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Reitsport : Hoffnung auf Ende der „Rollkur“-Ära

Mit „Rollkur“ trainiert: Totilas beim Einreiten mit Matthias Alexander Rath Bild: dapd

Kritiker nennen die umstrittene Trainingsmethode Tierquälerei. Nun gibt es Hoffnung, dass sich die Ära der „Rollkur“ dem Ende zuneigt. Der deutsche Verband erinnert sich seiner alten Werte, die Schweiz verbietet Hyperflexion per Verordnung.

          Das Thema Totilas hat unendlich viele Facetten. Außerhalb von Showgeschäft und Gerüchteküche stand der schwarze Hengst eine Zeit lang auch im Zentrum einer leidenschaftlichen Fachdebatte über das Thema Hyperflexion als Trainingsmethode, vulgo auch „Rollkur“ genannt. Die enge Kopf-Hals-Haltung während der Prüfungsvorbereitung, die auf dem Prinzip der Unterwerfung beruht, sollte Totilas die brillanten Leistungen entlocken, die er seinem Reiter Matthias Rath nach der klassischen Methode vorenthielt. Schlimme Bilder auf den Abreiteplätzen des Turniers in Hagen und bei den deutschen Meisterschaften 2012 waren die Folge – in billigender Gegenwart der auf Medaillengewinn fixierten deutschen Funktionäre. Am Ende war all die Selbstverleugnung vergeblich: Wegen einer Erkrankung des Reiters war Totilas bei den Olympischen Spielen in London nicht am Start und wurde seither auch nicht mehr im Prüfungsviereck gesehen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Knapp zwei Jahre später scheint es, als habe ich die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) wieder auf ihre eigenen Grundlagen besonnen. Ein mit 20 Experten besetzter „Runder Tisch Dressur“ hat festgestellt, dass es keiner Regeländerung bedarf, um „nicht pferdegerechten“ Trainingsmethoden Einhalt zu gebieten, wie die FN das nennt. In Tierschutzkreisen wird die „Rollkur“ in ihrer extremen Form als Tierquälerei verabscheut. Die Runde war zusammengesetzt aus Reitern, Trainern und Richtern. Auch der kritische Veterinärmediziner Peter Stadler von der Tierärztlichen Hochschule Hannover brachte sich ein. Heraus kam ein detaillierter Kriterienkatalog, der künftig den Turnierrichtern auf dem Abreiteplatz Entscheidungshilfe und Rückendeckung geben soll, wenn es darum geht, die Richtlinien der FN durchzusetzen. Dieser Katalog soll nicht allein fürs Dressurreiten, sondern für den ganzen Pferdesport gelten. Die Frage, ob ein Reiter sich „pferdegerecht“, „auffällig“ oder „nicht pferdegerecht“ verhält, soll anhand genauer Beobachtung geklärt werden.

          „Eine enge Kopf-Hals-Haltung allein ist noch kein Indiz für inakzeptables Reiten“, formulierte Thies Kaspareit, Olympiasieger in der Vielseitigkeit von 1988 und heute Leiter der FN-Abteilung Ausbildung, bei der Vorstellung des Konzepts in Warendorf. „Das Pferd muss als Ganzes, also Bewegungsablauf, Rückentätigkeit, Maultätigkeit, Augenausdruck, Schweifhaltung, Ohrenspiel, Atmung und schließlich Einwirkung des Reiters, betrachtet werden.“ Trotz aller Differenzierung kann man die Aktion als eine Absage an die Rollkur verstehen – allerdings erst jetzt, da diese Methode sowieso aus der Mode kommt. Sollte ein Richter erkennen, dass die Vorbereitung eines Reiters „auffällig“ ist, muss er ihn weiter beobachten und eventuell verwarnen. „Nicht pferdegerechtes“ Reiten kann zunächst zu einem klärenden Gespräch führen, Uneinsichtigkeit hat eine Verwarnung (Gelbe Karte) oder den Ausschluss (Rote Karte) zur Folge.

          Trainingsarbeit in Grauzonen

          Mit ihrer Selbstvergewisserung könnte die FN, die sich jahrelang vom Spitzensport in ihrer Haltung hat aufweichen lassen, die in der Kavallerie verwurzelte Definitionsmacht wiedergewinnen, was unter „gutem Reiten“ zu verstehen ist. Sofern sie die alt/neuen Kriterien in der Praxis auch wirklich durchsetzt. Mit Hilfe eines Lehrfilms und Fortbildungsveranstaltungen sollen die neu herausgearbeiteten Prinzipien an die Basis gebracht werden. Bis jetzt gelten das FN-Bekenntnis und der Kriterienkatalog allerdings nur bei nationalen Turnieren. Man habe die Unterlagen aber an den Weltverband FEI weitergegeben, erklärte FEI-Generalsekretär Soenke Lauterbach. „Das Feedback aus der Zentrale war sehr positiv.“ Bisher orientiert sich das FEI-Reglement eher an formalen Kriterien wie Winkel und Dauer der extremen Hyperflexion. Es wird von den Stewarts am Viereck auch nicht zufriedenstellend umgesetzt. Auch der Schweizer Verband sei sehr interessiert, sagte Lauterbach, und das hat gute Gründe: Seit dem 1. Januar 2014 sind „Methoden, mit denen die Überdehnung des Pferdehalses oder -rückens bewirkt wird (Rollkur)“ im Rahmen der Schweizer Tierschutzverordnung (Artikel 21) verboten. Neben allerhand anderen von Turnierreitern gelegentlich praktizierten Methoden wie „Barren“, bei dem das Pferd mit Hilfe von Stangen, kleinen Verletzungen oder chemischen Substanzen zum sauberen Springen gebracht werden soll, oder dem „Anbringen von Gewichten im Hufbereich“.

          Man spreche, sagte Dennis Peiler, Geschäftsführer des für den Leistungssport zuständigen Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei, von Grauzonen. „Wann ist etwas ertragbar und wann nicht mehr?“ Der Verband habe „viel zu wenig reagiert, wo hätte reagiert werden müssen“. Mit Beginn der grünen Saison werde die FN die Umsetzung des Kriterienkatalogs überprüfen. „Wir als Verband werden uns daran messen lassen“, kündigte er an.

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