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Robert Harting : Das Leben ist eine Baustelle

Klare Kante: Robert Harting ist nicht allzu begeistert von DOSB-Präsident Thomas Bach Bild: dapd

Robert Harting justiert seine sportliche Karriere neu. Der Diskus-Olympiasieger sucht die Balance als Athlet und bleibt kritisch wie eh und je. In seiner anhaltenden Kritik an Thomas Bach schlägt er neue Töne an. Am Sonntag steht in Gateshead bei der Team-EM erst einmal der Sport im Vordergrund.

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          Zu Risiken und Nebenwirkungen einer Karriere als Olympiasieger fragen Sie bitte - Robert Harting. Der Diskuswerfer aus Berlin, am Sonntag bei der Team-EM im englischen Gateshead im Einsatz  (ab 16.20 Uhr im ZDF) kann vielschichtig und kompetent Auskunft geben über das, was Spitzensportler aufs Spiel setzen. „Für mich ist Risiko nichts Schlechtes“, sagt er, und man glaubt ihm sofort. Als er 2011 in Daegu zum zweiten Mal Weltmeister wurde, riskierte der Kraftprotz den Riss seiner chronisch entzündeten Patellasehne im Knie und damit das Ende seiner Karriere als Spitzensportler.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Nur mit enormen Dosierungen von Schmerzmitteln hatte Harting sich überhaupt auf die Titelkämpfe vorbereiten können. In der öffentlichen Diskussion um Lohn und Prämien für sportliche Erfolge - schließlich tritt er auch für Deutschland an - verwies er stets darauf, was ein Athlet alles vernachlässigt, um top zu bleiben: Gesundheit, Studium, Einstieg in den Beruf, von harmonischem Privatleben ganz zu schweigen.

          Kurz vor dem Wechsel ins Olympiajahr trennte Harting sich von seiner langjährigen Lebensgefährtin. Seit er forderte, mangels Kontrollmöglichkeit Doping freizugeben, und seit er drohte, demonstrierenden Doping-Opfern den Diskus an den Kopf zu werfen, galt er ohnehin als unberechenbar. Dabei war das erste Opfer seines Ehrgeizes er selbst.

          Kurz vor Olympia verriet er dem Spiegel: „Ich muss die ganze Missgunst, den Schmerz und die Niedergeschlagenheit bündeln und in Wettkampfenergie umwandeln. Ich brauche den Olympiasieg, um die negativen Sachen aus meinem Leben zu spülen. Kurzzeitig. Ich brauche ihn, um nicht völlig die Hoffnung zu verlieren. Um nicht zu zerbrechen.“

          Mit dem Olympiasieg 2012 war Harting endlich am goldenen Ziel
          Mit dem Olympiasieg 2012 war Harting endlich am goldenen Ziel : Bild: dpa

          Der Harting, der nun beim Griechen am Sportforum Berlin-Hohenschönhausen sitzt und einen Kinderteller bestellt - er bekommt eine Riesenportion Bouletten, Kraut und Pommes -, der Harting von heute betrachtet den von gestern ironisch: „Ich hatte nur ein Ziel: die Weltherrschaft im Diskuswerfen.“

          Dem daraus folgenden Burn-out-Syndrom war allerdings nicht mehr mit Distanz beizukommen; Harting nahm die Hilfe eines Psychologen in Anspruch. „Ich habe alles abgerissen, was Bestand hatte“, sagt er und spricht über sein Leben wie über ein Bauwerk mit Konstruktionsfehlern. „Es war total geil: Ich habe völlig neu angefangen.“ 27 Jahre alt war er da.

          „Puh! Ich bin Olympiasieger“

          Ein Jahr später wächst er in die Position, die er mit seinem Olympiasieg und der Wahl zum Sportler des Jahres eingenommen hat, noch hinein. Im März, eines Tages in der Umkleidekabine, machte er sich schlagartig klar: „Puh! Ich bin Olympiasieger.“ Vorher war, trotz Jubels, trotz Gratulationen, diese Erkenntnis nicht recht durchgedrungen.

          Der Wettkampf, die Feiern, Sponsorentermine, Lehrgänge bei der Bundeswehr, Prüfungen an der Universität der Künste, wo er Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert - mehr als ein halbes Jahr dauerte es, bis Harting nicht mehr nur noch funktionierte, sondern sich die Frage beantworten konnte, die ihm noch im Olympiastadion gestellt worden war und die er damals als unpassend zurückwies: was nun?

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