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Reiten : Mit dem Besten aus zwei Welten an die Spitze

  • -Aktualisiert am

Wollen hoch hinaus: Meredith Michaels-Beerbaum und Shutterfly Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Alle sieben deutschen Teilnehmer stehen beim Weltcupfinale der Reiter in Las Vegas unter den besten zehn. Es führt Meredith Michaels-Beerbaum.

          3 Min.

          Vor voreiligen Schlüssen sollte ein vernünftiger Mensch sich hüten. Ansonsten bliebe sämtlichen amerikanischen Springreitern im Moment wohl nichts anderes mehr übrig, als sich umgehend in Europa einen Partner zu suchen. Meredith Michaels-Beerbaum, die Kalifornierin, die 1998 Markus Beerbaum ehelichte, macht ihnen nämlich schon seit Jahren vor, wie effektiv diese Strategie ist.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Sie ist nicht nur die erste Amazone, der es gelang, sich an die Spitze der Weltrangliste zu setzen. Sie hat in den vergangenen Monaten die attraktivsten Wettbewerbe ihrer Branche gewonnen, die lukrative Serie "Riders Tour" ebenso wie das hochdotierte Top-ten-Finale in Genf. Und beim Weltcupfinale in Las Vegas ließ sie das gesamte Zehnerpack ihrer einstigen Landsleute weit hinter sich.

          In der Pole Position

          Vor dem letzten Wettbewerb um den Titel (nach mitteleuropäischer Zeit in der Nacht zu diesem Montag) lag die 35 Jahre alte Berufsreiterin in Führung. Zwei souveräne Auftritte mit ihrem zwölfjährigen Hannoveranerwallach Shutterfly brachten sie vor den beiden letzten Runden in die Pole Position. Allerdings trennten sie nur jeweils drei Punkte von den beiden nächsten Verfolgern Alois Pollmann-Schweckhorst (auf Candy) und Lars Nieberg (auf Lucie), was lediglich einem dreiviertel Springfehler entspricht.

          "Am letzten Tag kann noch viel passieren", erklärte sie in Gedanken an den Abwurf, der sie vor einem Jahr beim Weltcupfinale in Mailand in der letzten Runde den Triumph kostete. "Schließlich ist auch ein Tier daran beteiligt." Allerdings war sie dem ersten großen Einzeltitel ihrer Karriere wohl noch nie näher als dieses Mal. "Die Partnerschaft mit Shutterfly hat sich seit Mailand noch vertieft", sagt sie. "Und er ist in der Form seines Lebens."

          Auf der Pelle

          Ihre einstigen Landsleute waren - bis auf Kimberly Frey mit Marlou auf dem geteilten zehnten Platz - schon vorher geschlagen. Ihre aktuellen Mannschaftskollegen hingegen saßen ihr auf der Pelle: Alle sieben deutschen Teilnehmer lagen noch unter den besten zehn und innerhalb von sechs Strafpunkten, nur unterbrochen von großen Stars der nichtdeutschen Springreiterei wie dem Belgier Ludo Philippaerts mit Parco, dem Brasilianer Rodrigo Pessoa mit Baloubet du Rouet und dem Engländer Michael Whitaker mit Portofino. Die enttäuschten amerikanischen Reitsportfreunde rings um das Thomas & Mack Center sprachen bereits von einem "Ratzinger-Effekt", der das Land des Sauerkrauts erfaßt habe.

          "Ratzinger-Effekt"

          Deutsche also auf Rang eins bis drei. Dazu gemeinsam auf Platz sechs (je 5 Punkte Rückstand): Ludger und Markus Beerbaum mit Couleur Rubin und Constantin sowie Marcus Ehning mit Gitania. Auf Rang zehn (sechs Punkte zurück): Marco Kutscher mit Cash. "Das hat man nicht oft", sagte Bundestrainer Kurt Gravemeier zurückhaltend.

          Am ersten Tag im Zeitspringen war lediglich Pollmann-Schweckhorst mit Candy ein Leichtsinnsfehler unterlaufen. Beim zweiten Wettbewerb, einem Springen mit Stechen, fielen nur bei drei von Gravemeiers Leuten Stangen, und zwar bei Marcus Ehning ziemlich unglücklich auf der heiklen Schlußlinie am vorletzten Sprung, einem Bierflaschen-Steilsprung; bei Meredith-Ehemann Markus Beerbaum eins zuvor an einem mit roten Rosen verzierten Hindernis; und bei Marco Kutscher an einem riesigen gelben Oxer mit Wassergraben.

          Positives Denken

          Das bedeutete am zweiten Tag insgesamt eine deutsche Fehlerquote von lediglich zwei Prozent. Das zweitägige gemeinsame Training in Warendorf scheint sich für das ganze Team enorm gelohnt zu haben. Sie habe, sagt Meredith Michaels-Beerbaum, als Reiterin in Europa sowieso viel gelernt, "auch wenn ich reiterlich nicht ganz konvertiert bin".

          Doch auch ihre amerikanische Herkunft hat ihr in Las Vegas weitergeholfen. Nicht nur die Familienmitglieder und Freunde, die aus ihrer Heimatstadt Los Angeles gekommen sind, um sie anzufeuern. Auch das "positive Denken", das man den Kaliforniern nachsagt. Es gibt nämlich vieles, was sie verdrängen muß. Erst vor zwei Wochen fand eine zehnstündige Anhörung vor dem Rechtsausschuß der Internationalen Reiterlichen Vereinigung statt, in der es um die positiven Dopingproben ging, die Shutterfly beim Weltcupfinale vor einem Jahr in Mailand entnommen worden waren.

          Das Verfahren wurde zwar eingestellt und die Reiterin entlastet, doch mußte sie ihre eigenen Prozeßkosten selbst übernehmen und auf Regreßansprüche wegen der verpaßten Olympiateilnahme verzichten. "Am Ende war ich nur noch froh, daß es vorbei war", sagt sie. Auch wenn sie zuletzt so erfolgreich war wie nie zuvor, habe das Verfahren wie eine große schwarze Wolke über ihr gehangen. Da kam der Trip nach Las Vegas gerade recht, in eine Stadt, in der es jeden Tag abertausende Male heißt: Neues Spiel, neues Glück.

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