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Ruderer Oliver Zeidler : Gegen jede Logik der Leistungssportler-Aufzucht

Alles Gewicht in die Riemen: Oliver Zeidler ist die deutsche Hoffnung im Ruder-Einer. Bild: dpa

Einer-Ruderer Oliver Zeidler schreibt bei der WM in Österreich eine der ungewöhnlichsten Umsteiger-Geschichten. Bis vor drei Jahren war er noch Schwimmer. Nun hofft er nach dem Halbfinalsieg auf eine Medaille.

          „Ich bin nicht hier“, sagt Oliver Zeidler, „um noch einmal Sechster zu werden.“ Allzu bescheiden muss der beste deutsche Einer-Ruderer seine Erwartungen auch nicht mehr formulieren, nach zuletzt imponierenden Bestzeiten und großen technischen Fortschritten im Training. Bei den Weltmeisterschaften in Ottensheim bei Linz schickt er sich an, eine der ungewöhnlichsten Quereinsteiger-Geschichten des olympischen Sports zu schreiben. Nach lockeren Siegen im Vorlauf und im Viertelfinale am Mittwoch ist ihm auch im Halbfinale am Freitag ein „Rennen nach Maß“ gelungen, wie er es nennt. Mit dem Sieg sicherte er sich nebenbei die QUalifikation für die Olympischen Spiele.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Und im Finale am Sonntag hat Zeidler das Siegerpodest im Visier, auf dem er, egal auf welcher Stufe, mit seinen 2,03 Metern alle anderen überragen dürfte. „Wenn ich ohne Medaille heimfahre“, sagt er, „wäre ich enttäuscht.“

          Es sind Sätze, wie man sie für gewöhnlich nicht von einem hört, der seinen Sport erst seit drei Jahren ausübt. Zeidler, dessen hünenhafter Körper mit den gewaltigen Hebeln der langen Arme und Beine wie geschaffen dafür scheint, sich im Wasser kraftvoll fortzubewegen, war vorher Schwimmer, ein sehr guter, der Beste seines Jahrgangs in Deutschland, doch für die Qualifikation für Olympia in Rio 2016 reichte es nicht. Danach „hat sich meine Trainingsgruppe zerschlagen, und das Schwimmen hat mir keinen Spaß mehr gemacht“.

          Spross eine Ruderdynastie

          Es war Zeit für etwas Neues. In jenem Sommer „habe ich meinen Vater mal gefragt, ob er mir das Rudern beibringen kann“, erzählte Zeidler kurz vor der WM im Trainingslager in Oberschleißheim bei München. „Das hat er natürlich gern gemacht.“ Umso lieber wohl, weil der Spross der Zeidler’schen Ruder-Dynastie, beginnend mit Opa Hans, Olympiasieger im Vierer 1972, fortgesetzt mit Vater Heino, zweimaliger WM-Vierter und nun Trainer seines Sohns, weiter mit Tante Judith, 1988 Olympiasiegerin im DDR-Achter, und Onkel Matthias Ungemach, 1990 Weltmeister im Deutschland-Achter, bis zu Schwester Marie-Sophie, die bei der WM im deutschen Achter sitzt – weil dieser sportlich so begabte Zögling bis dahin völlig aus der Art geschlagen war. Nur einmal, als er zwölf war, hatte man den Knaben in ein Ruderboot bewegen können. „Als ich dann reingefallen bin, bin ich lieber im Wasser geblieben“, erinnert er sich. „Schwimmen war einfach mehr mein Ding damals.“

          Aber dann wurde es doch das Rudern. Erst an Land, auf dem Ergometer, mit dem er deutscher Meister, dann Weltmeister wurde, Zeugnis seiner überragenden Physis. Dann auch im Einer-Boot, das er mit zwanzig Jahren erstmals bestieg und in dem er bald alle in Deutschland schlug. Er merkte rasch, dass sich ihm auf dem Wasser Aussichten eröffneten, die er im Wasser nicht hatte. „Im Schwimmen hast du die Amerikaner, die Australier, die das sehr dominieren, fast schon deprimierend. Im Rudern ist das ganz anders, da hat man wirklich Medaillenchancen, wenn man zur WM oder Olympia fährt.“

          Gegen jede Logik

          Die Gene waren richtig fürs Rudern. Das Gefühl für das Wasser war es auch, dank des jahrelangen Schwimmtrainings. Und auch für die Härte des Trainings, die man als Ruderer aushalten muss, war Zeidler durch viele Jahre im Becken gestählt. Es scheint fast, als habe er am Ende nur noch die für ihn beste Form der Fortbewegung finden müssen. „Ich hatte als Schwimmer schon eine Superausdauer, Superwerte. Ich war nur aufgrund meines Körpergewichts etwas benachteiligt, denn im Schwimmen zieht man jedes Kilo durchs Wasser“, sagt der 105-Kilo-Riese. „Im Rudern trägt das Boot einen über das Wasser. Und man hat eher noch einen Vorteil dadurch, dass man mehr Gewicht ans Blatt bringen kann.“

          All das klingt fast logisch. Und doch, dass es so unglaublich zünden würde, dass da wie aus dem Nichts ein neuer großer deutscher Einer-Ruderer auftauchen würde, der die Tradition eines Kolbe, Lange oder Hacker fortzusetzen verspricht, das war so gegen jede bekannte Logik der Aufzucht von Leistungssportlern, dass es selbst den altgedienten Cheftrainer Ralf Holtmeyer verblüffte. Er nannte Zeidler „einen Sechser im Lotto“. Ein Lotto, bei dem allerdings nicht viel im Topf ist. Für seinen Europameistertitel im Juni bekam Zeidler keinen Cent, auch bei der WM ist kein Preisgeld zu verdienen. Angesichts der ungünstigen Kosten-Nutzen-Relation dieses aufwendigen Amateursports hat der Steuerrechts-Student schon ein mögliches Ende der Karriere nach den Spielen von Tokio kalkuliert – einer Karriere, die dann erst vier Jahre alt wäre.

          Die aber die große Strahlkraft erst noch entfalten soll. „Das kann mir so niemand in der Welt nachmachen“, sagte Zeidler am Mittwoch über den Vorteil des Quereinsteigers, „die extreme technische Weiterentwicklung, die ich mache, diese großen Fortschritte.“ So hat er zuletzt seinen Ruderschlag um ein paar Zentimeter verlängert, um ihn kraftvoller und stabiler zu machen. „Das ging bei mir relativ schnell, dadurch dass ich noch nicht so lang dabei bin und sich noch nichts festgegraben hat im Hirn.“ Bei den Konkurrenten ist das anders, denen gräbt sich dieser Schwimmer, der an Bord kam, immer mehr ins Hirn.

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