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Leichtgewichtsruderer Osborne : Abkochen und umsatteln

Noch zu Wasser unterwegs, bald auf dem Land: Jason Osborne (links) mit seinem Kollegen Jonathan Rommelmann. Bild: dpa

Der Leichtgewichtsruderer Jason Osborne kämpft im Zweier mit Jonathan Rommelmann bei der WM in Österreich um Medaillen. Nach den Olympischen Spielen will er Radprofi werden.

          Auch am Donnerstag wurde vor der Arbeit erst mal gemeinsam abgenommen. Leichtgewichtsrudern ist, wie jede Sportart mit Gewichtslimit, ein ewiger Kampf gegen Kilos. Aber wenigstens kann man sich dabei gegenseitig, im buchstäblichen Sinne, etwas abnehmen. „Mein Zweierpartner hat es ein bisschen schwieriger mit dem Gewicht“, sagt Jason Osborne über Jonathan Rommelmann. „Da wir ein Team sind, schwitze ich natürlich mit ab.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          140 Kilo dürfen sie zusammen wiegen. Wenn einer drüber liegt, nimmt auch der, der für sich allein kein Gewichtsproblem hat, mit ab. Ein Fall von Lastenteilung. Bei der WM in Österreich wird der deutsche Leichtgewichts-Doppelzweier am Samstag vor dem Finale also zum vierten Mal binnen einer Woche, wie vor jedem Rennen seit dem ersten Vorlauf, „abkochen“ müssen. Also, laut Osborne: „Morgens vor dem Wiegen auf die Fahrrad-Rolle, dick angezogen, 30 bis 45 Minuten, dann ein bisschen nachschwitzen, kalt abduschen, und dann hat man es auch schon.“

          Bisher gelingt es ohne erkennbaren Kraftverlust. Zwar hat das Anfang der Saison aus zwei starken Einer-Ruderern neu gebildete Duo, das ungewöhnlich schnell harmonierte, nach dem EM-Sieg und zwei Weltcup-Erfolgen am Donnerstag im WM-Halbfinale seine erste Niederlage erlitten, knapp hinter den Iren. Doch im Vordergrund stand die Olympiaqualifikation, die mit dem Erreichen des Finallaufs geschafft ist. „Die Pflicht ist erfüllt, jetzt geht es um die Medaillen“, sagt der für den Mainzer Ruderverein startende Osborne. Eine Pflicht, die anderen so schwer fällt wie seit Jahrzehnten nicht. Schon drei Renntage vor dem Ende der WM haben die Deutschen in der Hälfte der 14 olympischen Bootsklassen die direkte Qualifikation für Tokio verpasst und bekommen nur noch eine letzte Olympiachance bei der Restplatz-Regatta in Luzern im Mai 2020 – ein klägliches Ergebnis.

          Aus dem olympischen Programm

          Osborne dagegen weiß jetzt schon, dass er in Tokio mit seinem Partner „um die Medaillen mitfahren“ wird – und dass es die letzte Chance ist. Leichtgewichtsrudern, 1996 bei Olympia eingeführt, um den Sport global zu öffnen, etwa für asiatische Länder, soll nach Wunsch des IOC nach den Spielen 2020 wieder aus dem Programm verschwinden. Deshalb haben die beiden Ruderer dann andere Pläne, sehr unterschiedliche. Rommelmann nimmt sich sein Praktisches Jahr als Arzt vor – und Osborne eine Karriere als Radprofi.

          Der Sohn einer Deutschen und eines Briten hat auf dem Rennrad, das er wie einige Trainingskameraden in Mainz als Ausgleich und Abwechslung zum Training im Wasser anschaffte, nicht nur festgestellt, wie er davon im Boot profitiert, durch die Stärkung der Bein- und Hüftmuskulatur etwa oder die Fähigkeit, auf langen Anstiegen ähnliche Schmerzen auszuhalten wie am Ende eines Ruderrennens. Er merkte auch, wie schnell er auf der Straße ist. Vor einem Jahr meldete Osborne sich zum Spaß für die deutschen Radmeisterschaften an und belegte im Einzelzeitfahren Platz acht. Dieses Jahr wurde er Sechster.

          Straßenrennen im Pulk will der 25-Jährige bis Olympia nicht wagen, „zu viel Risiko“. Dann aber angreifen, „alles auf eine Karte setzen und es beim Radfahren probieren“. Er hat bereits Kontakte zu zwei Profiteams, die von seinen Leistungswerten „beeindruckt“ seien, „aber das heißt noch nichts“. Nur dass man ihn auf dem Schirm habe und „dass ich vielleicht dort mal als Praktikant fahren darf, nicht unter Vertrag, nur zur Probe“. Sein Vorbild ist der frühere Skispringer Primoz Roglic, der Tour- und Giro-Etappen gewonnen und die Tür aufgestoßen hat.

          Öffnen

          „Der Radsport öffnet sich gerade für Quereinsteiger“, sagt Osborne und nennt den Kanadier Michael Woods, der als früherer Mittelstreckenläufer erst mit 24 Jahren aufs Rennrad stieg und 2018 WM-Dritter wurde, und den 19-jährigen Remeco Evenepoel, der belgischer Junioren-Nationalspieler im Fußball war und diesen Sommer sein erstes Rennen im Rad-Weltcup gewonnen hat. „Das spielt mir ein bisschen in die Karten, weil man derzeit im Radsport merkt: Es kann funktionieren.“

          Aus dem Rudern bringt Osborne, 2018 Weltmeister im Leichtgewichts-Einer, die Empfehlung großer Trainings- und Wettkampfhärte mit. Und dazu eine Teamfähigkeit, die sich auch im gemeinsamen „Abkochen“ äußert. Nicht die schlechteste Referenz. Auch als Radprofi muss man vor allem für andere schwitzen.

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