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Rudern : Achter gut, fast alles gut

Fliegt der Steuermann, was das Rennen gut: Martin Sauer landet im See Bild: (c) AP

Das Flaggschiff des Deutschen Ruderverbandes setzt auch bei der Weltmeisterschaft in Neuseeland seine Siegesserie fort. Das vertuscht, dass nicht nur manche DRV-Boote zu langsam unterwegs sind.

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          Wenn ein Ruder-Achter in volle Fahrt gerät, dann schafft er knapp zweiundzwanzig Stundenkilometer. Exakt fünf Minuten und 33,84 Sekunden benötigte zum Beispiel der Deutschland-Achter am Sonntag für die zwei Kilometer lange WM-Strecke auf dem Lake Karapiro in Neuseeland. Lohn der Anstrengung war die erhoffte, wenn nicht erwartete Gold-Medaille zum Abschluss der Weltmeisterschaften. Bei dem Tempo müssen die Trainer, wollen sie parallel zur Regattastrecke mit dem Fahrrad mitfahren, schon einigermaßen in die Pedale treten, um mitzuhalten. Für eine Autofahrt ist das Tempo allerdings lächerlich. Zumindest, wenn die erlaubte Höchstgeschwindigkeit bei 100 Kilometern in der Stunde liegt.

          Mit Tempo 30 soll der deutsche Ruder-Cheftrainer Hartmut Buschbacher eines späten Abends in Neuseeland unterwegs gewesen sein, allerdings nicht im Wohngebiet. Andere Autofahrer verständigten wegen der auffälligen Fahrweise in der Nacht zum vergangenen Dienstag die Polizei. Buschbacher verweigerte bei der anschließenden Kontrolle eine Blutprobe. Jetzt muss er nach Abschluss der WM an diesem Montag vor Gericht erscheinen. Der Deutsche Ruderverband (DRV) hat den Vorfall bestätigt, wollte aber ebenso wie Buschbacher bis zum Gerichtstermin keine weitere Stellungnahme abgeben.

          Noch Platz nach oben nach Silber und Bronze bei den Frauen

          Unschöne Meldungen musste die deutsche Ruderflotte auch auf dem Wasser hinnehmen: In den 14 olympischen Bootklassen konnte die Flotte insgesamt nur drei Medaillen einfahren. Der Leichtgewichts-Doppelzweier mit Daniela Reimer und Anja Noske gewann Silber; der Frauen-Doppelvierer mit Schlagfrau Julia Richter Bronze. „Wir sind glücklich über den Medaillengewinn, haben aber noch Platz nach oben“, sagte Julia Richter. „Wir wollen zu den Olympischen Spielen in London. Das war heute ein Schritt in die richtige Richtung“, sagte Anja Noske.

          Starke Männer und ihre Medaillen: Gold für den Deutschland-Achter

          Im letzten Rennen der Titelkämpfe wurde dann der seit zwei Jahren ungeschlagene deutsche Achter um Schlagmann Sebastian Schmidt seiner Favoritenrolle gerecht und gewann vor Großbritannien und Australien. Trainer Buschbacher geriet ins Schwärmen: „Das war ein phantastisches Rennen - reif für das Lehrbuch.“ Steuermann Martin Sauer kündigte nach dem zweiten WM-Gold des Großboots umgehend weitere Großtaten an: „Zu einer Ära gehören mehr als zwei gute Jahre. Mindestens ein ganzer Olympiazyklus. Wenn nicht sogar noch mehr.“ Auch Achter-Trainer Ralf Holtmeyer blickte bereits Richtung London 2012: „Wir sollten bescheiden bleiben und dürfen uns auf diesem Sieg nicht ausruhen. Schon jetzt beginnt die Vorbereitung für die Olympischen Spiele.“

          Drei der wichtigsten Boote kam nicht ins Finale

          Insgesamt konnte die prächtige Stimmung der mehr als 10 000 Zuschauer am Ufer des idyllischen Sees die deutschen Ruderer nicht inspirieren. Auch wenn es am Ende von Verbands-Seite hieß: „Achter gut, alles gut“, fällt die Gesamtbilanz dürftig aus. Der Doppelvierer mit Schlagmann Mathias Rocher (Magdeburg) wurde als Goldkandidat gehandelt, kam aber nur als Vierter ins Ziel.

          Auch die Titelverteidiger aus dem leichten Vierer ohne Steuermann um Schlagmann Martin Kühner (Saarbrücken) mussten sich mit Rang vier begnügen. „Wir haben unser Bestes gegeben, es hat halt nicht gereicht. Fehler sind mir nicht aufgefallen“, sagte Kühner. Eric Knittel und Stefan Krüger, Titelverteidiger mit dem Doppelzweier, sowie Annekatrin Thiele/Stephanie Schiller (ebenfalls Doppelzweier) belegten jeweils den sechsten und somit letzten Finalplatz.

          Vier Goldmedaillen in den nicht-olympischen Klassen

          Und drei der wichtigsten Boote, Frauen-Achter, Frauen-Einer und Männer-Einer, schafften nicht mal den Einzug in den Endlauf. U 23-Weltmeister Karl Schulze konnte als Ersatzmann für Marcel Hacker nur im Vorlauf überzeugen, im Halbfinale schied er dagegen als Letzter aus. Hacker hatte seine Saison aus gesundheitlichen und privaten Gründen vorzeitig beendet, will im kommenden Jahr aber noch einmal angreifen.

          Eine deutlich bessere Ausbeute gab es für die Deutschen nur in den nicht-olympischen Bootsklassen. Gold ging an den leichten Frauen-Einer, den leichten Männer-Achter und an die beiden leichten Doppelvierer. Der Zweier mit Steuermann gewann Bronze. Diese Erfolge konnten Buschbacher aber nur bedingt aufheitern: „In den nicht-olympischen Klassen lief es sehr gut. Aber die stehen ja nicht so im Vordergrund.“

          Der Bundestrainer hat Wechselgerüchte dementiert

          Der Cheftrainer, der bei den Titelkämpfen im Vorjahr nach drei Siegen von einem Aufwärtstrend gesprochen hatte, konnte insgesamt nicht zufrieden sein: „Wir dachten, dass wir uns im Kampf um Gold und Silber stärker in Szene setzen können.“ Derweil hat er Gerüchte dementiert, wonach er den deutschen Verband verlassen und zum britischen wechseln wird. „Meine Position ist in Deutschland. Ich möchte meine Aufgabe, die ich übernommen habe, zu Ende bringen“, sagte er dem Sport-Informations-Dienst. Der 52 Jahre alte Buschbacher hatte den Posten beim DRV nach dem Schiffbruch in Peking übernommen, als die deutsche Flotte ohne Goldmedaille geblieben war. Sein Vertrag gilt bis 2012.

          Das von Verbandspräsident Siegfried Kaidel ausgegebene Ziel, in London vier Goldmedaillen zu gewinnen, liegt nach der Halbzeit-WM in Neuseeland aber wieder in weiterer Ferne. Wer zu langsam fährt, hat eben Probleme. Dass ist auf dem Wasser nicht anders als an Land.

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