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Ruder-Weltmeister Zeidler : Ein Ruderer und das einsame Feilen

  • -Aktualisiert am

Einsamer Einer-Ruderer Oliver Zeidler: „Ich bin es ja gewohnt“ Bild: Picture-Alliance

Mal rudert er längere Strecken, mal kürzere, dafür mit höherer Schlagzahl: Ruder-Weltmeister Oliver Zeidler und sein Trainer-Vater Heino nutzen die Corona-Pause. Für die olympische Regatta in Tokio. Vielleicht.

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          Dort hinten, am Ende der Regattastrecke im Münchner Norden, stört nur noch der Motorenlärm die Ruhe. Die Badegäste sind weit entfernt. Oliver Zeidler sitzt in seinem Ruderboot, daneben fährt sein Vater und Trainer in einem gelben Motorboot. Der Einer-Weltmeister hat gerade die ersten beiden Kilometer des Tages hinter sich, aber er zeigt keine Spur von Anstrengung.

          Es ist ja auch nur ein lockeres Warmrudern für die Sprints, bei denen Heino Zeidler später die Zeit stoppen wird. „Olli, weißt du schon was?“ ruft er kurz darauf die paar Meter über das Wasser. Olli, Oliver, deutet in eine Richtung und antwortet laut: „Ab 1000 Meter.“ Als er auf Höhe der von ihm gewählten Marke ist, drückt Heino Zeidler die Stoppuhr und fährt dann mit dem Blick auf die Zeit neben seinem Sohn her, knapp 1:40 Minuten braucht der für den halben Kilometer. „Sehr gut gemacht, super Zeit“, sagt der Trainer-Vater. Oliver Zeidler sackt kurz in seinem Boot zusammen, zum ersten Mal an diesem Nachmittag ist ihm die Anstrengung anzumerken.

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          Fast jeden Tag, seit Anfang April, als er mit einer Sondergenehmigung wieder auf die wegen Corona gesperrte Olympia-Regattastrecke durfte, ist Oliver Zeidler auf dem Wasser. 16 Stunden pro Woche. Immer allein mit Vater Heino. Mal rudert er längere Strecken, mal kürzere, dafür mit höherer Schlagzahl. Macht das nicht mürbe? „Ja, aber ich bin es ja gewohnt“, sagt er. „Für mich hat sich nicht so viel verändert im Vergleich zu den anderen Jahren.“

          Für einen Einer-Fahrer seiner Klasse gibt es so gut wie nie Trainingspartner, die halbwegs mithalten können. Die anderen deutschen Weltklasse-Skuller sitzen im Doppelzweier oder Doppelvierer. Aber in dieser Saison ist eben trotzdem vieles anders. Die Trainings-Öde wird im Sommer normalerweise durch Wettkämpfe unterbrochen, deutsche Meisterschaften, Weltcups, den Saisonhöhepunkt, der entweder eine Weltmeisterschaft ist oder Olympische Spiele. In diesem Jahr ist Anfang Oktober die Europameisterschaft in Posen geplant, als einzige internationale Regatta. Und auch das steht erst seit kurzem fest.

          Zeidler musste wegen Olympia das Master-Studium in Oxford, das er im Herbst aufnehmen wollte, verschieben, den Arbeitgeber, einen Finanzdienstleister, noch ein weiteres Jahr um Arbeitszeitanpassung bitten. Und die Suche nach Sponsoren ist in diesen Zeiten auch nicht einfacher geworden. Natürlich eine schwierige Situation für alle Sportler, sagte Heino Zeidler, aber „das Jahr hat Olli gut getan.“ Die Zeit ohne Wettkämpfe meint er. „Er ist noch stärker geworden.“

          2017 fuhr Oliver Zeidler seine ersten Regatten, ein Jahr später holte er den Gesamtweltcup, und in der vergangenen Saison wurde er zuerst Europameister und dann Weltmeister. Damit galt er als stärkster Ruderer der Welt, aber als einer, der noch nicht perfekt war. Wer im Sauseschritt den Rudersport erlernt und dann auf Anhieb in die Weltspitze vorgedrungen ist, hat dies natürlich einer Hochbegabung zu verdanken, den „krass guten Ausdauerwerten“, wie Vater Heino sagt, die Zeidler mitbrachte von seiner Schwimmkarriere, ebenso das Gefühl fürs Wasser. Aber technisch war er nicht ausgereift.

          Die Wochen einsam auf dem Regattasee, ohne nahes sportliches Ziel, haben die beiden genutzt, um zu feilen, kleine Fehler auszuschalten. „Jetzt“, sagt der Trainer, „ist die Technik perfekt“. Der 24 Jahre alte Zeidler muss sich im Wasser kaum mehr auf die stabile Haltung seines linken Knies konzentrieren oder darauf, den Ruderschlag richtig durchzuziehen. Nur manchmal fällt dem Vater noch etwas auf. „Olli, Hände“, ruft er plötzlich, weil Zeidler die Ruder ein paar Millimeter zu weit hinten greift.

          Heino Zeidler saß selbst einmal im Ruderboot, war Junioren-Weltmeister. Später brachte er Kindern das Rudern bei, mit dem Trainerberuf ernsthaft beschäftigt hat er sich der Polizeibeamte aber erst, als der Sohn vom Becken ins Skiff wechselte. 2017 war das, nachdem sich die Trainingsgruppe beim Münchner Schwimmverein aufgelöst hatte. Oliver Zeidler probierte das aus, was er schon einmal als Kind versucht, aber schnell wieder aufgegeben hatte, weil er gleich nach dem Start gekentert war. Zuerst ging es für Heino Zeidler nur darum, dem Sohn zu vermitteln, wie er sich in dem wackeligen Skiff stabil auf dem Wasser hält. Doch er sah schnell, dass da mehr, sehr viel mehr drinsteckte.

          Risiko mit dem Selfmade-Trainer

          Er holte sich zunächst ein paar Tipps vom Schwiegervater. Hans-Johann Färber, Olympiasieger im Vierer mit Steuermann von 1972, trainiert seit ein paar Jahren Olivers Schwester Marie-Sophie. Den Rest brachte sich Heino Zeidler selbst bei. Mittlerweile hat er seinen Trainerschein, aber am Anfang war die Skepsis beim Deutschen Ruderverband sehr groß. Einem Selfmade-Trainer das hoffnungsvollste größte deutsche Einer-Talent seit vielen Jahren zu überlassen, schien riskant. Man wollte schon wissen, was die Zeidlers da in München so machten, vor allem, wie sie es machten, und bat sie deshalb zu zentralen Lehrgängen. Dabei sei aber kein Mehrwert herausgesprungen, findet Heino Zeidler, nur zusätzlicher Reisestress.

          Also bleiben sie lieber daheim auf der Olympia-Regattastrecke, knapp 40 Kilometer entfernt vom Wohnort Schwaig bei Erding. Heino Zeidler ist nicht sicher, ob die Skepsis gewichen ist, aber er hat ein gutes Argument. „Ich will nicht an meiner Erfahrung, sondern an meinen Erfolgen gemessen werden“, sagt er. Oder besser an denen seines Athleten. Die können sich bisher sehen lassen. Und wenn nichts Außergewöhnliches passiert, kommen noch ein paar Titel und Medaillen dazu. Nächstes Jahr in Tokio. Vielleicht.

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