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Rugby-Boom ohne Deutschland : Kleinbühne statt Kirschblüte

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Kicken nur auf kleiner Bühne: das deutsche Rugby ist weit von der Weltspitze entfernt Bild: Wonge Bergmann

Während die Rugby-Welt gebannt nach Tokio blickt, wo an diesem Freitag die WM beginnt, steht das deutsche Rugby nach Rückzug des Hauptsponsors mal wieder vor einem Neuanfang.

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          Die japanische Bevölkerung ist bestens im Bilde. Schon seit dem vergangenen Jahr sind in den Metropolen des fernöstlichen Inselreichs Plakate zu sehen, die Werbung für die neunte Rugby-Weltmeisterschaft, die erste in Asien, machen. Heute sollen laut Umfragen bereits drei Viertel der Bevölkerung – demnach fast 100 Millionen Menschen – Kenntnis von dem Mega-Event haben, das an diesem Freitag in Tokio mit dem Duell zwischen Japan und Russland startet.  Und das, treffen die Prognosen zu, in dem Rugby-Boom-Land in neue Dimensionen vorstoßen wird. So sind fast alle der 1,8 Millionen Karten für die zwölf Stadien, in denen insgesamt 48 Begegnungen stattfinden, verkauft. Diese WM werde „Rekorde brechen“, glaubt Bill Beaumont, der World- Rugby-Vorsitzende.

          In den kommenden Wochen – das Turnier endet am 2. November – werden 20 Nationen nach Kräften ihre Muskeln bei der Rugby-Eroberung eines neuen Kontinents spielen lassen. Titelverteidiger ist der Rekordsieger Neuseeland. Und Deutschland schaut zu, wieder einmal. Es hat sich noch nie für eine der seit 1987 ausgetragenen WM-Endrunden qualifiziert. Diesmal ging es immerhin äußerst knapp zu. Aufgrund von Regelverstößen der Konkurrenz war die Nationalmannschaft wieder ins Spiel für den letzten WM-Platz gekommen. Beim sogenannten Repechage-Turnier, der finalen Entscheidung in Marseille im November 2018, unterlagen die Deutschen Kanada jedoch knapp.

          Eröffnungsfeier in Tokio: 20 Mannschaften spielen bis Anfang den November den Weltmeister aus

          Ein Jahr später ist ihr Abstand zur Weltspitze wieder viel größer geworden. Nach dem Rückzug des Förderers Hans-Peter Wild haben sich die Kräfteverhältnisse stark zuungunsten der Deutschen verändert. Der Abstieg in die Rugby Europe Trophy, die zweite europäische Liga, in diesem Jahr durch die Relegations-Niederlage gegen Portugal war der nächste Tiefschlag. Das deutsche Nationalteam steht nun vor einer neuen Zeitrechnung. „Die Zeiten des Profitums sind vorbei. Es gibt kein Geld mehr für Spieler und Trainer“, sagte Uli Byszio, der Vizepräsident des deutschen Meisters SC 1880 Frankfurt, dieser Zeitung. „Du brauchst Geld für die Reisen. Alles andere muss für die Ehre gemacht werden.“

          Der langjährige Mäzen des Frankfurter Rugbysports, der auch Vorsitzender der Deutschen Rugby-Jugend ist, ist guter Hoffnung, dass der wirtschaftlich angeschlagene Deutsche Rugby-Verband die Insolvenz abwenden kann. „Aber wir müssen extrem sparen.“ Den Anschluss „nach ganz oben“ werde Deutschland nicht halten können, sagt Byszio. „Wir müssen von unten alles aufbauen und uns erst einmal in der Jugend breiter aufstellen.“ Die Frankfurter haben es in der Vorsaison mit ihrer exzellenten Jugendförderung vorgemacht: Sie sind auch in allen Nachwuchsklassen deutscher Meister geworden.

          Internationale Fachkräfte auf dem Cheftrainerposten der Nationalmannschaft wie zuletzt den Engländer Mike Ford und den Uruguayer Pablo Lemoine können sich die Deutschen nicht mehr leisten. Den Umbruch beim Fünfzehner-Auswahlteam sollen nun auf Übergangsbasis die ehemaligen Nationalspieler Mark Kuhlmann (Headcoach) und Alexander Widiker einleiten, die es zusammen auf 106 Länderspiele gebracht haben. Beide müssen damit eine Doppelaufgabe bewältigen. Denn Kuhlmann ist Trainer des Meisterschaftszweiten TSV Handschuhsheim, Widiker betreut den Ligarivalen SC Neuenheim. „Unter den aktuellen Voraussetzungen ist es sicher für alle nicht leicht“, sagt Kuhlmann. „Aber wir haben Talente in Deutschland. Ich denke, dass wir schon etwas bewerkstelligen und so den Neuaufbau mit anstoßen können.“ Der beginnt am 2. und 23. November mit den Länderspielen in Polen und in Heidelberg gegen die Niederlande.

          Und während die Rugby-Welt nun gebannt nach Japan blickt, versuchen die Deutschen, bei einer anderen Variante des Rugby, beim olympischen Siebener-Rugby, ein wenig Aufmerksamkeit zu erheischen. Das kleine Highlight nennt sich „Oktoberfest 7s“, es wird an diesem Wochenende im Münchner Olympiastadion ausgetragen. Die Deutschen, die zumindest im Siebener-Rugby als Europameister einen Aufschwung verzeichnen, treffen unter anderem auf Olympiasieger Fidschi.

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