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Ruderer Hacker : Wie ein Gebrauchtwagen mit wenig Meilen

  • -Aktualisiert am

Neuer Ehrgeiz: Marcel Hacker hat die Olympiaschen Spiele 2012 im Visier Bild: AP

Marcel Hacker verzichtet wegen der bevorstehenden Geburt seines Kindes auf die Ruder-WM in Neuseeland. Dafür hat der ehemalige Ruder-Weltmeister aber für 2012 im Visier. Dank härterem Training heißt die Parole: „Gold“.

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          Vom Wasser aus betrachtet, sagt Marcel Hacker, ist Frankfurt eine ruhige Stadt. Er sitzt, die Beine weit von sich gestreckt, vor dem gediegenen Klubhaus der Rudergesellschaft Germania in der Sonne, direkt am Museumsufer, und plaudert in den Vormittag hinein. Im Nebengebäude, dem Städel, bauen sie gerade die Reste der Kirchner-Ausstellung ab. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses glitzern die Banken-Hochhäuser. Die Stadt ist hier gleichzeitig nah und weit weg. Morgens früh um sechs, sagt Hacker, wenn Sommer ist und hinter dem Bahnhofsviertel die Sonne aufgeht, ist es schön auf dem Wasser. Die Trainingsjahre des Ruderers reihen sich aneinander, eins nach dem anderen, er ist jetzt 33. Vieles erscheint ihm wie eine unendliche Wiederholung. „Langweilig“, sagt er unverblümt. „Grottenscheiße.“ Und schüttelt sich ein bisschen. Aber manchmal kann er die Ruhe und die Einsamkeit auf dem Wasser genießen. „Und danach gehe ich schön frühstücken - wunderbar.“

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Im Moment hat Hacker viel Zeit. Ihm tut immer noch seine lädierte Rippe weh, die ihm vom Start beim Weltcup-Finale in Luzern abhielt, und er kann nicht voll trainieren. Zwei Stunden am Tag, so ungefähr. Gleich will er mit einem Freund in den Taunus aufbrechen, dort werden sie Mountainbike fahren. Hacker freut sich auf seinen Urlaub. Bald wird er zusammen mit seiner schwangeren Freundin Katina an die Havel fahren.

          Vor ihm liegt eine lange Phase der Ausgeglichenheit. Ein paar Langstreckenrennen, die er beinahe aus dem Training heraus bestreiten kann. Im November, wenn die anderen deutschen Spitzenleute zur Weltmeisterschaft nach Neuseeland fahren, kommt das Kind. „Da will ich meine Frau nicht sechs Wochen allein lassen“, sagt Hacker. Er verzichtet auf das wichtigste Großereignis auf dem Weg zu Olympia 2012. Einen Trainingsplan für den Herbst hat ihm sein Trainer noch nicht gegeben. „Das wird schon“, sagt er.

          Neue Reife: Marcel Hacker hat seine Ausgeglichenheit gefunden

          Das Ziel: Olympia-Gold 2012

          Irgendwann wird Hacker wieder Druck machen müssen. 24 Monate liegen vor ihm, dann will er allen beweisen, dass er noch lange kein hoffnungsloser Fall ist. Dann will er bei seinen vierten Olympischen Spielen endlich das Gold holen. „Deshalb geht man an den Start“, sagt Hacker und richtet sich auf. „Für einen dritten Platz brauche ich mir nicht weh zu tun.“ Zuerst gesagt hat das mit der Goldmedaille aber nicht er. Cheftrainer Hartmut Buschbacher gab im Juni ein Fernsehinterview, in dem er Hackers geheimes Ziel preisgab.

          Hacker sah sich das Interview an, dann spulte er zurück und schaute es sich noch einmal an. „Ich habe jedes Mal das Wort Gold gehört“, sagt er. „Dann habe ich gesagt, okay, damit kann ich umgehen. Die Parole heißt jetzt Gold.“ Er müsse das zusammen mit seinem Mentaltrainer verarbeiten. „Damit ich nicht mit einem solchen Rucksack losgehen muss.“

          „Kann sein, dass ich mehr rudern muss“

          Hackers Mentaltrainer heißt Katina. Sie betreibt in Blankenburg im Harz einen „Gesundheits- und Präventionsklub“. Die beiden sind seit 15 Monaten ein Paar, bei ihr ist jetzt Hackers Zuhause. Vielleicht steigt er dort ja sogar einmal als Trainer ein, eine Ausbildung hat er angefangen. In Frankfurt trainiert er nur noch, manchmal auch in Magdeburg, wo er geboren ist. „Ich habe mein gesamtes Umfeld neu sortiert“, sagt Hacker. Zusammen mit Katinas Bruder Thilo Reinsch hat er sein Krafttraining verfeinert. Für seine Trainingspläne sind der Frankfurter Ralf Hollmann und Buschbacher zuständig.

          Mit dem Cheftrainer hat er sich im Februar im Trainingslager in Neuseeland zusammengesetzt, und der hat ihm klargemacht, worauf es bis London 2012 ankommen wird. Der erfahrene Fachmann mit Wurzeln in der DDR, der in den Vereinigten Staaten und in China erfolgreich gearbeitet hat, erkannte bei Hacker ein Ausdauerproblem. Vielleicht sogar als sein Grundproblem. Hacker, der 2002 in Sevilla Einer-Weltmeister wurde, ist seither immer wieder auf den letzten Metern überspurtet worden. Oder er fand überhaupt nicht in den Wettkampf, wie bei Olympia 2004 und 2008, wo er jeweils den Endlauf verpasste.

          Vielleicht aus Angst vor dem bitteren Ende? Hacker versucht, diesem Thema auszuweichen. Kritik an seinem einst symbiotischen Allround-Coach Andreas Maul will er nicht üben (siehe auch: Rudern: Marcel Hackers Achterbahnfahrt nach Peking) Doch im vergangenen Jahr, das er im Doppelvierer bestritt und mit dem dritten Platz bei der WM abschloss, verbesserte er spürbar seine Leistungsfähigkeit. „Kann sein, dass ich mehr rudern muss“, sagt Hacker schließlich vorsichtig. „Hartmut sagt so was, und ich akzeptiere das so. Er hat sicher seine Gründe.“ Buschbacher sagte zu ihm: „Du bist wie ein guter Gebrauchtwagen mit wenig Meilen drauf.“

          Letzter Versuch London

          Mehr rudern also. Noch mehr Stunden auf dem Wasser, obwohl er ein Mensch ist, der ständige Abwechslung braucht und eigentlich lieber Fahrrad fahren würde, mit dem Mountainbike oder dem Rennrad. Aber Hacker glaubt, dass er das härtere Training aushalten wird. „Man muss das vom Ende aus beurteilen“, sagt Hacker. „Wenn der Erfolg da ist, hat es sich gelohnt.“

          Er ist sicher, dass er die Spannung bis zum August 2012 hoch halten kann. Es gebe im Rudern nichts Besseres als den Wettkampf im Einer, sagt er. „Wenn man sich nur noch mit der Materie und dem Rest der Welt auseinandersetzt.“ Das Projekt London 2012 dürfte Hackers letzter Versuch werden, sein Talent ganz auszuschöpfen. „Ich habe den Biss“, bekräftigt er. „Ich habe den Hunger auf Erfolg.“

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