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Deutscher Handball-Meister : Der perfekte Abschied für Gensheimer

Erstmals in der Geschichte werden die Rhein-Neckar Löwen deutsche Handball-Meister. Bild: dpa

Das ist die Krönung: Uwe Gensheimer wird mit den Rhein-Neckar Löwen nach manchen Enttäuschungen endlich Handball-Meister – und macht sich nun auf den Weg nach Paris.

          3 Min.

          Tränen waren schon vor dem Sonntag geflossen, vor dem Tag, an dem das Prachtwerk endlich vollendet wurde. Die Rhein-Neckar Löwen sind erstmals Meister im Handball geworden, nach einem langen Anlauf, mit einem 35:23 beim Bundesliga-Absteiger TuS N-Lübbecke. Auch für Uwe Gensheimer erfüllte sich damit ein Lebenstraum. Für den Mann, der das Gesicht dieser Mannschaft war. Ein Idol, ein Publikumsliebling, bis zuletzt, der „König der Löwen“.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Gensheimer geht nun, hoch dekoriert, er nimmt eine neue Herausforderung an, in Frankreich, bei Paris Saint-Germain. Und er erlebte einen perfekten Abschied, nach 13 Jahren bei den Löwen. Vor einer Woche schon hatte es einen bewegenden Moment für ihn gegeben, im letzten Heimspiel in Mannheim. Kein großer Gegner, die Löwen hatten gegen die TSV Hannover-Burgdorf antreten müssen, und doch waren mehr als 13.000 Zuschauer gekommen, nicht zuletzt wegen Gensheimer. Er war gerührt, er sagte: „Das ist der Augenblick, an den ich seit Monaten gedacht habe – und er ist noch viel schlimmer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Heute habe ich gemerkt, was ich in Paris vermissen werde.“

          Gensheimer, geboren in Mannheim, 29 Jahre alt, entwickelte sich bei den Löwen zu einem Handballspieler von Weltklasseformat, er wurde zu einer Stütze auf Linksaußen, auch im Nationalteam. Und er bedeutet den Löwen so viel, dass sie die Nummer 3, die das Trikot des Kapitäns zierte, nie mehr vergeben wollen. Gensheimer selbst sagt: „Dieser Verein ist für mich eine Herzensangelegenheit.“

          Er hatte die ersten Schritte als Handballer beim TV Friedrichsfeld gemacht, wechselte von dort zur SG Kronau-Östringen, aus der die Rhein-Neckar Löwen entstanden. Ein Team, das zum Angriff auf das Establishment im deutschen Handball blies, mit hohem finanziellen Einsatz, allerdings war bis zum Sonntag nur ein einziger Titel herausgesprungen – im Jahr 2013 gewannen die Löwen den EHF-Pokal. Auf nationaler Ebene hingegen mussten Gensheimer und Co. immer wieder Enttäuschungen hinnehmen, im Pokal-Wettbewerb und in der Meisterschaft.

          Zum Beispiel 2014, als sie sehr knapp am THW Kiel scheiterten. Gensheimer sagte dazu kürzlich gegenüber dem „Mannheimer Morgen“: „Ich kann mir ehrlich gesagt nichts vorstellen, was dramatischer wäre, als in der Tordifferenz die Meisterschaft zu verlieren. Wenn man so kurz davor steht, nach einem Jahr harter Arbeit so nah dran ist und es dann doch nicht schafft, weil zwei Tore fehlen, dann ist das schon besonders bitter.“

          Unwe Gensheimer wird in seinem letzten Spiel mit den Rhein-Neckar Löwen deutscher Meister.
          Unwe Gensheimer wird in seinem letzten Spiel mit den Rhein-Neckar Löwen deutscher Meister. : Bild: dpa

          Um so süßer schmeckte nach all den Rückschlägen der Erfolg vom Sonntag, der die Löwen endgültig zum Primus 2016 machte. Mit einem Punkt Vorsprung vor der SG Flensburg-Handewitt. Die Nordbadener, geleitet von dem dänischen Trainer Nikolaj Jacobsen, traten in dieser Saison – zumindest in der Liga – als ziemlich stabile Einheit auf, hatten in dem Schweizer Andy Schmid einen exzellenten Spielgestalter, packten in der Abwehr sehr energisch zu.

          Das waren die Trümpfe auf dem Weg zum ersehnten Coup. Und Gensheimer, der wegen seiner Trickwürfe als „Mann mit dem Gummiarm“ bezeichnet wird, trug bis zum Schluss seinen Teil dazu bei. Sechs Tore gegen die Hannoveraner, ...in Lübbecke. Stets getrieben von dem Wunsch, ganz oben zu stehen in der Heimat vor dem Auslands-Abenteuer: „Ich will hier meine letzte Mission erfüllen. Ich will diese Meisterschaft.“ Auftrag erledigt.

          Schon vergangene Woche verabschiedete er sich beim letzten Heimspiel in Mannheim von den Fans.
          Schon vergangene Woche verabschiedete er sich beim letzten Heimspiel in Mannheim von den Fans. : Bild: dpa

          Gensheimer, der den großen Wurf des Nationalteams bei der Europameisterschaft in Polen wegen einer Verletzung verpasst hatte, gehörte ohne Zweifel zu den Spitzenverdienern bei den Löwen. In Paris wird er aber um einiges mehr verdienen; Spitzenkräfte erhalten dort dem Vernehmen nach 500.000 Euro netto pro Jahr. Solche Investitionen sind nicht möglich bei den Löwen von heute, die – wegen wirtschaftlicher Altlasten – einen Sparkurs verfolgen. SAP-Mann Lars Lamade, der als Geschäftsführer von Jennifer Kettemann, ebenfalls SAP, abgelöst wird, spricht von einer Phase der Konsolidierung. Die Mannheimer sind trotzdem immer noch in der Lage, einen exquisiten Kader zusammenzustellen. So kehrt jetzt Gudjon Valur Sigurdsson als Ersatz für Gensheimer zu den Löwen zurück; der Isländer kommt vom FC Barcelona.

          Gensheimer, dieser Tage Vater eines Sohnes geworden, möchte weiter reifen in Paris, auch als Sportler. Es geht um Ambitionen auf europäischer Ebene, um die Champions League. Er hätte sich schon früher verändern können, an Angeboten mangelte es nicht. Gensheimer aber glaubt, dass die Treue zu den Löwen sich ausgezahlt habe: „Ich wäre sonst nicht der Spieler, der ich heute bin.“ Einer, der großes Ansehen genießt, der nun geschmückt mit Lorbeer in die Fremde aufbricht. Und vermutlich immer ein Teil der Löwen aus Mannheim bleiben wird.

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