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Ringen in Dortmund : Der Fingerzeig des Frank Stäbler

Erfolgreich auch mit neuem Gewicht: Ringer Frank Stäbler (Bild von 2018) Bild: Picture-Alliance

Frank Stäbler ist in seiner neuen Gewichtsklasse angekommen. Beim Grand Prix von Dortmund besiegt der Ringer Welt- und Europameister. Das „Projekt 67“ mit dem Ziel Olympia 2020 scheint zu funktionieren.

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          Dass Frank Stäbler in seiner neuen Gewichtsklasse angekommen ist, machte er am Wochenende mit einer eindeutigen Geste klar. Als der Schiedsrichter im Halbfinale der 67-Kilogramm-Klasse beim Grand Prix von Deutschland in Dortmund seinen Gegner, Europameister Zaur Kabaloev aus Russland, in die angeordnete Bodenlage schickte, wurde Stäbler ungeduldig. Der seit Jahren erfolgreichste deutsche Ringer im Griechisch-Römischen Stil deutete mit dem Zeigefinger unmissverständlich auf jene Stelle, wo sich Kabaloev auf dem Bauch liegend dem Angriff des Deutschen auszuliefern hatte. Er wollte dem Gegner keine Sekunde zu viel der Erholung gönnen.

          Kabaloev folgte eingeschüchtert der Aufforderung Stäblers, und das Schicksal nahm seinen Lauf. Der 30 Jahre alte dreimalige Weltmeister aus Deutschland startete ein Feuerwerk aus Würfen und weiteren Techniken und besiegte den Russen wegen technischer Überlegenheit vorzeitig. „Ich war etwas wütend, weil der Schiedsrichter vorher eine Regelwidrigkeit meines Gegners nicht bestraft hatte. Deshalb wollte ich meinem Gegner dann klarmachen, dass er jetzt fällig ist. Ich denke schon, dass ich ihn da etwas erschreckt habe.“

          Im Finale bezwang er anschließend Kabaloevs russischen Landsmann Artjom Surkow, den aktuellen Weltmeister der 67-KIlogramm-Gewichtsklasse, ähnlich überlegen. Surkow musste im Duell der Weltmeister erstmals in seiner Karriere bei einem internationalen Wettbewerb hinnehmen, dass ihn ein Gegner nach einem Ausheber durch die Luft wirbelte. Genauso wichtig wie die Erfolge beim einzigen großen Ringer-Wettbewerb auf deutschem Boden waren die Erkenntnisse aus dem Umgang mit den neuen Wiegeregularien: Stäbler, der in den beiden Jahren Weltmeister in der Klasse bis 72 Kilogramm wurde, war zwar schon einmal 2015 Weltmeister in der Klasse bis 66 Kilogramm, der die 67-KIlogramm-KLasse nach einer Gewichtsklassenreform im Jahr 2017 entspricht.

          2015 musste der zu jener Zeit im Alltag gut 75 Kilogramm schwere Schwabe das Gewicht allerdings noch am Vorabend des Wettkampfs auf die Waage bringen und konnte sich eine Nacht lang von einer tagelangen Tortur erholen. Nun muss das Gewicht nach der Reform am Morgen des Wettkampfs stimmen, weshalb das Limit von 67 Kilogramm deutlich strapaziöser ist, weil der Körper bis zu den Kämpfen kaum Zeit zum Regenerieren und zur Aufnahme von Flüssigkeit oder Nahrung hat.

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          Nötig ist die Quälerei, weil Stäblers eigentliche Gewichtsklasse bei Olympischen Spielen seit gut einem Jahrzehnt nicht mehr zum Programm gehört. Stäbler hat sich mit seinem Trainerteam deshalb dafür entschieden, seine komplette Ernährung umzustellen und bereits sein Ausgangsgewicht um mehr als drei auf unter 72 Kilogramm zu reduzieren. Dafür startete er unter großem Aufwand beispielsweise mit einer Entschlackungskur das „Projekt 67“.

          Ein effektiverer Stoffwechsel unter weitgehendem Verzicht auf Kohlehydrate soll den Verlust an Substanz auffangen, Stäbler bezeichnet sich als „Verbrennungsmotor“. Das Turnier in Dortmund war nun der erste Testlauf unter Wettbewerbsbedingungen, wie sein Körper auch die weitere Reduzierung verkraftet, auch wenn bei dem Wettkampf noch eine Toleranz von zwei Kilogramm gestattet war. Stäbler durfte also 69 Kilogramm wiegen, was er fast aufs Gramm genau einhielt.

          „Das war wieder neues Terrain, das ich betreten habe mit dem neuen Weg, Gewicht zu machen“, sagte Stäbler. „Ich fühle mich zwar gut mit meinem Grundgewicht. Aber beim Reduzieren um die weiteren drei Kilogramm wurden Erinnerungen an frühere Torturen wach. Ich habe mich schwach gefühlt, vor allem vom Kopf her. Dadurch habe ich meine Lockerheit verloren, ich war nervös. Der Sieg gegen den Europameister aus Russland war dann für mich die Bestätigung, dass ich leistungsfähig bin. Der Kampf gegen Weltmeister Surkow war dann das i-Tüpfelchen. Mein olympischer Traum lebt.“

          Stäbler wirkt nach der Gewichtsreduzierung noch flinker und leichtfüßiger als zuvor, wodurch er Surkow beispielsweise bei der ersten Wertung kurz vor dem Pausengong gewinnbringend ins Leere laufen ließ. Der Kraftverlust scheint derweil nicht so massiv, Stäbler hob seine Widersacher wie zuvor aus, wenn er in der Bodenlage im Vorteil war.

          Nach den Siegen über die aktuellen Europa- und Weltmeister geht Stäbler nun auch als einer der Favoriten in die Weltmeisterschaft, bei der die ersten Tickets für die Olympischen Spiele in Tokio im kommenden Jahr vergeben werden, bei denen Stäbler seine Karriere möglichst auf dem Höhepunkt beenden möchte. Für Olympia wie auch seine Kämpfe am 15. und 16. September im kasachischen Nur-Sultan muss er allerdings auch noch die letzten zwei Kilo zum 67-Kilogramm-Limit „wegdrücken“, wie die Ringer es ausdrücken. Nach dem Fingerzeig von Dortmund dürfte ihm auch das gelingen.

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