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„Rocky“-Darsteller Drew Sarich : 17.600 Schläge ins Gesicht

  • -Aktualisiert am
Wer Rocky spielen will, muss fit sein
Wer Rocky spielen will, muss fit sein : Bild: Stage Entertainment/Morris Mac M

Für Sarich war das der Schlüssel zu seiner Rolle. „Rocky ist nicht der Größte, der Schnellste, der Stärkste“, sagt er. „Aber was er hat, ist Stolz. Herz.“ Dass Sarich nicht der sportlichste Typ der Welt ist, war plötzlich kein Nachteil mehr. „Ich musste nicht perfekt boxen lernen, ich konnte meinen Instinkten folgen.“ Noch heute, anderthalb Jahre später, jetzt da er boxen kann, nimmt er sich manchmal zurück. „Wenn es zu kontrolliert aussieht“, sagt er, „wenn es zu gut aussieht, dann sag ich mir: Lass es weg, kämpf einfach um dein Leben.“

Apollo, sein Gegner im Ring, im ersten Jahr gespielt von Archie, ist anders, ein Wunder der Natur, ein perfekter Körper, ein perfekter Boxer. Der Kontrast ist gewollt. „Der Moment ist entscheidend, wo er sich im Ring den Mantel auszieht und das Publikum sagt: ,Ach du Scheiße, der arme Rocky, wie soll er das überleben?‘“

Seilspringen gehört nicht nur zum Training echter Boxer
Seilspringen gehört nicht nur zum Training echter Boxer : Bild: Stage Entertainment/Morris Mac M

Sarichs Frau und die beiden Kinder, Zwillinge, neun Jahre alt, leben in Wien. Alle zwei Wochen fliegt Sarich für zwei, drei Tage nach Hause. Ansonsten müssen Skype und Telefon reichen. Das Hamburger Theater liegt am Anfang der Reeperbahn, am Spielbudenplatz, und Sarich hat es nicht weit zu seiner kleinen Wohnung gegenüber in St. Pauli. Samstag und Sonntag spielt er den „Rocky“ jeweils zweimal, eine enorme künstlerische, aber auch sportliche Leistung. „Danach“, sagt er, „muss ich nach Hause stolpern können.“

Fast 400 Mal hat er inzwischen die Perücke aufgezogen, fast 400 Mal stand er auf der „Rocky“-Bühne. 400 mal 44 macht 17.600 Schläge ins Gesicht. Wie lange noch? „Auf jeden Fall bis Mai“, sagt Sarich. Bis dahin läuft sein Vertrag, danach gibt es eine Option auf Verlängerung; ob er weitermacht, lässt er offen. „Ich stehe jetzt schon auf wie ein Achtzigjähriger“, sagt er. „Irgendwas tut immer weh. Mit Ibuprofen kenne ich mich mittlerweile ganz gut aus.“

Immer von unten, immer auf den Körper: Sarich und Archie beim Training
Immer von unten, immer auf den Körper: Sarich und Archie beim Training : Bild: Stage Entertainment

Boxen ist ein harter Job, auch auf der Theaterbühne. Aber auch ein faszinierender Sport. „Ich habe es lieben gelernt“, sagt Sarich. „Ich bin ein bisschen süchtig danach geworden.“ Boxen sei reine Brutalität, habe eine Freundin mal eingewandt. Aber das stimme nicht. Boxen sei Taktik, Konzentration, Grazie, fließende Bewegung, Kondition, Boxen sei körperliche, aber auch mentale Stärke. Das Hamburger „Rocky“-Ensemble, erzählt Sarich, sei durch das Boxen, durch das gemeinsame Training ungewöhnlich eng zusammengerückt. „Wir sind alle zu Möchtegern-Machos geworden“, sagt er.

Freitags nach Feierabend veranstalten sie regelmäßig interne Sparringkämpfe. „Man lernt durch das Boxen viel Respekt“, sagt Sarich. „Du gehst ins Sparring und versuchst drei Minuten lang heftigst dem anderen ins Gesicht zu schlagen, aber nach diesen drei Minuten bedankst du dich und umarmst den anderen.“ Als sie an einem Freitag im November Terence Archie verabschiedet haben, der an den Broadway wechselt, um dort von Mai an Apollo Creed zu spielen, haben es sich die beiden im Ring noch einmal richtig gegeben. „Das war der brutalste Kampf, den wir je gemacht haben“, sagt Sarich, „und am Ende standen wir da und haben gebebt vor lauter Heulen.“ Gino Emnes heißt nun der neue Hamburger Apollo, die Automatismen müssen aufs Neue einstudiert werden.

Sarichs Kinder, Junge und Mädchen, sind mit dem Theaterleben aufgewachsen. Sie können unterscheiden zwischen Realität und Fiktion, auch wenn sie erst neun sind, und doch hatten Sarich und seine Frau ein flaues Gefühl, als Tochter und Sohn in Hamburg erstmals im Publikum saßen. „Wir hatten Angst, weil meine Tochter schlecht mit Brutalität und Leid umgehen kann. Wir haben sie überredet, indem wir sagten, du darfst eine DVD mitbringen, und wenn du die Show nicht magst, gehts du in meine Garderobe und guckst einen Film.“

Die Tochter saß da, die DVD in der Hand, und die Brutalität war kein Problem, weil die Tochter es als Sport begriffen hat. „Schwierig war für sie, dass auf der Bühne alle so gemein sind zu Rocky“, sagt Sarich. „Als dann der Kampf begann, ist sie auf ihren Stuhl geklettert und hat geschrien: Hau ihn um, Rocky!“Und der Sohn? Will jetzt Boxen lernen. „Wenn ich zu Hause in Wien bin“, sagt Sarich, „ziehen wir die Handschuhe an und machen Pratzentraining.“ Auch davon, man ahnt es schon, ist seine Frau nicht wirklich begeistert.

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