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„Rocky“-Darsteller Drew Sarich : 17.600 Schläge ins Gesicht

  • -Aktualisiert am

Das große Finale: Zehn Minuten Kampf an der Grenze zwischen Realität und Fiktion Bild: Brinkhoff-Moegenburg

Musical-Darsteller Drew Sarich hatte mit Sport nichts am Hut, bis er in Hamburg „Rocky“ wurde. Die Rolle als Boxer veränderte sein Leben. Sarichs Frau schüttelt manchmal den Kopf über ihn.

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          Seine Frau, sagt Drew Sarich, schüttele manchmal den Kopf über ihn. Er sei nicht ganz bei Trost, sage sie dann, und dass sie einmal einen Mann geheiratet habe, der gern Kuchen aß und nicht zitterte, wenn er mal zwei Tage nicht trainieren durfte. Und jetzt? Jetzt habe sie denselben Mann, aber der zähle Kohlehydrate und trainiere ständig, das nerve. Seine Frau, sagt Sarich, unterstütze ihn zu hundert Prozent in dem, was er tue, aber wenn er mal wieder mit einem blauen Auge nach Hause komme, dann sage sie: Du hast sie nicht alle!

          Drew Sarich ist Musical-Darsteller. Seit einem Jahr spielt der 38 Jahre alte Amerikaner in Hamburg die Titelrolle in „Rocky“, spielt den Boxer, der als Underdog gegen Titelverteidiger Apollo Creed um die Weltmeisterschaft kämpfen darf, kämpfen muss. Sylvester Stallone hat „Rocky“ 1976 in der Titelrolle zu einem Überraschungserfolg an den Kinokassen gemacht und drei Oscars gewonnen, anschließend drehte er fünf Fortsetzungen. Der Klassiker aber ist Teil eins, ein rührendes Boxer-Dramolett um den tapferen Kämpfer Rocky Balboa und Adrian, das scheue Mädchen, mit dem er sein Glück findet.

          Drew Sarich, der Hamburger „Rocky“, ist in St. Louis aufgewachsen. Mutter Lehrerin, Vater Werbetexter. Das Familienleben drehte sich um Kunst, nicht um Sport, man ging ins Ballett, nicht zum Football, ins Theater, nicht ins Stadion. Mit zwölf sah Drew den vierten Teil von „Rocky“, einen tumben Kalter-Krieg-Film, in dem sich der amerikanische Held mit dem bösen Russen Ivan Drago herumschlägt. „Ich fand das sehr karikaturhaft“, sagt Sarich. „Relativ uninteressant.“ Das war’s dann erst mal mit Drew Sarich und Rocky Balboa.

          Mit 16 hat er durch Zufall „Rocky 1“ gesehen, das Original, und war überrascht, „wie indiemäßig dieser Film ist, wie sehr er auf einer Geschichte basiert und nicht auf Action und Kampf“. Sarich gefiel die sanft erzählte Geschichte der beiden Verlierer, die gemeinsam zu Gewinnern werden. „Sehr ergreifend“, sagt Sarich, „sehr begreifbar, denn jeder Mensch empfindet sich manchmal als nicht ausreichend, und jeder bekommt was aufs Dach. Rocky ist einer, der den Kopf runternimmt und weitergeht. Und der eine schöne Botschaft hat: Solange ich einen Menschen habe, der an mich glaubt, kann ich Berge versetzen.“ Eine hübsche Geschichte, fand Sarich, und das war’s dann wieder mit ihm und Rocky Balboa.

          Lauf, Rocky, lauf: Drew Sarich macht sich fit für den Kampf
          Lauf, Rocky, lauf: Drew Sarich macht sich fit für den Kampf : Bild: Stage Entertainment/Morris Mac M

          Sarich ging nach Boston, studierte Musik, Schauspiel und Tanz, dann nach New York. Er wog 120 Kilo und fing an ein bisschen zu trainieren. 1999, mit 23 Jahren, bekam er in Berlin ein Engagement als Quasimodo im Disney-Musical „Der Glöckner von Notre Dame“. Er lernte seine Frau kennen, eine Deutsche, Künstlerin, arbeitete in Berlin, London, New York, Alexandria, St. Gallen und immer wieder in Wien, wo er heimisch wurde, alles lief bestens.

          Vor zwei Jahren, er spielte in Berlin gerade in „Tanz der Vampire“, erhielt er eine Einladung. Die Vorbereitungen zu „Rocky“ in Hamburg begannen, er sollte sich vorstellen. Seine Reaktion: „Ich? Für welche Rolle? Ich sehe mich nicht in dieser Show.“ Sarich ist trotzdem hingeflogen, hat sich beim Box-Choreographen Steven Hoggett vorgestellt. Hoggett wollte keinen austrainierten Musical-Boxer, keine Perfektion, er wollte einen Kämpfer, naiv, verletzlich, er suchte einen, der Rocky spielen konnte, einen Fighter mit dem Gemüt eines Rottweiler-Welpen, der Riesenpfoten hat und keine Ahnung, was er damit anfangen soll. Dafür, und nicht für eine Stuntshow, suchte Hoggett einen Darsteller. Nach einem Tag hatte Sarich die Rolle.

          411 „Final Fights“ und mehr als 800 Küsse: Rocky und Adrian (Wietske van Tongeren)
          411 „Final Fights“ und mehr als 800 Küsse: Rocky und Adrian (Wietske van Tongeren) : Bild: obs

          Er zog zurück nach Wien und bekam einen Personal Trainer an die Seite gestellt, der ihm ein Cross-Fit-Programm verordnete, ein Intensiv-Training, entwickelt für Polizei und Militär, knallhart, kein Mode-Schnickschnack. Eine Garage reicht dafür, Gewichte, Seile, ein Gestell für Klimmzüge. „Ich habe einen ziemlich gesunden Minderwertigkeitskomplex“, sagt Sarich. „Wenn ich das Gefühl bekomme, ich muss mich beweisen, dann stürze ich mich zu hundert Prozent in meine Aufgabe.“

          Problem: Er nahm extrem ab während des Cross-Fit- und Boxtrainings, bis auf 79 Kilogramm, war plötzlich viel zu schlank. Sieht so ein Boxer aus? Im August begann die Vorbereitung in Hamburg. Zwei Stunden Boxtraining jeden Tag. Und Proben, Proben, Proben. „Es funktioniert nur, wenn der Kampf echt aussieht“, sagte Box-Weltmeister Wladimir Klitschko, der Ko-Produzent des Musicals ist. Der große Abschlusskampf, vor dem der Boxring in den Saal gefahren wird, ist der Höhepunkt. Das Publikum sitzt dann am Ring, nicht mehr vor einer Bühne. Wie soll alles echt aussehen auf diese kurze Entfernung?

          Drew Sarich (links) und Terence Archie im Ring in Hamburg
          Drew Sarich (links) und Terence Archie im Ring in Hamburg : Bild: dpa

          Sarich und Terence Archie, der den Weltmeister spielt, probten wie die Wahnsinnigen. Tüftelten, änderten, verbesserten die Choreographie. Klar war: Wenn Rocky angreift, geht er zu 90 Prozent auf den Körper des Gegners, weil er buchstäblich von unten kommt, sein Gegner aber schlägt fast nur zum Kopf. Rund zehn Minuten dauert der Kampf. Die Frage war: Wie kriegen sie es hin, jeden Abend, ohne sich zu verletzen? Sie übten: Eins, zwei, drei: peng! „Wie fühlt es sich an?“, fragte Archie. „Damit kann ich leben“, sagte Sarich. Sie schlugen auf counts und „bescheuerte kleine Stichworte“, wie Sarich sagt.

          Zum Beispiel die Passage, in der sie zählen und er auf drei, fünf und sechs getroffen wird, oder die Stelle, wo ihn Archie hochhebt und in der Luft zuschlägt, die nennen sie, weil es so nach Tennisaufschlag aussieht, „Steffi Graf“. Oder die drei harten Schläge in Folge - ba!-ba!-ba! -, das ist „Barbara“, benannt nach einer der Produzentinnen. „Wenn der Kampf beginnt“, sagt Sarich, „dann muss das Publikum vergessen, dass es im Theater ist, dann müssen wir es hinkriegen, dass erwachsene Männer aufstehen und „Rocky!“ schreien.“

          Rocky mal zwei: Drew Sarich mit Sylvester Stallone
          Rocky mal zwei: Drew Sarich mit Sylvester Stallone : Bild: Stage Entertainment/Morris Mac M

          So studierten sie über Monate die Sequenzen ein und setzten sie zusammen wie ein Puzzle. Auch wenn die Boxhandschuhe weicher gepolstert sind als normal, ohne blaues Auge, aufgeplatzte Lippen, auch mal eine gebrochene Nase ging es nicht, auch später nicht während der Vorstellungen. „Es gibt immer mindestens einen Schlag, den ich bis in die Fußnägel spüre“, sagt Sarich. 44 Mal, er hat es gezählt, wird er pro Vorstellung ins Gesicht geschlagen, und nicht jeder Treffer lässt sich auspendeln, nicht jeder stoppt ein paar Millimeter vor dem Ziel. „Huhh!“ - das war noch so ein Code. Das hieß: Gut getroffen! Nicht: Hör auf, sondern: Gratuliere!

          Für November 2012 war die Hamburger Premiere geplant, im Juli traf Sarich Superstar Stallone. Erst habe es sich angefühlt wie Business, sagt er. „Aber dann fielen die Wände, und er war ein Junge aus der Nachbarschaft. Er stand auf und sagte: ,Zeig mir, wie du stehst als Boxer!‘“ Sarich stand auf und gab sich Mühe, wie ein richtiger Boxer dazustehen, und Stallone sagte: „Falsch! Rocky steht so nicht, Rocky kann nicht boxen. Ich will, dass die Fäuste an den Knien sind, ich will, dass Rocky fünf Schläge nimmt für jeden, den er trifft. Ich will keine Jabs, ich will kein Rumgetanze. Ich will Rocky sehen, der um sein Leben kämpft.“

          Wer Rocky spielen will, muss fit sein
          Wer Rocky spielen will, muss fit sein : Bild: Stage Entertainment/Morris Mac M

          Für Sarich war das der Schlüssel zu seiner Rolle. „Rocky ist nicht der Größte, der Schnellste, der Stärkste“, sagt er. „Aber was er hat, ist Stolz. Herz.“ Dass Sarich nicht der sportlichste Typ der Welt ist, war plötzlich kein Nachteil mehr. „Ich musste nicht perfekt boxen lernen, ich konnte meinen Instinkten folgen.“ Noch heute, anderthalb Jahre später, jetzt da er boxen kann, nimmt er sich manchmal zurück. „Wenn es zu kontrolliert aussieht“, sagt er, „wenn es zu gut aussieht, dann sag ich mir: Lass es weg, kämpf einfach um dein Leben.“

          Apollo, sein Gegner im Ring, im ersten Jahr gespielt von Archie, ist anders, ein Wunder der Natur, ein perfekter Körper, ein perfekter Boxer. Der Kontrast ist gewollt. „Der Moment ist entscheidend, wo er sich im Ring den Mantel auszieht und das Publikum sagt: ,Ach du Scheiße, der arme Rocky, wie soll er das überleben?‘“

          Seilspringen gehört nicht nur zum Training echter Boxer
          Seilspringen gehört nicht nur zum Training echter Boxer : Bild: Stage Entertainment/Morris Mac M

          Sarichs Frau und die beiden Kinder, Zwillinge, neun Jahre alt, leben in Wien. Alle zwei Wochen fliegt Sarich für zwei, drei Tage nach Hause. Ansonsten müssen Skype und Telefon reichen. Das Hamburger Theater liegt am Anfang der Reeperbahn, am Spielbudenplatz, und Sarich hat es nicht weit zu seiner kleinen Wohnung gegenüber in St. Pauli. Samstag und Sonntag spielt er den „Rocky“ jeweils zweimal, eine enorme künstlerische, aber auch sportliche Leistung. „Danach“, sagt er, „muss ich nach Hause stolpern können.“

          Fast 400 Mal hat er inzwischen die Perücke aufgezogen, fast 400 Mal stand er auf der „Rocky“-Bühne. 400 mal 44 macht 17.600 Schläge ins Gesicht. Wie lange noch? „Auf jeden Fall bis Mai“, sagt Sarich. Bis dahin läuft sein Vertrag, danach gibt es eine Option auf Verlängerung; ob er weitermacht, lässt er offen. „Ich stehe jetzt schon auf wie ein Achtzigjähriger“, sagt er. „Irgendwas tut immer weh. Mit Ibuprofen kenne ich mich mittlerweile ganz gut aus.“

          Immer von unten, immer auf den Körper: Sarich und Archie beim Training
          Immer von unten, immer auf den Körper: Sarich und Archie beim Training : Bild: Stage Entertainment

          Boxen ist ein harter Job, auch auf der Theaterbühne. Aber auch ein faszinierender Sport. „Ich habe es lieben gelernt“, sagt Sarich. „Ich bin ein bisschen süchtig danach geworden.“ Boxen sei reine Brutalität, habe eine Freundin mal eingewandt. Aber das stimme nicht. Boxen sei Taktik, Konzentration, Grazie, fließende Bewegung, Kondition, Boxen sei körperliche, aber auch mentale Stärke. Das Hamburger „Rocky“-Ensemble, erzählt Sarich, sei durch das Boxen, durch das gemeinsame Training ungewöhnlich eng zusammengerückt. „Wir sind alle zu Möchtegern-Machos geworden“, sagt er.

          Freitags nach Feierabend veranstalten sie regelmäßig interne Sparringkämpfe. „Man lernt durch das Boxen viel Respekt“, sagt Sarich. „Du gehst ins Sparring und versuchst drei Minuten lang heftigst dem anderen ins Gesicht zu schlagen, aber nach diesen drei Minuten bedankst du dich und umarmst den anderen.“ Als sie an einem Freitag im November Terence Archie verabschiedet haben, der an den Broadway wechselt, um dort von Mai an Apollo Creed zu spielen, haben es sich die beiden im Ring noch einmal richtig gegeben. „Das war der brutalste Kampf, den wir je gemacht haben“, sagt Sarich, „und am Ende standen wir da und haben gebebt vor lauter Heulen.“ Gino Emnes heißt nun der neue Hamburger Apollo, die Automatismen müssen aufs Neue einstudiert werden.

          Sarichs Kinder, Junge und Mädchen, sind mit dem Theaterleben aufgewachsen. Sie können unterscheiden zwischen Realität und Fiktion, auch wenn sie erst neun sind, und doch hatten Sarich und seine Frau ein flaues Gefühl, als Tochter und Sohn in Hamburg erstmals im Publikum saßen. „Wir hatten Angst, weil meine Tochter schlecht mit Brutalität und Leid umgehen kann. Wir haben sie überredet, indem wir sagten, du darfst eine DVD mitbringen, und wenn du die Show nicht magst, gehts du in meine Garderobe und guckst einen Film.“

          Die Tochter saß da, die DVD in der Hand, und die Brutalität war kein Problem, weil die Tochter es als Sport begriffen hat. „Schwierig war für sie, dass auf der Bühne alle so gemein sind zu Rocky“, sagt Sarich. „Als dann der Kampf begann, ist sie auf ihren Stuhl geklettert und hat geschrien: Hau ihn um, Rocky!“Und der Sohn? Will jetzt Boxen lernen. „Wenn ich zu Hause in Wien bin“, sagt Sarich, „ziehen wir die Handschuhe an und machen Pratzentraining.“ Auch davon, man ahnt es schon, ist seine Frau nicht wirklich begeistert.

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