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Zwei Sportler sterben : Durchboxen bis zum Tod

  • -Aktualisiert am

„Mad Max“ gegen „DeMarco“: Maxim Dadaschew (links) bei einem Kampf gegen Antonio DeMarco in Las Vegas 2018 Bild: dpa

Eigentlich ist der Profi-Boxsport gut reglementiert. Doch diese Vorschriften werden aus unterschiedlichen Gründen oft ignoriert. Mit teilweise schrecklichen Konsequenzen.

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          „Wenn du das machst, spreche ich nie wieder mit dir.“ Das sollen die Worte gewesen sein, mit denen Jim Braddock auf die Ankündigung von Ringrichter Thommy Thomas reagierte, ihn bald aus seinem WM-Kampf mit Joe Louis zu nehmen. Nach dessen Ansicht hatte er im Ring des Chicagoer Comiskey Parks bereits so viele schwere Treffer eingesteckt, dass eine Fortsetzung brisant erschien. Braddock aber wollte weitermachen. In Runde acht sank er auf die Bretter, erholte sich aber bald vollständig von dem Knockout. Auch vor 82 Jahren ging es Preisboxern schon gegen die Berufsehre, nicht bis zum Umfallen kämpfen zu dürfen.

          Hätte Maxim Dadaschew je wieder mit Buddy McGirt gesprochen, der ihn am 19. Juli in Oxon Hill, US-Staat Maryland, stoppen wollte? Der erfahrene frühere Weltmeister hatte als Cheftrainer in der Ecke ungleich mehr Nähe zu dem Aktiven, als ein Unparteiischer es je haben wird. Wohl auch deshalb brauchte er mehrere Rundenpausen, um sich gegen den Boxer mit seiner Entscheidung durchzusetzen. „Wenn ich es nicht tue, macht es der Ringrichter“, sagte McGirt seinem Schützling und suchte Einverständnis: „Komm, Max, bitte.“ Dann warf er das weiße Handtuch zum Zeichen der Aufgabe in den Ring. Leider zu spät: Vier Tage später erlag der in Kalifornien trainierte Russe trotz einer Notoperation seinen Gehirnverletzungen.

          Wer sind Verursacher und Mitschuldige?

          Ähnlich wie Versicherungen suchen auch Menschen, beteiligt oder nicht, nach schockierenden Unfällen Verursacher und Mitschuldige. Im Fall des 28-jährigen Profis, der vor dem Vergleich mit Subriel Matias in 13 Kämpfen ungeschlagen war, wirkt das auch mit Abstand beinahe aussichtslos. Vom Veranstalter bis zum Chirurgen haben alle in der Sicherheitskette offenbar verantwortungsvoll und professionell agiert. Es war vom Papier her ein gut austariertes Duell zweier ähnlich ambitionierter Superleichtgewichtler. Glaubt man dem Coach, der auch schon mal den deutschen Schwergewichtsboxer Timo Hoffmann betreut hat, dann war Dadaschew bestens eingestellt: „Er war okay, er war bereit“, sagte McGirt: „Aber es ist der Sport, in dem wir uns bewegen. Es braucht nur diesen einen Schlag.“

          Nur einen Tag später hat sich Hugo Alfredo Santillan auf dieses immanente Risiko eingelassen, als er in San Nicolas, Provinz Buenos Aires, gegen Eduardo Javier Abreu aus Uruguay antrat. Beim Vergleich um den Latino-Titel des WBC im Leichtgewicht musste der 23-jährige Argentinier allerdings auf seinen Trainer Orlando Felipe verzichten. Der war nicht einverstanden mit dem Kampf. Santillan hatte erst 34 Tage zuvor eine schwere Niederlage einstecken müssen. In Hamburg war Santillan gegen den Deutschen Artem Harutyunyan, der bei Olympia in Rio Bronze gewann, chancenlos. Nun boxte er unentschieden, brach jedoch nach der Siegerehrung zusammen und starb im Krankenhaus. Die Ärzte diagnostizierten Nierenversagen und einen nachfolgenden Lungenkollaps.

          Anders als im Fall Dadaschew sind hier etliche Akteure zu hinterfragen. Das geht über den Boxer, der schnell wieder Geld verdienen wollte, weit hinaus. Der Bund deutscher Berufsboxer (BDB) hatte den Youngster, den sie „Dinamita“ nannten, wegen der vielen Wirkungstreffer vorsorglich bis einschließlich 30. Juli gesperrt. Das ist für andere Verbände nicht verbindlich, wird in der Regel dennoch beachtet – schon weil unabhängige Boxportale wie „boxrec.com“ und „Fightfacts“ das in den Eintragungen zu jedem Profi anführen. Der Veranstalter und die Funktionäre vom argentinischen Boxverband haben das gleichwohl übersehen, entweder aus fahrlässiger Nonchalance oder mit voller Absicht. Und der World Boxing Council (WBC) muss sich nun Fragen gefallen lassen, warum er für den durch ihn beaufsichtigten Titelkampf einen gesperrten Kandidaten akzeptierte.

          Entgegen einer weit verbreiteten Meinung ist das Profiboxen recht gut reglementiert. Nur werden diese Vorschriften so oft anderen Interessen untergeordnet oder ignoriert, dass die Forderung nach einem Verbot immer wieder aufkommen; besonders an solchen Tagen.

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