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Radsportlegende Poulidor : „Der ewige Zweite“ ist tot

Leidensmann des Radsports: Raymond Poulidor ist tot. Bild: AFP

Raymond Poulidor war der große Liebling der Radsportfans in seinem Heimatland Frankreich. Gerade weil er nie die Tour de France gewann. Nun ist „Poupou“ gestorben.

          2 Min.

          Müde, hieß es, sei er von der „Grande Boucle“ im vergangenen Juli zurückgekehrt, als erstmals in der hundertjährigen Geschichte der Tour de France eine Etappe wegen Blitz und Hagel abgebrochen werden musste. Nie ließ es sich Raymond Poulidor nehmen, für die Medien und die Menschenmassen am Straßenrand die Landesrundfahrt zu begleiten. Er war beliebter als die Fahrer im Feld. Seine außergewöhnliche Popularität hat mit seinem Ruf als „ewiger Zweiter“ zu tun. Sein Image als Verlierer war seine Tragödie – und letztlich sein Glück. Doch wie die meisten Mythen hat auch Poulidors Legende mit der komplexen Realität wenig zu tun: In seiner langen Karriere entschied der „ewige Zweite“ zahlreiche Rennen für sich, die Spanien-Rundfahrt und zweimal Mailand–Sanremo. Bei Paris–Nizza schlug er Eddy Merckx. Siebenmal gewann er eine Etappe der Tour de France, die den Mythos begründete. Nie aber trug Poulidor das Gelbe Trikot.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Poulidor wurde 1936 in der tiefen Provinz der „France profonde“ geboren. Seine Kindheit verbrachte er in bescheidenen Verhältnissen auf einem Bauernhof. In der Vierten Republik hat er als Frisör gearbeitet, um ein bisschen Geld zu verdienen. Seine Karriere als Berufsrennfahrer begann 1960 in einer Epoche, da die Radrennfahrer ohne Helm fuhren und auf den Haarschnitt achteten wie heute die Fußballer. Richtig beliebt machten ihn seine Volksverbundenheit und seine Niederlagen. Von seinem Kosenamen „Poupou“ leiteten die Franzosen eine neue Kategorie der Beliebtheit ab: die „Poupoularität“.

          Über und von Poulidor gibt es Dutzende von Büchern, das Fernsehen widmete ihm ein Porträt mit dem missverständlichen Titel „Poulidor I.“ Denn von einem König und Grandseigneur hatte Poulidor, der ein bodenständiges Leben ohne Affären und Skandale führte, rein gar nichts. Er war ein Bauer, der in den sechziger Jahren seine epochalen Duelle gegen den Großgrundbesitzer Jacques Anquetil verlor. Poulidor und Anquetil verkörperten im nationalen Epos, das eine Hymne auf die Geografie und Geschichte ihres Landes ist, das linke und das rechte Frankreich. Poulidor, der die Etappen nicht immer sehr seriös vorbereitete, verrechnete sich durchaus schon mal mit den Zeitgutschriften – auch deswegen holte er nie das Gelbe Trikot.

          Schulter an Schulter: 1964 hängt Raymond Poulidor b(rechts) seinen großen Rivalen Jaques Anquetil am Puy de Dome ab, wird aber in Paris dennoch wieder nur Zweiter.

          Anquetil hingegen fuhr mit dem Rechenschieber im Kopf und nur gerade so viele Sekunden Vorsprung heraus, wie er für den Sieg einkalkulierte – stets ging seine Rechnung auf. Doch nachdem die Götter ihn auf den Landstraßen so einseitig begünstigt hatten, holte ihn später ein schweres Schicksal ein, viel zu jung erlag er einem Krebsleiden. Nicht einmal seiner postumen Popularität war sein tragischer Tod förderlich. Der aristokratische Jacques blieb – so der Titel seiner Biographie – „Anquetil, der Ungeliebte“. Selbst in finanzieller Hinsicht gab es für den bauernschlauen „Poupou“ keinen Grund zu klagen. Er verdiente so viel wie seine siegreichen Rivalen Merckx und Anquetil.

          3000 Briefe soll Poulidor im Hochsommer jeweils täglich bekommen haben. Nicht nur erschöpft, sondern auch überaus hoffnungsfroh war er von der „Grande boucle“ nach Hause gekommen. Für Julian Alaphilippe hatte er sich begeistert, den Fahrer, der das Land vom Fluch zu erlösen verspricht, der so lähmend über der Tour lastet wie die Legende vom „ewigen Zweiten“: Seit 1985 hat kein Franzose mehr die Landesrundfahrt gewonnen. Mit großer Betroffenheit nahmen die Franzosen zur Kenntnis, dass „Poupou“ am Mittwoch im Alter von 83 Jahren gestorben ist. Er wohnte längst wieder im Haus seiner Kindheit, aus dem er einen florierenden Gasthof machte, in dem man das Bett bewundern kann, in dem der kleine Knirps einst schlief. Die Legende lebt, noch sind Fluch und Mythos nicht überwunden.

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