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Global Champions Tour : Erst zahlen, dann reiten

  • -Aktualisiert am

Gut betucht, fest im Sattel: Christina Liebherr Bild: TOFFI-IMAGES

Alles nur eine Frage des Geldes: Bei der Global Champions Tour kaufen sich dreißig Prozent der Starter ins Feld ein. In der Springreiterei ist das nichts Ehrenrühriges – trotzdem wird über die Beträge geschwiegen.

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          Christina Liebherr sieht ihren Sport pragmatisch. Als Tochter aus reichem Hause - sie ist die Enkelin von Hans Liebherr, dem Gründer des gleichnamigen Baumaschinenkonzerns - wurden ihr immer wieder Startplätze bei wichtigen Reitturnieren eingeräumt, weil ihr Vater dafür zahlte. „Wenn ich die Chance habe, in solch ein Umfeld geboren zu sein und Talent zu haben, wäre ich blöd, das nicht auszunutzen“, sagt die 36 Jahre alte Schweizerin.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Geld zu zahlen für einen Platz im Starterfeld, das ist in der Springreiterei eben nichts Ehrenrühriges. Die Wahrheit ist: Anders macht in dieser kaum durchlässigen Branche kaum mehr jemand Karriere. Auch für die Möglichkeit, am Samstag in Hamburg bei der mit 300. 000 Euro dotierten Etappe der hochdotierten Serie Global Champions Tour zu starten, hat sie bezahlt. Sie belegte mit dem Hengst Eagle Eye Rang 16 - und ergatterte damit kein Preisgeld. Was ihr Start gekostet hat, verrät sie nicht. „Fragen Sie doch Jan Tops“, sagt Christina Liebherr.

          „Regelt sich durch Angebot und Nachfrage“

          Der Niederländer Jan Tops, Reiter, Pferdehändler und Turnier-Großmanager, ist der Erfinder und Chef der Serie, die das Springreiten seit ein paar Jahren auf eine neue Profit-Ebene gehoben hat. Doch Jan Tops wäre reichlich ungeschickt, diese Frage zu beantworten. „Es gibt keine fixen Preise“, sagt Volker Wulff, Veranstalter unter anderem des Derby-Turniers dieses Wochenende in Hamburg-Klein Flottbek und damit Gastgeber der Tour-Etappe. „Das regelt sich durch Angebot und Nachfrage.“ Sprich: Wenn es mehr Anwärter als Startplätze gibt, ist der Meistbietende dabei, ob nun aus der Schweiz oder vom Golf. Wobei der Erwerb eines Hospitality-Pakets durchaus zum Obolus dazugehören kann.

          Dass die Milliardenerbin Athina Onassis-de Miranda, der russische Oligarch Wladimir Tuganow und Scheich Ali bin Khalid Al Thani, Mitglied der Herrscherfamilie von Qatar, nicht ungeschoren auf die Startliste der Global Champions Tour gekommen sind, versteht sich von selbst. Doch der Status des Zahlers kann jeden treffen. Christina Liebherr zum Beispiel ist nicht etwa ein verwöhntes reiches Kind, das vom Vater in Szene gesetzt wird.

          Mit ihrem Pferd No Mercy gehörte sie jahrelang zur Top-Klasse der internationalen Springreiter. 2005, bei der Europameisterschaft in San Patrignano, wurde sie Zweite mit der Schweizer Mannschaft und in der Einzelwertung. Beim olympischen Reitturnier 2008 in Hongkong gewann sie Mannschafts-Bronze. Als ihr vierbeiniger Star wegen einer Verletzung verabschiedet wurde, musste sie allerdings mit jungen Pferden von vorne beginnen. Sie fiel in der Weltrangliste weit zurück, in die Kategorie derer, die eine „Pay Card“ brauchen für die großen Events.

          Seit zwei Jahren ist Christina Liebherr Präsidentin des „Jumping Riders Club“, der Vereinigung der Aktiven. Als eine ihrer Aufgaben sieht sie es an, zumindest eine klare Regelung zu finden, wenn es um bezahlte Startplätze geht. „Das ist ein sehr schwieriges Territorium“, sagt sie. „Wir möchten es für alle fair machen. Wir müssen schauen, was für die Veranstalter machbar ist. Die Reiterkollegen können nicht nur Geld verdienen wollen.“ Die größte Schwierigkeit sieht sie darin, dass nicht geradlinig mit dem Thema umgegangen wird. „Die Reglemente werden in einer gebogenen Linie eingehalten“, sagt sie vieldeutig.

          Versorgung der eigenen Klientel

          Theoretisch ist die Regel sogar ziemlich einfach: Jeder Turnierveranstalter, der ja schließlich sein Event finanzieren muss, kann 30 Prozent seiner Startplätze als „Wild Cards“ vergeben. Damit kann er zum Beispiel sicherstellen, dass ein Lokalmatador außerhalb der Qualifikationskriterien an den Start gehen und Publikum anziehen kann. Er kann einem Sponsor, der eigene Reiter unterstützt, mit Startplätzen entgegenkommen. Er kann einer bestimmten Nation die Chance geben, mitzureiten. Oder er kann die Startplätze schlicht verkaufen.

          Die Global Champions Tour, die etwa in Hamburg bei einem etablierten Turnier zu Gast ist, kauft dieses Kontingent dem lokalen Veranstalter ab und versorgt damit die eigene Klientel. Die Reiter aus Qatar zum Beispiel starten nicht nur in der von Jan Tops gegründeten Serie. Der Niederländer betreut sie außerdem als Nationaltrainer und hat sie bereits zur Qualifikation für die Olympischen Spiele nächstes Jahr in Rio geführt. Zu diesem Zweck hat er ihnen zu Millionenpreisen Spitzenpferde vermittelt. Kein Wunder, dass Tops bei diesen Synergieeffekten inzwischen ein reicher Mann ist.

          Das 50 Reiter umfassende Starterfeld am Samstag setzte sich also wie folgt zusammen: 60 Prozent rekrutierten sich aus den besten 30 der Weltrangliste, wobei nachgerückt werden kann. Diese Privilegerten, zu denen Christina Liebherr sich so bald wie möglich wieder zählen will, zahlen nicht für den Startplatz - sie geben der Serie die sportliche Qualität. 30 Prozent starteten mit Pay Card. Zehn Prozent, also fünf Plätze, dürfen vom nationalen Verband vergeben werden, im Hamburger Beispiel also von Bundestrainer Otto Becker. Dies ist das Karriere-Fenster für Reiter ohne Geld. Doch der Weg in die Luxusklasse ist für einfache Leute höchst beschwerlich. Andere, wie etwa der reiche Bankier aber mittelmäßig begabte Springreiter Baron Edouard de Rothschild, zahlen ihr Leben lang. Aber das Mitleid mit solchen Leuten hält sich natürlich in Grenzen: Sie haben’s ja.

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