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Robert Harting : Vom Dämon befreit

Robert Harting: „Ich habe nicht mehr den Harting der Superlative auf den Schultern.“ Bild: EPA

Das Finale der sportlichen Laufbahn des Diskuswurf-Olympiasiegers von 2012 rückt näher. Robert Harting sieht sich auf der Zielgeraden der Karriere als Außenseiter, der nichts zu verlieren hat.

          3 Min.

          Robert Harting wird nicht zum Propheten. „Man spürt das Ende“, sagt er zwar. „Es ist, offensichtlich, nur einen Sturz entfernt.“ Das Finale der sportlichen Laufbahn des Diskuswurf-Olympiasiegers von 2012 rückt näher. Nach der Europameisterschaft, die im nächsten Jahr im Olympiastadion seiner Heimatstadt Berlin stattfindet, soll wirklich Schluss sein.Wie nah das Karriereende ist, wie nah es immer ist, musste Harting im September 2014 realisieren, als er beim Joggen stürzte und sich einen Kreuzbandriss im Knie zuzog. Seitdem kämpft er um die Rückkehr zu alter Stärke – bislang vergebens.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Bei der WM 2009 in Berlin war Harting zum ersten Mal Weltmeister geworden. Die Titel von Daegu 2011 und Moskau 2013 folgten. In London wurde er Olympiasieger, 2014 Europameister. Doch der Kreuzbandriss setzte für den 2,01 Meter langen und 125 Kilo schweren Athleten eine Spirale der Verletzlichkeit in Gang. Bis zum Riss des Brustmuskels im folgenden Jahr gingen die Konsequenzen, und im Oktober vergangenen Jahres musste er sich wieder einer Knieoperation unterziehen.

          Zehn Wochen Trainingsrückstand habe er, sagt Hartings neuer Trainer Marko Badura; die gelungene Qualifikation für die Weltmeisterschaft in London in diesem August sei mehr als erwartet. Noch immer macht das Knie Schwierigkeiten; in der tiefen Drehung seines Wurfes ist Harting mit seinen 32 Jahren zwei, drei Zehntelsekunden langsamer geworden.

          Und dann ist auch noch Christoph Harting, sein sechs Jahre jüngerer Bruder, in Rio de Janeiro Olympiasieger geworden. Robert Harting konnte nicht mitmachen, weil er sich im Bett des Olympischen Dorfes einen Hexenschuss geholt hatte – „ein Stress-Symptom“, sagt er – und mit tauben Beinen in der Qualifikation schließlich gescheitert war. Die Harting-Brüder sehen sich seitdem wie vorher nahezu täglich am Olympiastützpunkt Berlin. Doch sie sprechen nicht miteinander. Der Bruch kam schon vor den Spielen. Mit dem Trainerwechsel, vermutet Badura, habe sich Robert von einem Dämon befreit.

          Harting der Ältere bemüht sich, der Situation etwas Positives abzugewinnen. Enttäuschungen und gesundheitliche Rückschläge bereiteten ihn auf das wirkliche Leben vor, behauptet er. „Besser so aufhören als nach ständig Gold abtreten und völlig konsterniert dastehen, wenn ich im normalen Leben keinen Zahnarzttermin bekomme“, sagt er. „Früher habe ich Wettkämpfe verloren. Jetzt muss ich Machtlosigkeit ertragen.“ Seine Freiheit bestehe auch darin, sich nicht mehr an sich selbst im Vollbesitz seiner Kräfte messen zu müssen: „Ich habe nicht mehr den Harting der Superlative auf den Schultern.“

          In den Meisterschaften von London und Berlin, selbst bei der bevorstehenden deutschen Meisterschaft in Erfurt sieht Harting sich als Außenseiter, der nichts zu verlieren habe. Vor wenigen Jahren noch wäre das sportliche Aus für Harting gleichbedeutend mit dem Ende der Welt gewesen. Heute, sagt er, sei seine Perspektive Weitwinkel statt enger Fokus. Die EM in einem Jahr soll zwar sein Adieu werden. Doch der lange Abschied begann schon vor drei Jahren – und zwar nicht mit der Verletzung, sondern vier Tage vorher.

          Die beiden Brüder Robert Harting und Christoh Harting.
          Die beiden Brüder Robert Harting und Christoh Harting. : Bild: dpa

          Da warf Robert Harting beim Finale der Diamond League in Brüssel, hatte gerade seinen Wettbewerb mit 67,43 Metern beendet, als der amerikanische Sprinter Justin Gatlin unter dem Jubel des Publikums zum Sieg lief. Gatlin war zweimal des Dopings überführt und jahrelang gesperrt gewesen. „Mein Wertesystem hat nichts mit dem dieser Menschen zu tun“, sagt er. Tagelang habe er an dem Vorfall zu knabbern gehabt und ein Gefühl von Unwichtigkeit entwickelt. Dann stürzte er.

          Aus Protest gegen die Nominierung von Gatlin zur Wahl des Leichtathleten des Jahres ließ Harting sich damals von der Kandidatenliste streichen. Der Weltverband IAAF, noch unter der Führung des IOC-Mitgliedes Lamine Diack, gegen den bis heute wegen Korruption und Geldwäsche ermittelt wird, änderte daraufhin seine Regeln. „Ich bin stolz darauf, dass zur Wahl des Welt-Leichtathleten nur noch nominiert wird, wer noch nie gedopt war“, sagt Harting. „Wenn es eine Urkunde dafür gäbe, würde ich sie an die Wand hängen.“

          Auf allen Kanälen griff Harting Funktionäre wie Diack an, die nichts gegen Doping taten, sogar dazu ermutigten und, wie man heute weiß, Dopern erlaubten, sich frei zu kaufen: in Interviews, mit einem Rap-Video, im persönlichen Gespräch. Rückhaltlos berichtete er von Begegnungen mit russischen Athleten, die offensichtlich dopten und Kontrollen auswichen.

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          Die Veröffentlichung der Analysen seiner Tests von Rio versteht er deshalb selbstverständlich als Racheakt. Die russische Hacker-Gruppe Fancy Bear, die auch in diesen Tagen wieder Schlagzeilen macht durch die Veröffentlichung interner Dokumente, publizierte unter anderem Analysen von Robert Hartings Proben. Darin werden die Corticoide nachgewiesen, die ihm zur Behandlung seines akuten Hexenschusses lokal verabreicht worden waren; den Russen dienten sie als Beweis dafür, dass die Anti-Doping-Regeln durch medizinische Ausnahmegenehmigungen systematisch unterlaufen werden.

          Für Harting waren sie Teil des „normalen Behandlungs-Martyriums“, wie er sagt: „Du kriegst den Schmerz runter, die Entzündungsprozesse sind weg. Der medizinische Fehler in Rio war: Die zusätzlichen Schmerzmittel haben den Muskeltonus weggemacht. Das Bein war nicht ansteuerbar.“ Die russische Haltung zu Doping hält Harting für ein unlösbares Problem. Wenn Politik und Gesellschaft überzeugt seien, dass ihre Sportler nichts Verbotenes tun, sagt er, hätten Aufklärung, Prävention und Doping-Bekämpfung keine Chance.

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