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Rudern : Das Ende des Bestandsschutzes

Neue deutsche Welle: Das Comeback des Gold-Achters? Bild: AP

Der Deutschland-Achter suchte südlich von Rom nach der Olympiaformation. Seit dem der Bestandsschutz für das Flaggschiff aufgehoben wurde, wetzt die zweite Reihe die Messer.

          3 Min.

          Warum sollte Klaus Rogge ein Blatt vor den Mund nehmen? Der entschlossene Athlet aus Miltenberg mit kurzgeschorenem Haar und Dreitagebart ist gerade 25 Jahre alt geworden, befindet sich in seinen besten Rudererjahren und möchte sich für die olympische Regatta in Schinias gerne einen Platz im Deutschland-Achter schnappen. "Wir sitzen den Jungs seit zwei Jahren im Nacken", sagt er. "Wir warten nur auf den richtigen Zeitpunkt." Wir: Das ist die Mannschaft, die sich bisher in der nichtolympischen Klasse des Vierer mit Steuermann verdingt hat und die sich im Olympia-Jahr mit solchen Nebenschauplätzen nicht zufriedengeben will. Vierer-Schlagmann Rogge bietet sich sogar für die Führungsposition im Achter an.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Kampfansage der zweiten Reihe

          Die bisher im Flaggschiff etablierten Kollegen nicken bedächtig. Solche Äußerungen überraschen sie nicht. Stephan Koltzk aus Frankfurt an der Oder versucht sogar, die Kampfansage zu erläutern: "Wir machen hier Leistungssport, da ist das nun mal so." Nach den Ruder-Weltmeisterschaften 2001 in Luzern hätten die acht vielleicht etwas vehementer ihre alten Rechte eingefordert. Da gewannen sie nämlich die Bronzemedaille. Oder nach den Titelkämpfen 2002, als sie voller Selbstsicherheit mit Silber aus Sevilla heimkehrten. Doch seit Mailand ist alles anders. Im vergangenen Jahr wurde der Deutschland-Achter, der sich notorisch an der absoluten Spitze orientiert, im WM-Finallauf nur Sechster und Letzter. Die Mannschaft, die seit Juniorenzeiten regelmäßig am Siegersteg angelegt hatte, wurde zum ersten Mal schwer geschlagen.

          Das war das Signal zum Verdrängungswettbewerb. Im Oktober gab Cheftrainer Dieter Grahn bei der Mannschaftssitzung seiner Riemenleute bekannt, daß auf dem Weg zu den Olympischen Spielen kein Achter-Ruderer seinen Platz mehr sicher habe. Der bisher durch Medaillen gerechtfertigte Bestandsschutz war aufgehoben. Und schon begannen die ehrgeizigen Kräfte aus der zweiten Reihe, die Messer zu wetzen. Seitdem herrscht Streß. Mindestens zwölf Leute bewerben sich um acht Plätze, und bis zur Entscheidung beim Weltcup-Finale in Luzern Ende Juni folgt eine Maßnahme der nächsten. Zuletzt quälten sich alle gemeinsam im Trainingslager in Sabaudia südlich von Rom, das in dieser Woche zu Ende geht. Jeden Abend nach dem Essen schlenderten die Ruderer unauffällig zum Anschlagbrett gegenüber der Hotelrezeption und informierten sich über die Trainingsformation des nächsten Tages. Bin ich drin? Bin ich draußen?

          Wer wird Schlagmann?

          Das auffälligste Signal: Ausgerechnet Schlagmann Michael Ruhe aus Hameln wurde in Sabaudia häufig in den Zweier versetzt. Den Platz gegenüber dem Steuermann nahm Enrico Schnabel ein, mit dreißig Jahren der Älteste und Erfahrenste im ganzen Team. Der Dresdener ist ein anderer Typ als der 23jährige Ruhe. Physisch sichtlich stärker als der langgliedrige Konkurrent, sturer und durchsetzungsfähiger als der sensible Techniker, den er vorerst verdrängt hat. Was dieser Wechsel zu bedeuten hat?

          "Wir sind noch in der Findungsphase", sagt Steuermann Peter Thiede, neben seiner Steuer- und Motivationstätigkeit im Boot Grahns rechte Hand mit Trainerfunktion. Drei Probleme hat man im Finale von Mailand ausgemacht. Erstens: Der Deutschland-Achter wurde auf Bahn sechs vom Wind erheblich benachteiligt. Das hätte er allerdings mit einer besseren Plazierung als Rang drei im Halbfinale selbst verhindern können. Zweitens: Innerhalb der Mannschaft gab es atmosphärische Spannungen. Die sollen mit Hilfe eines Psychologen von der Universität Bochum abgebaut werden. Drittens und Schlimmstens: Der Schlagrhythmus im Boot war gestört. Langsam und zunächst unbemerkt hatte sich diese Verschiebung eingeschlichen. "Michael hat sich den Schlag vom Mittelschiff aufdrängen lassen", sagt Thiede. "Er hat sich nicht durchgesetzt." Ausgerechnet bei der Weltmeisterschaft wurde dieses Manko in seiner vollen Tragweite offenbar. Und das angesichts eines Weltmeister-Achters aus Kanada, in dem jeder einzelne seine Kraft voll in die Gemeinschaftsleistung einbrachte - inklusive einer absolut harmonischen Massenverschiebung, obwohl diese Ruderer bei jedem Zug den Oberkörper mit Schwung nach hinten werfen. Bei der Rotseeregatta im vergangenen Jahr hatten sich die Deutschen noch über die veraltete - aber da schon effektive - Technik der Kanadier gewundert. "Wir haben von ihnen gelernt", sagt Enrico Schnabel jetzt.

          Kanadische Kraftprotze setzten Maßstäbe

          Michael Ruhe stimmt ihm zu. Er würde gerne die Schlagposition zurückerobern. "Doch die Frage, ob ich überhaupt zur Mannschaft gehören werde, ist wichtiger als die, wo ich sitze." Im Moment behindert ihn ein Rückenproblem, das er mit Gymnastik und Physiotherapie bekämpft. Seine relativ schwachen Kraftwerte hat er in den letzten Jahren immer durch ausgefeilte Technik wettmachen können. Nun haben die kanadischen Kraftprotze Maßstäbe gesetzt. "Ich würde dem Enrico die Schlagposition gönnen", sagt er noch. Der freut sich und betont: "Wir probieren die Sache erst einmal aus." Peter Thiede sieht Schnabels Einfluß auf die Mannschaft vorerst einmal als stabilisierende Maßnahme. Wie der Deutschland-Achter in Athen aussehen wird, weiß noch niemand. Vier der zwölf Kandidaten werden ausscheiden, zwei davon können als unterprivilegierte Ersatzleute mitreisen, zwei bleiben zu Hause. Die Gesichter sind angespannt. "Wenn es nur mich nicht erwischt", scheinen die Ruderer zu denken. Aber wegducken kann sich keiner.

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