https://www.faz.net/-gtl-78qk5

Ronnie O’Sullivan : Der Snooker-Extremist

  • -Aktualisiert am

Die Kö ist in Düsseldorf, der Queue in O’Sullivans Händen: Der Snooker-Star ist in Sheffield wieder da Bild: AFP

Ein Jahr lang hat sich Ronnie O’Sullivan nicht blicken lassen. Jetzt ist der Star wieder da und will Weltmeister werden. Snooker ist das Einzige, was er richtig gut kann.

          Das Publikum einer Snooker-Weltmeisterschaft gilt als eines der diszipliniertesten aller Sportarten. Wer im Crucible Theatre in Sheffield, dieser nur 980 Zuschauer fassenden, engen und stickigen „Kathedrale des Snookers“, wo die WM traditionell stattfindet, zu laut hustet, mit seinem Nachbarn redet oder gar einen Anruf entgegennimmt, erntet abfällige Blicke und wird nicht selten vom Sicherheitspersonal aus der Arena gebeten. Wenn diese Fans also von ihren Sitzen aufspringen und gemeinsame Sprechchöre und einen Countdown anstimmen, muss etwas Außergewöhnliches passieren.

          Am vergangenen Wochenende war einer dieser besonderen Momente, der die Anhänger des Präzisionssports mit den 22 Kugeln schwer begeisterte: Ronnie O’Sullivan, der größte Star und talentierteste Spieler, den dieser Sport je gesehen hat, kehrte an den Snooker-Tisch zurück. In diesen Tagen versucht der Siebenunddreißigjährige, in Sheffield seinen Weltmeistertitel zu verteidigen - am heutigen Mittwoch spielt er im Viertelfinale gegen Stuart Bingham (11 Uhr live bei Eurosport). Dabei hatte es vor einigen Monaten noch so ausgesehen hatte, als ob O’Sullivan nie wieder Snooker spielen würde.

          Ein unberechenbares Genie

          Fast genau ein Jahr lang, seit dem Gewinn seiner vierten Weltmeisterschaft im Mai 2012, hatte der Engländer kein Turnier mehr gespielt. Zuerst hatte der Superstar nur eine halbjährige Auszeit angekündigt; dann verzichtete er aufgrund „privater Probleme“ auf die komplette Saison und drohte damit, nie wieder an den 3,60 Meter langen Tisch zurückzukehren, in dessen winzige Löcher man abwechselnd jeweils eine der fünfzehn roten und eine der sechs andersfarbigen Kugeln versenken muss. Die Snooker-Fans fragten sich, in welcher Verfassung Ronnie O’Sullivan, der schon immer innerhalb und außerhalb des Sports als unberechenbares Genie galt, in die Mission Titelverteidigung starten würde.

          Keiner seiner Anhänger wusste so recht, wie gut er vorbereitet war. Nur, dass er während seines Sabbatjahres ein Praktikum auf einem Bauernhof gemacht hatte, war bekannt. Doch in seinem Erstrundenspiel gegen Marcus Campbell, einen routinierten Schotten, zeigte O’Sullivan, dass er nichts verlernt hatte. „Das Besondere ist, dass er vollkommen normal spielt. So, als ob er nie weg gewesen sei“, sagte der englische Snooker-Journalisten Hector Nunns. Der Star selbst hatte eine simple Erklärung dafür parat. Er habe eben hart trainiert, seit er sich im Februar kurz vor dem Meldeschluss doch noch entschieden habe, bei der WM zu spielen: „Ich wollte doch nicht fett aussehen vor all den Leuten im Publikum und am Fernseher.“

          Wenn der eigentlich trainingsfaule Extremist mal üben geht, dann bis er Blasen an den Fingern hat. Der nie mit sich selbst zufriedene O’Sullivan behauptet, allem nur in exzessivem Maße nachgehen zu können. Eine Zeit lang hat er so viel gegessen, dass er stark übergewichtig wurde, kurz danach lief er jeden Tag bis zur Erschöpfung und nahm massiv ab. „Das ist meine Persönlichkeit. Wenn ich trinke, dann die ganze Nacht durch.“

          Im Snooker, das sich noch immer als „Gentlemen’s Sport“ versteht und in dem das Fehlen von Fliege und Lackschuhen im Outfit ebenso bestraft wird wie ein unfaires Verhalten gegenüber dem Gegner, war O’Sullivan schon immer der Bad Boy gewesen. Bei Spielen warf er sich schon mal ein Handtuch über den Kopf, wenn es ihm langweilig wurde. Oder er machte seine Gegner lächerlich, indem er manche Spieler als Rechtshänder mit links weiterspielte. Bei den UK Championship 2006 gab er im Viertelfinale entnervt beim Stand von 1:4 auf und empörte Zuschauer und Veranstalter gleichermaßen. Auf der Pressekonferenz der China Open 2008 machte er anzügliche Bemerkungen gegenüber einer Journalistin. Diese Skandale und Skandälchen gehören bei ihm dazu - und heben ihn von den vielen anderen, ebenfalls begabten, aber allzu glatten Spielern ab.

          Weitere Themen

          Kältekammer für müde Pferdebeine Video-Seite öffnen

          Cryotherapie : Kältekammer für müde Pferdebeine

          Auch Rennpferde sind Hochleistungssportler. Was bei den Menschen das Eisbad nach einem harten Training ist, ist für Pferde neuerdings die Cryokammer. Die Tiere werden in einen Behälter geführt, in dem die Temperatur auf -140 C° heruntergekühlt wird.

          Topmeldungen

          Nach Contes Rücktritt : Linke Regierung in Rom möglich

          Die Sozialdemokraten und die Fünf-Sterne-Bewegung erwägen eine gemeinsame Regierungsarbeit – unter fünf Bedingungen. Staatspräsident Mattarella hat für Dienstag die nächsten Konsultationen angesetzt.

          Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

          Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.
          Der gemeinnützige Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V hat seinen Sitz in Emmendingen, einer Stadt im Südwesten Baden-Württembergs.

          Erinnerungen : Einblicke in die deutsche Seele

          Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt Lebenserinnerungen und Briefe jeglicher Art – von ganz gewöhnlichen Menschen. Es sind faszinierende Dokumente,die die Vergangenheit spürbar machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.