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Richard Carapaz : Die Lokomotive von Carchi gewinnt den Giro

  • -Aktualisiert am

Herzlichen Glückwunsch! Richard Carapaz gewinnt den Giro d’Italia. Bild: AFP

Richard Carapaz macht beim Giro d’Italia den nächsten großen Schritt als Profi und gewinnt die zweitwichtigste Rundfahrt des Straßenradsports. Der Weg des Mannes aus Ecuador dahin war steinig.

          Zwei alte Kumpel bestimmten den Giro d’Italia. Der eine als strahlender Sieger, der andere als tragischer Held. Richard Carapaz trägt seit seinem Solosieg auf der 14. Etappe das Rosa Trikot. Er trug es souverän, niemand war in der Lage, es ihm auszuziehen. Der Einzige, der möglicherweise die Kraft dazu gehabt hätte bei diesem Giro, war Miguel Angel Lopez. Der Kolumbianer, Kampfname „Superman“, darf sich immerhin des Weißen Trikots für den besten Jungprofi erfreuen.

          Er war auch der angriffslustigste Spitzenfahrer, er zeigte dies zuletzt auf der Königsetappe am Samstag. Dort beraubte ihn aber ein Zusammenprall mit einem Zuschauer aller Aussichten auf einen größeren Erfolg. Lopez kam zu Fall. Er ohrfeigte wutentbrannt den Zuschauer. Lopez bat später für seinen Übergriff um Entschuldigung. Die Jury mochte keine gravierende Unsportlichkeit entdecken und sanktionierte die Hiebe nicht. Es war allerdings ein Giro der Pannen und verpassten Möglichkeiten für Lopez.

          Der Giro von Carapaz geht hingegen als die Triumphfahrt eines bisher weitgehend Unbekannten in die Geschichte dieser Radrundfahrt ein. Einer der wenigen in Italien, für die dieser Ecuadorianer mit dem Beinamen „Lokomotive von Carchi“ kein unbeschriebenes Blatt war, ist Lopez. Beide kennen sich seit 2011. Damals fuhren sie, der 17 Jahre alte Lopez und der 18 Jahre alte Carapaz, gemeinsam bei der Vuelta del Porvenir, der wichtigsten U-19-Rundfahrt Kolumbiens. Keiner von ihnen gewann damals. Aber Kenner des südamerikanischen Radsports erinnerten sich, dass beide einen gemeinsamen Ausreißversuch wagten, allein vor mehr als 180 weiteren jungen Burschen, die auf zwei Rädern auf der Jagd nach Ruhm, Ehre und einem besseren Leben waren.

          Carapaz und Lopez sind auf diesem Weg ein beträchtliches Stück weiter gekommen – und waren nun Protagonisten der zweitwichtigsten Rundfahrt des Straßenradsports. Auch hier waren beide meist vorn, als es in die Berge ging. Lopez, der in der ersten Hälfte des Rennens wegen schlechter Ergebnisse im Zeitfahren und weiterer Zeitverluste durch Defekte im Klassement bereits zurückgefallen war, attackierte, sobald die Straße nach oben wies. Carapaz, ebenfalls mit Rückstand im Klassement, aber nicht so abgeschlagen wie der Kolumbianer, ließ Lopez manchmal gewähren.

          Andere Male nutzte er dessen Tempoverschärfung aber auch für eigene Vorstöße aus. Carapaz hatte das Verhalten seines langjährigen Rivalen perfekt in die eigene Strategie integriert. Das war eine Ursache für seinen Erfolg. Als die größte Qualität des Ecuadorianers rühmt dessen Trainerin Iosune Murillo denn auch den „klaren Kopf“. „Richard ist mental unglaublich stark. Er hat viel Selbstbewusstsein, kann Situationen gut analysieren und verfügt über große Willenskraft“, sagte sie. Sie betreut Carapaz seit 2016, als er nach Europa kam.

          Lopez, ein Jahr jünger als Carapaz, hatte das schon längst geschafft, war beim Team Astana als designierter Nachfolger der Rundfahrtsieger Vincenzo Nibali und Fabio Aru engagiert. Carapaz hingegen musste einen steinigeren Weg gehen. 2013, sein Entdecker und erster Trainer Juan Carlos Rosero war einen Tag nach dem gemeinsamen Training plötzlich verstorben, machte er sich nach Europa auf. „Ich nahm auch an einigen wichtigeren Rennen teil, holte sogar Podestplätze. Aber europäische Teams wollten mich nicht“, sagte er beim Giro über die damalige Zeit.

          Enttäuscht kehrte er in die Heimat zurück, in die Region Carchi, auf 3000 Meter Höhe. Hier war er als Sohn eines Kraftfahrers und einer Bäuerin zur Welt gekommen. Hier kümmerte er sich auch um die Kühe, er melkte sie im Morgengrauen und ging danach zu Schule und Training, als seine Mutter an Krebs erkrankt war. In der Höhenlage der Anden stärkte Carapaz die Muskeln, die ihm zum Beinamen „Lokomotive von Carchi“ verholfen haben. 2015 gewann er schließlich in Kolumbien die Vuelta de la Juventud – das ist sozusagen der „große Bruder“ der Vuelta del Porvenir, ein Rennen der U-23-Kategorie. Der Sieg öffnete Carapaz den Weg nach Europa und zur Trainerin Iosune Murillo.

          Stolz präsentiert der Sieger den goldenen Pokal in Verona.

          Mit ihr wuchs er Schritt für Schritt weiter als Radrennfahrer. Erstmals machte er 2017, bei seinem Grand-Tour-Debüt in Spanien, mit einem elften Tagesrang beim Ritt auf den gefürchteten Angliru auf sich aufmerksam. „Er hat große Erholungsfähigkeiten, ist auch in der dritten Woche noch sehr stark, während viele Rivalen dort abbauen“, konstatiert Iosune Murillo. Zum Ausprobieren gewissermaßen bestritt er den Giro 2018 – Ergebnis: Rang vier.

          „Seit Beginn dieses Jahres haben wir daran gearbeitet, ihn auf den aktuellen Giro noch besser vorzubereiten“, sagte die Trainerin. Das ist ihr gelungen. Carapaz stach Lopez endgültig aus. Er bescherte Ecuador damit den ersten Grand-Tour-Sieg. Und die Konstanz, mit der er die zweite Hälfte des Giro bestritt, macht ihn zu einem interessanten Kandidaten auch für die Tour de France der nächsten Jahre. Sein Vertrag beim Team Movistar läuft übrigens aus. Aber er ist ein begehrter Mann. Und mancher Manager plant schon, die Lok aus Carchi in seinen Rennstall zu holen.

          Ackermann erster deutscher Sieger der Giro-Punktewertung

          Mit dem Lila Trikot auf seinen Schultern winkte Pascal Ackermann glücklich ins Publikum, nachdem die dreiwöchige Reise durch Italien in der Arena von Verona ihr erfolgreiches Ende gefunden hatte. „Es war ein weiter Weg bis hierher. Es ist befreiend, dass ich hier angekommen bin“, sagte der deutsche Meister nach seinem starken Debüt beim Giro d'Italia der Deutschen Presse-Agentur.

          Als erster deutscher Radprofi gewann Ackermann die Punktewertung der Rundfahrt. Das Trikot stellte der 25-Jährige in der Wertigkeit noch über seine zwei Etappensiege. Eine historische Leistung, vollendet an einem historischen Ort. „Das Schlimmste war natürlich der Sturz“, sagte Ackermann rückblickend. Auf der 10. Etappe kam er zu Fall. Er verlor dadurch auch zwischenzeitlich das Trikot. Den Rückschlag verkraftete er aber. Sowohl körperlich, die meisten Wunden waren in Verona bereits verheilt. Auch mental hielt er stand, holte sich das Trikot in der letzten Woche wieder zurück.

          „Jetzt freue ich mich erst einmal über den Urlaub“, meinte er. Die nächsten Rennen sind die Slowenien-Rundfahrt und die deutschen Meisterschaften. Dort ist er Titelverteidiger. Einen Start bei der Tour de France noch in diesem Jahr schloss er aus. Für die nächsten Jahre ist dies aber ein Ziel. „Die Tour ist ein Traum“, sagte er. (dpa)

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