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Ringer Denis Kudla : Der Jäger, der sich als Gejagter sah

Der Tag, der alles veränderte: Denis Kudla (links) erringt Olympia-Bronze Bild: dpa

Ringer Denis Kudla kämpft bei der Weltmeisterschaft auch mit den eigenen Erwartungen. Seit der junge Mann Olympia-Bronze gewann, gehört er zu den anerkannten Größen.

          3 Min.

          Die Weltmeisterschaft in Paris begann für Denis Kudla wie für jeden anderen Ringer mit Warten. So machte es sich der 22 Jahre alte Griechisch-Römisch-Spezialist erst einmal außerhalb des Palais Omnisport auf den Stufen vor dem Athleteneingang bequem. Im angenehmen Sonnenschein beobachtete Kudla entspannt die Ankunft der anderen Nationalteams, die aus den Shuttle-Bussen ausstiegen. Da kamen also Japaner, Nordkoreaner, Armenier, Dänen, Serben und Polen, und immer wieder grüßten Athleten respektvoll, oft mit einem „Oh, Denis Kudla“ auf den Lippen. „Es ist cool, diesen Respekt zu erfahren“, sagt Kudla.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seit dem Gewinn der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro im vergangenen Jahr ist der 85-Kilogramm-Ringer, der seit einem ersten deutschen Meistertitel im Alter von nur 16 Jahren als eine der großen Hoffnungen des deutschen Ringens gehandelt wurde, eine anerkannte Größe in seinem Sport. Entsprechend bestreitet Kudla seine erste WM schon unter aufmerksamer Beobachtung der Weltelite. Und das in einem Alter, in dem Ringer sich üblicherweise noch erste Meriten auf der ganz großen Bühne verdienen müssen, ehe sie mit Mitte oder Ende zwanzig in ihr bestes Alter kommen. Kudla aber ist nun schon in jungen Jahren eine Größe und das deutsche Aushängeschild neben Frank Stäbler, der in Paris freiwillig auf die Titelverteidigung in der 66-Kilogramm-Klasse verzichtet, um ohne den brutalen Stress des „Gewichtmachens“ mit einem Sieg in der 71-Kilogramm-Klasse als erster Weltmeister in zwei Kategorien Geschichte zu schreiben.

          Während Stäbler, der sich nach der verletzungsbedingten Enttäuschung von Rio de Janeiro zurückmelden will in der Weltspitze, die Rolle als Gejagter seit Erfolgen wie dem EM-Titel von 2013 sowie dem WM-Erfolg von 2015 gewohnt ist, musste Kudla in den zwölf Monaten seit Rio de Janeiro ein wenig Lehrgeld zahlen bei internationalen Wettkämpfen. „Ich habe mir zu viel Druck gemacht“, sagt er. „Aber andererseits habe ich ein klares Motto: Entweder gewinne ich, oder ich lerne dazu.“ Also hat Kudla aus dem dritten Platz bei der Junioren-Europameisterschaft, bei der er als scheinbar unanfechtbarer Favorit an den Start gegangen war, Lehren gezogen und genauso aus einem enttäuschenden WM-Test bei einem großen Turnier in Polen vor sechs Wochen.

          Erst 22, aber schon eine anerkannte Größe
          Erst 22, aber schon eine anerkannte Größe : Bild: dpa

          „Ich dachte, dass ich Leistung bringen muss, und darunter litt der Spaß. Ich bin nur verkrampft auf die Matte gegangen“, sagt er. Er habe das Gefühl gehabt, dass er als Bronzemedaillengewinner von Rio nur verlieren könne. Bundestrainer Michael Carl hat die Niederlagen des vergangenen Jahres recht gelassen beobachtet. „Gerade junge Athleten müssen einen Riesenerfolg erst einmal verarbeiten, damit Lockerheit und Freude wiederkommen“, sagt er. „Er hatte zudem das Gefühl, dass er vom Jäger zum Gejagten wurde. Wir haben ihm aber vermittelt, dass er noch immer Jäger ist, die Gejagten sind die Olympiasieger und Weltmeister.“

          Kudla, der sich körperlich in bester Verfassung wähnt, will für sich wieder jene Freude an der Vielseitigkeit des Ringens, der Kombination aus Kraft, Ausdauerfähigkeit, Feinmotorik und komplizierten Grifftechniken sowie taktischem Gespür entwickeln, die ihn schon im Alter von elf Jahren an der Seite seines älteren Bruders in die Ringerhochburg Schifferstadt, die Heimat der Olympiasieger Wilfried Dietrich und Pasquale Passarelli, geführt hatte. „Mich hat immer fasziniert, dass jeder Kampf ganz anders ist, abhängig vom Gegner, der klein und kräftig oder groß und schlaksig sein kann. Und dazu verzeiht unser Sport bei zweimal drei Minuten Kampfzeit keine Fehler“, sagt Kudla, der in Polen geboren wurde und als Kind mit seinen Eltern nach Bayern auswanderte, wo sich sein Vater ein Handwerksunternehmen aufbaute.

          An diesem Montag hat es Kudla nun in der Hand, das nächste Kapitel seiner erfolgreichen Karriere zu schreiben. Am Rande der WM entscheidet sich indes die Zukunft, und dabei sind die Sportler machtlose Zuschauer. Der internationale Ringerverband UWW strebt eine Neuordnung der Gewichtsklassen an. Die sechs olympischen Klassen sollen in klaren Zehn-Kilogramm-Schritten eingeteilt werden, die großen Nationen rangeln nun aus jeweils recht egoistischen Motiven darum, ob Kudla künftig zum Wiegetermin wie bisher 85 oder künftig 90 Kilogramm wiegen darf.

          Für den 1,84 Meter großen Modellathleten Kudla, der für seine optimale Kampfverfassung vom Alltagsgewicht mit 90 Kilogramm ohne Qualen auf 85 Kilogramm abspeckt, wäre eine Anhebung nachteilig. Aber davon will sich Kudla nicht von seinem Weg abbringen lassen. „Das ist mir egal“, sagt er – mit dem Selbstbewusstsein eines jungen Ringers, der seine Medaille schon zu Hause liegen hat.

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