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Roger Federer : Der Mann am Klavier

  • -Aktualisiert am

Manches ist Schall und Rauch im Tennis - Roger Federer aber bleibt eine feste Größe Bild: Reuters

Beim ATP-Finale erreicht Roger Federer das Halbfinale und bricht wieder einen Rekord - und der Schweizer macht nicht den Eindruck, als würde es mit einem Rücktritt eilen. Derweil ist das Turnier für Tipsarevic gelaufen.

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          Manchmal kommt er einem vor wie ein Pianist, der zehn Jahre nach einem Auftritt noch weiß, wie er damals die Mondscheinsonate spielte. Den ersten Satz und den zweiten und ob auch mit dem Presto agitato im dritten alles in Ordnung war. Nach seinem 40. Sieg beim Turnier der Besten musste Roger Federer nicht lange nachdenken, um sich an den ersten zu erinnern. „Ich denke“, sagte er, „das war gegen Juan Carlos Ferrero in Schanghai.“ Stimmt natürlich. Es ist zehn Jahre her, das Turnier hieß Masters Cup seinerzeit, fand vor ausverkauftem Haus im Expo-Center der chinesischen Millionenstadt statt. Federer war extrem aufgeregt, zum ersten Mal im Kreis der Großen mitspielen zu dürfen, nachdem er die Qualifikation im Jahr zuvor knapp verpasst hatte.

          Er machte sich Hoffnungen, mit ein paar Siegen in der Vorrunde seine Position in der Tennis-Weltrangliste zu verbessern, und das klappte ziemlich gut. Er landete im Halbfinale, verlor zwar in einem aufregenden Spiel gegen den Australier Lleyton Hewitt, beendete das Jahr aber auf Platz sechs.

          Als er dieser Tage in London auf dem Podium saß und über seine Erinnerungen an die Premiere in Schanghai sprach, hörte es sich so an, als berichte er aus einem anderen Jahrhundert. Hewitt, der damals die Nummer eins des Männertennis war, müht sich nach diversen Operationen und gehört längst nicht mehr zu den Besten der Welt; der Spanier Ferrero, den er damals im ersten Spiel besiegte, verabschiedete sich kürzlich von der Tour, ebenso wie Andy Roddick, der diesen Schritt vor ein paar Wochen bei den US Open vollzogen hatte. Und Federer? Sitzt immer noch in perfekter Haltung an seinem Klavier, spielt Etüden und Sonaten rauf und runter und macht nicht den Eindruck, als eilte es mit einem Rücktritt.

          Sein gepflegtes Spiel ist Inspiration für andere Tennis-Größen

          Stattdessen präsentiert er wieder einen Rekord. Wie im vergangenen Jahr, als er im 100. Finale seiner Karriere den 70. Titel und den sechsten beim ATP-Finale gewonnen hatte. Mit dem 40. Sieg überholte er Ivan Lendl, der in den achtziger Jahren neunmal in Folge das Turnier, damals im Madison Square Garden in New York, gespielt und der das Turnier fünfmal gewonnen hatte.

          Aber Federers Beitrag zur Geschichte dieses Wettbewerbs ist eine Sache, die Bedeutung des Turniers für die Entwicklung seiner Karriere eine andere. Denn was ein Jahr nach der Premiere von Schanghai bei der nächsten Station in Houston/Texas anno 2003 passierte, hatte auf die weitere Entwicklung des Schweizers fast einen genauso großen Einfluss wie der erste Triumph in Wimbledon ein paar Monate zuvor.

          „Die Art, wie du spielst, ist eine Inspiration“

          Auf dem abschüssigen Tennisplatz im Club eines amerikanischen Multimillionärs erlebte Federer ein Aha-Erlebnis. Die Auslosung hatte ihm die Kollegen Agassi, Ferrero und Nalbandian beschert, und gegen keinen der drei spielte er gern, weil er wusste, dass ihn nervtötende Grundlinienduelle erwarten würden. Gegen den Argentinier Nalbandian hatte er zuvor fünfmal in Folge verloren, darunter erst ein paar Wochen vorher bei den US Open, doch dann besiegte er einen nach dem anderen. „Ich wusste eigentlich, dass ich sie nicht von der Grundlinie aus besiegen kann“, sagt er, „aber dann hab ich genau das getan.“

          Er gewann den Titel schließlich mit seinem zweiten Sieg innerhalb einer Woche gegen Andre Agassi, der ihn hinterher bei der Siegerehrung auf dem schiefen Platz mit den Worten lobte: „Die Art, wie du spielst, ist eine Inspiration.“ Mit dem Selbstbewusstsein der Woche in Houston machte sich Federer zwei Monate später auf den Weg nach Australien, gewann dort seinen zweiten Grand-Slam-Titel und erklomm zum ersten Mal die Spitze der Weltrangliste.

          Wie gesagt, sieht so aus, als sei das alles sehr, sehr lange her, aber die Geschichte wird ja ständig erneuert. Nach seinem Sieg im zweiten Gruppenspiel an diesem Donnerstag gegen den Spanier David Ferrer (6:4, 7:6) steht der Titelverteidiger auch diesmal wieder im Halbfinale des Turniers, da am Abend im zweiten Spiel der Gruppe B der Argentinier Juan Martin del Potro im Aufeinandertreffen der Auftakt-Verlierer gegen Janko Tipsarevic klar mit 6:0, 6:4 gewann. Damit hat der Tipsarevic, der für den verletzten Rafael Nadal ins Teilnehmerfeld gerutscht war, als erster Spieler keine Chance mehr auf das Weiterkommen.

          ATP-World Tour Finals

          Gruppe A:
          Andy Murray (Großbritannien/3) - Tomas Berdych (Tschechien/5) 3:6, 6:3, 6:4
          Novak Djokovic (Serbien/1) - Jo-Wilfried Tsonga (Frankreich/7) 7:6 (7:4), 6:3
          Novak Djokovic - Andy Murray 4:6, 6:3, 7:5;
          Tomas Berdych - Jo-Wilfried Tsonga 7:5, 3:6, 6:1

          Gruppe B:
          Roger Federer (Schweiz/2) - Janko Tipsarevic (Serbien/8) 6:3, 6:1;
          David Ferrer (Spanien/4) - Juan Martin del Potro (Argentinien/6) 6:3, 3:6, 6:4
          Roger Federer - David Ferrer 6:4, 7:6
          Juan Martin del Potro - Janko Tipsarevic 6:0, 6:4

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