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Ruder-WM : Deutschland-Achter gewinnt Gold

Der Achter gewann das einzige WM-Gold für Deutschland Bild: dpa

Der Deutschland-Achter hat bei der Ruder-WM in Eton erstmals seit 1995 wieder die Goldmedaille gewonnen. Das deutsche Flaggschiff gewann das Finale mit einer halben Länge Vorsprung auf Italien und Titelverteidiger Amerika.

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          Elf Jahre Wartezeit, und dann die Krönung unter Schloß Windsor. Erstmals nach 1995 ist der Deutschland-Achter der beste der Welt. Auf dem Dorney Lake, der Ruderstrecke des Eton College in Sichtweite des Sitzes der Könige von England, zeigte das deutsche Großboot zum Abschluß der Ruder-Weltmeisterschaften am Sonntag eine famose Leistung und gewann vom Start weg überlegen vor Italien und den favorisierten Amerikanern. Peter Thiede, seit 15 Jahren Steuermann, wurde von den riesigen Ruderern vor Begeisterung wie ein Stofftier hochgehoben und gedrückt.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          „Der Sieg zeigt, daß ich alles richtig gemacht habe“, sagte der umstrittene Bundestrainer Dieter Grahn, der während der Saison zweimal den Schlagmann gewechselt hatte, ehe er am Ende dem erfahrenen Bernd Heidicker vertraute. „Der Junge kann ein Rennen einteilen und ein Boot führen“, sagte Grahn und sah sich in seiner „schwierigen Entscheidung“ bestätigt. „Wir waren schon mal am Titel dran, dann haben wir sechs Jahre gebraucht, um wieder dorthin zu kommen.“ Nicht alle haben daran geglaubt, so stieg die Deutsche Telekom vor einem Jahr aus, und seitdem sucht der Achter vergeblich einen neuen Sponsor. Nun sollte es nicht mehr schwer sein.

          Ein Hauch von Klinsmann

          Der Achter-Erfolg überstrahlte das deutsche WM-Ergebnis, nachdem im vorletzten Rennen Elke Hipler und Nicole Zimmermann, die nach ihrer Bronzemedaille im Zweier den Achter der Frauen auf Platz zwei hinter den Amerikanerinnen geführt hatten. Daneben gab es noch zwei WM-Titel für deutsche Ruderer in den unbedeutenden nichtolympischen Bootsklassen, im Vierer mit Steuermann und Leichtgewichtszweier-ohne - in ihnen sitzen Ruderer, die es in die Top-Boote nicht geschafft haben. In den olympischen Klassen aber drohten deutsche Ruderer erstmals ohne WM-Titel zu bleiben - bis der Achter kam. Ihr Gold übermalte am Ende die „Fehlfarben“ im Medaillenspiegel, viermal Silber und einmal Bronze in den 14 olympischen Klassen. Fast mehr noch als mit Medaillen überzeugte das Team mit jugendlicher Angriffslust und Begeisterung - ein Hauch von Klinsmann weht auch in den deutschen Rudersport.

          Anderen fehlte nur eine Winzigkeit zum Sieg. Vor allem Marcel Hacker, der sich wohl endgültig von seinem olympischem Trauma von 2004 verabschiedete und im schnellsten Einer-Rennen der Geschichte vom neuseeländischen Titelverteidiger Cliff Drysdale nur um 0,09 Sekunden geschlagen wurde. Vor der Siegerehrung klappte der 29jährige Deutsche zusammen, war nach einer Infusion durch den Notarzt aber schnell wieder auf den Beinen. Drysdale, der in 6:35,40 Minuten ebenso wie der Deutsche in 6:35,49 Hackers vier Jahre alte Weltbestzeit (6: 36,33) unterbot, erwartet seinen deutschen Rivalen 2007 „zurück, und stärker denn je“.

          China, die neue Macht

          Fast ebenso knapp verloren im Doppelzweier Britta Oppelt und Susanne Schmidt, die bei der WM ihren ersten gemeinsamen Wettkampf bestritten und nur 0,28 Sekunden hinter Sieger Australien ankamen. Oder der Vierer der Männer, der mit einem unglaublichen Endspurt von Platz sechs auf Platz zwei flog und den seit 24 Rennen ungeschlagenen Engländern einen schönen Schrecken einjagte. Erleichtert befand Sir Steven Redgrave, der legendäre Brite, der bei allen Spielen von 1984 bis 2000 olympisches Gold gewann: „Die Deutschen haben die völlig falsche Renneinteilung“. Doch es ist eine sehr junge Crew, wie DRV-Sportdirektor Michael Müller herausstellte, und sie lernt vielleicht bis zur WM 2007 in München, auf den ersten 1500 Metern nicht mehr Boden zu verlieren, als sie auf den letzten 500 aufholen kann. Aber die Unberechenbarkeit ist ja auch ein schöner Trumpf. „Vielleicht ist es unser Geheimnis“, sagte Georg Hauffe, „daß wir jung und wild sind“.

          Jung und wild, mutig und angriffslustig, kein Titel, aber viel Begeisterung: ein kleiner Klinsi-Effekt, vom Rasen aufs Wasser transportiert. Wird es auch hier eine Trendwende? Früher war der DRV der erfolgreichste Verband der Welt, nun sind es die Ruderer aus Nordamerika, Australien und Neuseeland - sie haben einst deutsche Methoden kopiert, deutsche Trainer verpflichtet, nun gewinnen sie die Goldmedaillen, die früher deutsche Sportler gewannen. In Eton gingen sieben Siege in den 14 olympischen Bootsklassen nach Übersee, davon zwei nach China, die neue Macht für Olympia in Peking 2008.

          „Wir wollen ganz vorn anklopfen“

          „Diese Länder kommen im Training auf 30 Stunden pro Woche und mehr, davon können wir nur träumen“, sagt Müller. „Dieser Vorteil zeigt sich vor allem in der größeren Ausdauer - die Überseenationen sind auf den letzten fünfhundert Metern ungeheuer stark.“ Er will den Nachteil bis 2008 wettgemacht haben. Dafür muß man „professionelle Bedingungen schaffen“, so der Sportdirektor. Möglich machen soll es die Zusammenarbeit mit der Sporthilfe und mit Firmen, die sich um das berufliche Fortkommen der rund 25 Ruderer kümmern sollen, die das „Top-Team Peking“ bilden werden. Am Ende will Müller in der Lage sein, denen, die sich von 2007 an ganz auf Olympia konzentrieren, „soziale Absicherung bis Peking“ zu bieten; und jedem, „der jetzt sagt, daß er 2008 aufhört, eine Jobgarantie ab dem 1. Oktober 2008“. Das Ziel: „Wir wollen in Peking nicht mitrudern, sondern ganz vorn anklopfen“. Das haben sie mit einigen Booten schon in Eton getan, doch erst die letzte und schönste Tür ging auch auf.

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