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Ulms Basketballer : Makellose Höhenflieger

  • Aktualisiert am

Großes im Blick: Auch Augustine Rubit (rechts) trumpft im Ulmer Trikot auf. Bild: dpa

Ulms Basketballer eilen trotz geringen Budgets von Sieg zu Sieg: Sie träumen nicht nur von einem Titel - sie sprechen sogar davon. Auch in anderen Wettbewerben hat der Klub Aussichten.

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          Bamberg geschlagen, die Bayern in deren Halle besiegt - man sollte meinen, für die Ulmer könne es, auch da sie noch immer ohne eine einzige Niederlage an der Spitze der Bundesliga-Tabelle stehen, gar nicht genug Basketball geben. Bei den Fans ist es zweifellos so: Die Ratiopharm-Arena mit ihren 6200 Plätzen ist seit der Einweihung vor fünf Jahren bei jedem Meisterschaftsspiel ausverkauft - und an diesem Mittwoch beim ersten Spiel in den Top 16 des Euro-Cups erst recht: Das Team von Bayern München kommt.

          Erst vor neun Tagen hat die Ulmer Mannschaft von Trainer Thorsten Leibenath in München einen bitter-süßen Abend erlebt. Zwar siegte sie erstmals im Audi-Dome, 87:79, obwohl Per Günther fehlte, Aufbauspieler und Identifikationsfigur. Doch Center Tim Ohlbrecht verletzte sich am Knie und fällt wohl länger aus.

          Der Coach macht kein Geheimnis daraus, dass er das Erreichen des Viertelfinales im internationalen Wettbewerb für sensationell hielte, müsste sich sein Team dafür doch gegen Bayern, gegen Khimki Moskau und gegen Lietkabelis Panevežys aus Litauen durchsetzen. „Für uns ist die Bundesliga das Brot-und-Butter-Geschäft“, sagt Geschäftsführer und Sportdirektor Thomas Stoll: „Der Euro-Cup ist die Chance für unsere Spieler, sich international zu präsentieren.“

          Da klingt das Credo des Klubs an. „Unser Markenkern ist Spaß“, sagt Stoll, „und das nehmen wir total ernst.“ Tatsächlich lässt Leibenath seine Spieler lieber einmal mehr schießen als verbissen verteidigen, er brüllt nicht herum und schon gar keine Spieler an. Die Bayern dagegen wollen mit ihrem neuen Trainer Aleksandar Djordjević unbedingt aufsteigen in die erste Klasse des internationalen Wettbewerbs, die Euro-League, und dafür müssen sie entweder Bamberg als Meister ablösen oder den Euro-Cup gewinnen.

          Der Feiertag am 11. Dezember

          An der Donau dagegen gibt es viel zu feiern. Beim Heimspiel gegen Angstgegner Brose Bamberg, gegen den Ratiopharm Ulm in den Meisterschafts-Finalserien 2012 und 2016 unterlag, beging der Klub das Fünfjährige seiner Halle, mit der er die Zuschauerkapazität und damit auch seine wirtschaftlichen Möglichkeiten verdoppelte. Zugleich bejubelten die Fans, dass Coach Leibenath seinen seit 2011 laufenden Vertrag vorzeitig um zwei Jahre verlängerte. Und als Per Günther das Mikrofon nahm und bekanntmachte, dass auch er bis 2019 in Ulm bleiben werde, gab es kein Halten mehr. Eigentlich habe er um fünf Jahre verlängern wollen, scherzte Günther, aber Stoll habe ihm lediglich einen Zwei-Jahres-Vertrag angeboten. Den Feiertag, zu dem jener 11. Dezember wurde, krönte er, indem er sein Team zum 78:63 über Bamberg führte - zum ersten Sieg nach einer gefühlten Ewigkeit voller Niederlagen.

          So groß wurde die Begeisterung in der Stadt, dass Leibenath sich genötigt sah, darauf hinzuweisen, dass Erfolge über Bamberg und Bayern auch nur zwei Punkte bringen. Doch auch er weiß, wie wichtig sie für die Psyche der Spieler sind. „Man sollte jeden Gegner respektieren“, sagt er. „Aber man muss vor keinem Angst haben. Dann kann man auch gewinnen.“

          Vertrag verlängert, Bamberg geschlagen: Der 11. Dezember war der große Tag von Per Günther (rechts).

          Ja, man träumt in Ulm nicht nur von einem Titel, man spricht sogar davon. „Natürlich geht es irgendwann darum, mal etwas zu gewinnen“, sagte Günther, der 2008 aus Hagen kam. „Für mich ist es mittlerweile so: Entweder ich gewinne das Ding im orangen Trikot, oder ich gewinne das Ding nie. Und dann ist es halt so.“

          „Wir sind ein Durchlauferhitzer“

          Seine Spieler fühlten sich wohl, sagt Stoll, „das nutzen wir aus“. Er wolle niemandem die freie Meinungsäußerung verbieten, doch um Meister zu werden, um Bamberg oder München mit ihren drei- bis viermal so hohen Budgets in einer Serie dreimal zu besiegen, dazu müssten Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen. Doch der stetige Aufstieg der Ulmer zum Spitzenteam der Liga ist kein Zufall. Immer wieder zahlt sich die Risikobereitschaft des Klubs bei der Verpflichtung von Spielern aus; Robin Benzing und Daniel Theis etablierten sich hier in der Liga, John Bryant, aus der D-League in Amerika geholt, wurde hier zum wertvollsten Spieler der Liga.

          Wie sie haben wohl auch Raymar Morgan, mit im Schnitt 18,5 Punkten die Nummer zwei der Liga-Statistik, sowie sein amerikanischer Landsmann Chris Babb (13,5) längst das Interesse großer europäischer Klubs geweckt und werden für Ulm nicht zu halten sein. „Wir sind ein Durchlauferhitzer“, scherzt Stoll. Der Rolle seines Klubs als Entdecker und Entwickler gibt er ein Fundament mit der Basketball-Akademie, an der deutsche Spieler sich entwickeln sollen. Gegen die Bayern dürften wohl Youngsters wie der neunzehnjährige Bernard Benke und der 21 Jahre alte Joschka Ferner den Routiniers Verschnaufpausen verschaffen.

          Wenn alles perfekt laufe, sei ein Pokalsieg drin, sagt Stoll. Wenn sein Team wie erwartet die Qualifikation in Ludwigsburg gewinnt, wird es im Februar in Berlin mit Alba, Bamberg und Bayern um den Cup spielen. In der derzeitigen Form und mit dem dann hoffentlich genesenen Per Günther geht es dann, wieder einmal, um den ersten Titel des Klubs in fünfzehn Jahren erster Klasse. Und der andere Titel? „Klar, irgendwann will ich vor 15.000 Menschen auf dem Ulmer Münsterplatz die Meisterschaft feiern“, sagt Stoll. „Alles, was man erreichen will, kann man erreichen.“

          Günther erinnert daran, wie lange Nowitzki auf seine Meisterschaft in der NBA warten musste. „Dirk hat den Titel mit 33 Jahren gewonnen, als eigentlich schon keiner mehr damit gerechnet hat“, sagt er, bevor er auf die Dominanz von Bamberg und Bayern zu sprechen kommt. Gut möglich, dass in den nächsten zehn Jahren nur zwei Teams um den Titel kämpften, Bamberg und Bayern. „Wenn man daraus schließt, dass man nur eine tolle Karriere hat, wenn man bei einem von diesen beiden Vereinen gespielt hat“, folgert Günther, „ist das ein System, das für mich keinen Sinn macht.“ Was ist das anderes als das Versprechen der nächsten Vertragsverlängerung in Ulm?

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