schicksal ihrer Rugby-Spieler ab. Nirgendwo in der Welt spielt Rugby auch nur annähernd eine vergleichbar große Rolle wie im "Land der langen, weißen Wolke". Während der Saison enthält die Montagsausgabe einer typischen neuseeländischen Zeitung drei Seiten "Sport", aber vier Seiten Rugby. Ob im Fischrestaurant am Meer oder in einer Skihütte in den Bergen, überall zieren Poster der "All Blacks" die Wände. Die herausragende Rolle der Maoris und Südseeinsulaner im Team trägt zudem erheblich zur sozialen Harmonie des Vier-Millionen-Volkes bei.
          Daß Thorne und seine Mitspieler ausgerechnet an den Australiern scheiterten, die mit ihren vielen sportlichen Erfolgen die Neuseeländer schon lange nerven, macht das negative Erlebnis noch schwerer verdaulich. "Herzzerreißend" beschrieb Thorne die Enttäuschung. In 100 Jahren haben die Männer in den schwarzen Outfits den großen Nachbarn meist beherrscht, von 117 Spielen 78 gewonnen. Gestern hatten die Favoriten aber kaum eine Chance und schieden wie vor vier Jahren wieder im Halbfinale aus. Dabei waren die Australier von allen Experten - sogar denen aus dem eigenen Land - abgeschrieben worden. Zu schwach, zu langsam, zu einfallslos, so hatten die Kommentare vorher gelautet. Ihr Trainer Eddie Jones hatte diese despektierlichen Äußerungen geschickt zur Motivation seines Teams genutzt. Auf dem Spielefeld vor 83000 verblüfften australischen und entsetzten neuseeländischen Zuschauern gingen die Australier mit einer derart wilden Entschlossenheit zu Werke, daß ihre höher eingeschätzten Gegner nie richtig ins Spiel kamen und in den ersten fünf Minuten nicht ein einziges Mal den Ball berührten. Da nützten auch die guten Wünsche des mittlerweile 84 Jahre alten Mount-Everest-Erstbesteigers Sir Edmund Hillary nichts, der vor dem Fernseher in Neuseeland die Daumen drückte.
          Ausgerechnet der bisher so überragende Spielmacher der "All Blacks" ermöglichte den Australiern die frühe Führung. "King" Carlos Spencer leistete sich nach zehn Minuten einen schweren Fehlpaß, der von Australiens Stirling Mortlock abgefangen und nach einem Lauf über 80 Meter hinter der neuseeländischen Mallinie abgelegt wurde. Kurz vor der Pause konnte Spencer nach einem Klassesolo seinem Kapitän Thorne zwar ebenfalls einen "Versuch" ermöglichen, dabei blieb es aber auch. Ansonsten blieb der Maori aus Auckland über die gesamten achtzig Minuten Spielzeit merkwürdig blaß.
          Australien zeigte vor allem in der Defensive eine herausragende Leistung. Jeder ballführende Neuseeländer sah in Sekundenbruchteilen mindestens drei Gegenspieler auf ihn stürzen. Die extrem körperbetonte Spielweise der Mannschaft in Grün und Gold erstickte die Kreativität der Neuseeländer im Keim, das Ergebnis ging am Ende völlig in Ordnung. Und den "All Blacks" bleibt wieder nur das bittere "kleine Finale" um Platz drei am kommenden Donnerstag. Möglicherweise wird es ihnen auch ergehen wie ihren Vorgängern vor vier Jahren: Als diese im Flughafen von Auckland am Fließband ihre Koffer in Empfang nahmen, stand auf jedem der Gepäckstücke in dicker, weißer Schrift "Looser" - Verlierer.



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