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Rugby : Allein gegen alle

Frankreichs Stürmer William Servat: das reinste Unschuldslamm Bild: AFP

Frankreich gilt im Finale der Rugby-WM in Neuseeland gegen die „All Blacks“ als ungeliebter, krasser Außenseiter. Aber vielleicht ist das die große Chance.

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          Sie haben Hohn und Spott über sich ergehen lassen müssen. Sie mussten sich anhören, dass ihre Finalteilnahme eigentlich ein Frevel am Rugby sei. Sie wurden sogar von ihrem eigenen Trainer, der sie als „verzogene Gören“ abkanzelte, scharf kritisiert. Kaum jemand hat bei der Rugby-Weltmeisterschaft in Neuseeland mehr polarisiert als die Spieler Frankreichs. Sie stehen nun an diesem Sonntag im Endspiel in Auckland Neuseeland gegenüber, aber eigentlich müsste dieses Duell lauten: allein gegen alle, Frankreich gegen den Rest der Rugby-Welt. Vielleicht aber ist gerade das die große Chance der „Grande Nation“. Vielleicht wird der Trotz sie zu einer besonderen Leistung befähigen - und zum ersten WM-Titel überhaupt.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Was nur soll man von einer Mannschaft halten, die sogar gegen Tonga verlor? Und sich im Halbfinale nur mit Mühe gegen Wales durchsetzte, gegen einen Gegner in Unterzahl? Frankreich hat großes Glück gehabt, das steht für die Fachwelt außer Frage. Und es gilt jetzt als krasser Außenseiter gegen die „All Blacks“, die endlich einen großen Makel beseitigen wollen. Die, obwohl legendär im Rugby, bisher nur ein einziges Mal Weltmeister geworden sind - bei der Premiere dieses Championats im Jahr 1987, als sie Frankreich im Finale 29:9 schlugen.

          Zweimal scheiterte Neuseeland an Frankreich

          Aber Neuseeland hat just mit den Franzosen auch einige unangenehme Erfahrungen gemacht. Zweimal bereits scheiterten sie bei Weltmeisterschaften vorzeitig an Frankreich, 1999 und 2007. So wankelmütig die Franzosen in den vergangenen Wochen auch gewesen sein mögen, die „All Blacks“ haben die schmerzhaften Niederlagen gegen sie keineswegs vergessen. Mancher Neuseeländer warnt jetzt deswegen vor einem „Dschungelkampf“. Vor besonders aggressiven Franzosen, vor einem möglicherweise sogar unfairen Gegner. Wayne Shelford jedenfalls, ein ehemaliger „All Black“, mahnte in einem Beitrag für die Zeitung „New Zealand Herald“ zu erhöhter Vorsicht. Frankreich, schrieb er, könnte zu „verzweifelten Maßnahmen“ greifen.

          Frankreich geißelte das als unlautere Stimmungsmache, als Provokation. „Ich habe noch nie eine Rote Karte erhalten“, entgegnete der französische Stürmer William Servat, als wäre er das reinste Unschuldslamm. Und hat Frankreich nicht soeben sogar großes Entgegenkommen gezeigt? Obwohl es in Auckland „Heimrecht“ besitzt, wird es nicht wie gewohnt in Blau antreten, sondern in Weiß - damit Neuseeland nicht auf seine schwarzen Trikots verzichten muss.

          Kicker Morgan Parra: „Kautschuk-Mann“ trägt die Hoffnungen

          Immerhin gibt es auch französische Hoffnungen. Sie werden zum Beispiel von Morgan Parra getragen. Der erst 22 Jahre alte Profi von Clermont Auvergne, Landesmeister des Jahres 2010, bewies seine Klasse gegen Wales, als er alle neun Punkte seines Teams durch Straftritte erzielte. Nationaltrainer Marc Lievremont lobt das klare Denken und den Enthusiasmus des Aufsteigers, der in Frankreich „Kautschuk-Mann“ genannt wird, weil er noch nie ernsthaft verletzt war - obwohl er in der Welt der Kolosse mit einer Körpergröße von 1,80 Meter und einem Gewicht von 80 Kilogramm eher schmächtig wirkt. Parra beruhigte mit seinem glänzenden Auftritt die Debatten in Frankreich um das Nationalteam ein bisschen. Die Diskussionen wurden sehr hitzig geführt, schließlich ist Rugby in manchen Regionen des Landes, etwa im Südwesten, sogar populärer als Fußball.

          Rugbystars haben in Frankreich das Zeug zu Nationalhelden. Sie werden, mit viel nackter Haut, auf Kalendern mit Titeln wie „Dieux du Stade“ (“Götter des Stadions“) präsentiert. Sie erhalten, wie der wuchtige Pariser Angreifer Sebastien Chabal, äußerst lukrative Werbeverträge. Chabal, wegen seines verwegenen Äußeren bisweilen als „Höhlenmensch“ bezeichnet, trieb Frankreichs Team jahrelang an. Nachdem er in einem Buch angeprangert hatte, dass im französischen Rugby die Klubs aus dem Süden bevorzugt würden, auch durch die Schiedsrichter, wurde er für die WM in Neuseeland nicht nominiert. Seine Äußerungen, sagt der deutsche Nationalspieler Robert Mohr, der für La Rochelle in der zweiten französischen Liga spielt, seien ein großer Fehler gewesen. Allerdings hält Mohr es auch für falsch, Chabal nicht in den WM-Kader berufen zu haben. Er sei schließlich ein Mann, „der den Unterschied machen kann, mit einer einzigen Aktion“.

          Lievremont, der 1999 schon als Spieler an einem WM-Finale teilnahm, wird sich mit diesem Fall jedoch nicht mehr beschäftigen müssen. Und der Trainer, der vor einiger Zeit noch mit dem Fußball-Kollegen Raymond Domenech verglichen worden war, der im Zentrum des französischen Desasters bei der Fußball-WM in Südafrika stand, muss auch nicht um seinen Job fürchten - er ist ihn nämlich schon los. Am Ende des Jahres wird Lievremont durch Philippe Saint-Andre aus Toulon abgelöst. Ihm war nicht mehr zugetraut worden, die Zukunft des französischen Rugby zu gestalten. Dafür aber hat er sich mit seinem Team - allen Widrigkeiten zum Trotz - noch einmal mächtig aufgebäumt.

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