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Siegertypen 2015: Frank Stäbler : Weltmeister im falschen Land

  • -Aktualisiert am

Am Ziel der Träume: Frank Stäbler wird Weltmeister Bild: dpa

In Aserbaidschan wäre er Nationalheld und hätte ausgesorgt, aber in Deutschland gehört der Weltmeister im Ringen zu den Exoten. Selbst in seinem Heimatverein muss er um Anerkennung ringen.

          8 Min.

          Ein Kampfabend in der Ringer-Bundesliga Anfang Dezember. Frank Stäbler ist angereist mit dem ASV Nendingen. Der deutsche Mannschaftsmeister wird den Gastgeber ASV Mainz 88 souverän schlagen wie eigentlich alle Gegner, die der Krösus im deutschen Ringen derzeit dominiert. Der 26 Jahre alte Schwabe bereitet sich auf sein Duell mit dem Mainzer Ungarn Balint Korpasi vor, er gewinnt den Kampf nach zähem Ringen - wie jeden Kampf seit dem 7. September, dem Tag, der sein Leben verändert hat. Erstmals nach 21 Jahren der Erfolglosigkeit bestieg wieder ein deutscher Ringer das oberste Treppchen bei einer Weltmeisterschaft. Stäbler wurde nach einem 5:1-Sieg gegen den Südkoreaner Ryu Han-su Weltmeister in der Klasse bis 66 Kilogramm im griechisch-römischen Stil.

          „Ein Traum ist wahr geworden“, sagt Stäbler. Die leidgeplagte deutsche Ringerszene atmete auf. Endlich konnte wieder einer der ihren den Ringernationen vom Kaukasus, den starken Russen, Türken, Iranern, Kubanern und Amerikanern trotzen, wie es einst zu Zeiten der deutschen Ringerlegenden Wilfried Dietrich, des „Krans von Schifferstadt“, oder Pasquale Passarelli, der „Brücke von Los Angeles“, oder Weltklasseathleten wie Maik Bullmann und Alexander Leipold üblich war.

          Kampf um Anerkennung

          In Mainz aber will kaum eines der zahlreichen Kinder am Mattenrand ein Autogramm. Stäbler, ein positiv denkender, sympathischer, offener Vorzeigesportler, immer ein Lächeln im Gesicht, wärmt sich fast unbeachtet auf. Am Ende seines engen Kampfs gegen den Mainzer Publikumsliebling Korpasi muss der derzeit einzige deutsche Weltklasseringer gar Pfiffe über sich ergehen lassen, weil die Zuschauer ihm zu große Passivität vorwerfen. Er bringt den Sieg beim Endstand von 2:2 nur dank der höheren Wertung über die Zeit. „Ich bin seit der WM eigentlich in einem körperlichen Loch, ich habe auch eine lädierte Rippe, gegen starke Gegner wie Korpasi kann ich mich derzeit nur mit Willen behaupten, weil ich meine Reputation als ungeschlagener Weltmeister verteidigen will“, sagt Stäbler, der in der Bundesliga aufs kräftezehrende „Gewichtmachen“ verzichtet, eine tagelange Tortur ohne feste Nahrung und am Ende gar ohne Flüssigkeitszufuhr.

          Deshalb tritt er national eine Gewichtsklasse höher bis 75 Kilogramm an und findet entsprechend robuster gebaute Gegner vor. Die Pfiffe der Fans schmerzen deshalb umso mehr. Denn Stäbler würde gerne mehr Anerkennung bekommen. Stattdessen zieht in Mainz ein Mannschaftskamerad die Blicke auf sich, der an diesem Tag gar nicht gerungen hat.

          Der Kubaner Mijain Lopez, zweifacher Olympiasieger und vierfacher Weltmeister in der Klasse bis 130 Kilogramm, ist aus taktischen Gründen zum Zuschauen verurteilt. Trotzdem umschwärmen ihn kleine und große Ringerfans, wollen ein gemeinsames Foto, ein Autogramm, ihm voller Bewunderung an die muskelbepackten Arme greifen. „Er ist eben eine Gestalt, eine Legende“, tröstet sich Stäbler. „Aber dafür hat Lopez mich heute vor dem Kampf um ein Foto gebeten. Das hat mich geehrt.“

          Draußen, in der großen Welt der Spitzenringer, ist Stäbler respektiert. Kürzlich wurde er nach einem Sieg beim renommierten Grand-Prix-Finale in Baku von Dutzenden Aserbaidschanern umringt, Kinder rissen ihm Autogrammkarten aus der Hand und fast das T-Shirt vom Leib, weil sie ein Souvenir ergattern wollten. Die Superstars und Olympiasieger der Szene haben den Deutschen in ihre Reihen aufgenommen. Vor allem Stäblers Erfolgen ist es zu verdanken, dass die Osteuropäer die Deutschen für gemeinsame Trainingslager anfragen. Sie interessiert, wie die Ringer-Exoten mit ihren begrenzten Möglichkeiten wieder den Anschluss an die Weltspitze in der urolympischen Sportart gefunden haben.

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