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Probleme des Turnens : Seltsam, unlogisch oder einfach nur kurios

  • -Aktualisiert am

Weltmeister im Tie-Break: Artur Dalaloyan aus Russland. Bild: Imago

Turnen ist eine komplizierte Sportart und sollte attraktiver werden. Stattdessen aber wurde alles noch unverständlicher. Die kuriosen Folgen lassen sich nun bei der WM in Qatar gut beobachten.

          3 Min.

          Das olympische Kunstturnen ist eine komplizierte Sportart. Andernorts muss der Ball hinter die Linie, über das Netz oder in den Korb. Im Turnen gilt es, wie bei der Weltmeisterschaft in Doha zu begutachten, in kurzer Zeit Längs- und Breitenachsendrehungen in verschiedensten Kombinationen zu erkennen, um sich ein Urteil über die Güte der Vorstellung zu bilden. Doch nicht nur die Sportart als solche ist komplex, noch komplexer sind die Wettkampfformate, wobei zwischen der einen und der anderen Komplexität keine kausale Verknüpfung existiert.

          Die Einsicht, dass ein gewisses Maß an Verständlichkeit des Formats der Popularität des Turnens durchaus zuträglich ist, ist in Turnerkreisen weit verbreitet. Allein die Realität hinkt dieser Einsicht immer hinterher. Am Mittwochabend, zum Beispiel, erturnten Artur Dalaloyan und Xiao Ruoteng im Mehrkampf beide 87,598 Punkte. Glücklicherweise ist die Tie-Break-Regel in die Computer eingespeist, doch für die Zuschauer erschloss sich keineswegs, weshalb nun der Russe Dalaloyan Weltmeister ist.

          Das war zugegebenermaßen ein kurioser Sonderfall. Die Qualifikationskriterien für Olympische Spiele hingegen sind grundlegend. Und was sich der Weltverband FIG für Tokio 2020 ausgedacht hat, ist schier undurchschaubar. In Doha haben sich Anfang dieser Woche die drei erstplazierten Mannschaften des Teamfinals direkt qualifiziert. Das bedeutet, China, Russland und Japan bei den Männern sowie die Vereinigten Staaten, Russland und China bei den Frauen müssen theoretisch bei der Weltmeisterschaft in Stuttgart 2019 überhaupt nicht antreten. „Das ist schon sehr wichtig“, sagte Tom Forster, Chef der Amerikanerinnen nach dem Sieg, „falls nächstes Jahr eine Topturnerin nicht fit ist, dann können wir sie entspannt zu Hause lassen“. Man mag sich durchaus fragen, warum ausgerechnet die Nationen, die sowieso die stärksten sind, mit Blick auf die Spiele 2020 diesen Vorteil genießen.

          Kurioser allerdings ist Folgendes: Die weiteren neun Länder, die ein Team nach Tokio entsenden dürfen, werden in Stuttgart ermittelt, und zwar im Qualifikationswettkampf, und das heißt nach einem anderen Modus: Der lautet 5:4:3, was bedeutet, dass das Team aus fünf Turnern besteht, vier ans Gerät gehen und die besten drei das Ergebnis bilden. Der Modus im Teamfinale jedoch wurde vor Jahren zur Steigerung der Spannung in 5:3:3 abgeändert – ohne Streichnote. Für die Mannschaftsaufstellung ist das keineswegs ein Detail, sondern je nach Turner, die zur Verfügung stehen, ein bedeutsamer Unterschied.

          Es ist ungefähr so, als würde die erste Qualifikation in der 4×400-Meter-Staffel über 400 Meter ausgetragen, die zweite, ein Jahr später, aber nur über 4×350 Meter. Die Frage ist, warum das Internationale Olympische Komitee so offenkundig unterschiedliche Wettbewerbe als Qualifikation für den gleichen olympischen Wettbewerb anerkannt hat. Und dafür ist noch irrelevant, dass dieser olympische Wettbewerb wiederum ein anderes Format hat, denn in Tokio werden die Teams erstmals nur aus vier Turnern bestehen. Das hieße entsprechend: Bei der Qualifikation besteht die Staffel aus vier Läufern, bei Olympia aber nur noch aus dreien.

          Wem das seltsam, gar unlogisch vorkommt, dem sei versichert, dass es nur der Anfang ist. Ein weiteres Beispiel: Eben weil das Team in Tokio nur noch aus vier Sportlern bestehen wird, beschloss die FIG, dass sich zwei weitere Sportler aus diesen Nationen qualifizieren können, über Weltcupserien oder Kontinentalmeisterschaften. Bedingung ist allerdings, dass diese Sportler in Doha nicht mit ihren Teams angetreten sind. Einige Spezialisten, so etwa der russische Ringespezialist Denis Abljasin, waren deshalb gar nicht erst dabei. In Tokio könnten so sechs russische Trikots auflaufen, von denen aber nur vier den Teamwettbewerb bestreiten dürfen, alle sechs aber um Medaillen im Mehrkampf und an den Geräten kämpfen. Und ein letztes Beispiel: Wie immer gibt es auch die Qualifikation für Turner aus Ländern, die überhaupt kein Team haben. Die Pointe hier ist, dass sich auf diesem Wege theoretisch gar sieben Turner pro Land qualifizieren können, womit ein Land, das nie die Teilnahme am Teamwettbewerb angestrebt hat, mit mehr Athleten zu den Olympischen Spielen führe als die Mannschaftsturner.

          Angesprochen auf den Qualifikationsmodus, erklärte FIG-Präsident Mori Watanabe im vergangenen Jahr, nicht er habe ihn zu verantworten, sondern sein Vorgänger. Vor seiner Wahl hatte der Japaner 2016 erklärt, er wird das Turnen attraktiver machen als Fußball. In Doha wurde nun bereits der Vorschlag der FIG für die Olympiaqualifikation 2024 vorgestellt. Und siehe da: Es soll alles einfacher werden.

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