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Rallye Dakar : Drei Todesfälle machen Alphand zum traurigen Sieger

  • -Aktualisiert am

Luc Alphand steuert den Mitsubishi zum Dakar-Sieg Bild: dpa/dpaweb

Die traditionsreiche Wüstenrallye fand vor den Toren von Dakar ein nachdenkliches Ende mit dem Franzosen Luc Alphand als Sieger. Weil es wieder Tote gab, wird der Streit über Sinn und Unsinn der Hatz durch die Wüste weitergehen.

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          Sie ist faszinierend, einzigartig und gleichzeitig grausam und abstoßend - die Dakar-Rallye. Am Sonntag fand das traditionsreiche Wüstenrennen vor den Toren der senegalesischen Hauptstadt Dakar ein nachdenklich stimmendes Ende. Ohne Zeitnahme hatten die Teilnehmer die letzten 31 Kilometer Sonderprüfung am Ufer des malerischen Lac Rose bei Dakar und auf dem Sandstrand an der Atlantikküste absolviert und hatten damit den Stand der vorletzten Etappe am Freitag als abschließendes Resultat akzeptiert.

          Die motorsportliche Zurückhaltung hatte einen tragischen Grund. Am Samstag war es zu einem weiteren Todesfall gekommen - dem dritten in dieser 28. Auflage der Rallye Dakar. Ein zwölf Jahre alter Junge war auf einer für Service-Lkw der Rallye vorgesehenen Straße von einem der Fahrzeuge erfaßt und getötet worden. Bereits einen Tag zuvor war ein Kind ums Leben gekommen, ein zehn Jahre altes Mädchen, das vom Auto eines Teilnehmers erfaßt und getötet wurde. Schon am Montag starb der australische Motorradfahrer Andy Caldecott, als er mit seiner Maschine stürzte und sich das Genick brach.

          Gefährlich und unberechenbar

          Die drei Todesfälle stellen die Dakar-Rallye wieder einmal in ein fahles Licht. Der Glanz, der von dem traditionsreichen Wüstenrennen ausgeht, ist angesichts der Schicksale matt - und die erfolgreichsten Sportler dieser wüsten Wettfahrt können nur traurige Sieger sein. So kam der Franzose Luc Alphand ohne Schlußspurt zu seinem ersten Dakar-Sieg, der Südafrikaner Giniel de Villiers steuerte seinen Race Touareg auf Platz zwei und verhalf der Equipe von Volkswagen immerhin zu einem Podiumsplatz - was freilich weniger war, als sich die ehrgeizigen Wolfsburger vorgenommen hatten. (Siehe auch: Rallye Dakar: Die VW-Armada versinkt im feinen Sand der Sahara) Dritter wurde Alphands Teamkollege Nani Roma in einem Mitsubishi Pajero Evolution.

          Luc Alphand steuert den Mitsubishi zum Dakar-Sieg Bilderstrecke
          Rallye Dakar : Drei Todesfälle machen Alphand zum traurigen Sieger

          Man kennt den Zwiespalt, in dem die Dakar lebt, aus den zurückliegenden Jahren. Der Reiz des Abenteuers, die faszinierenden Landschaften Afrikas und die sportliche Herausforderung sind die eine Seite, die Teilnehmer, Sponsoren und Hersteller immer wieder in die Wüste locken. Die andere Seite der Dakar ist gefährlich und unberechenbar.

          Kritik aus dem Vatikan

          Drei Tote in diesem Jahr, fünf Tote bei der Rallye des vergangenen Jahres, als der italienische Motorradfahrer Fabrizio Meoni, der spanische Zweiradpilot Jose Manuel Perez, zwei Besucher der Rallye und ein fünf Jahre altes Mädchen ihr Leben bei der Rallye ließen. Die Gesamtzahl der Todesopfer liegt nun bei mehr als fünfzig. Nach dem Tod des zehnjährigen Mädchens am Freitag hat sich sogar der Vatikan zu Wort gemeldet und die Rallye scharf kritisiert. Bei der Veranstaltung mit „makabrem Charme“ sei durch „unverantwortliche Nachlässigkeit“ ein Leben zerstört worden, schrieb die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ in ihrer Sonntagsausgabe. Der Tod von Boubacar Diallo, die am Freitag im Senegal von einem lettischen Fahrer erfaßt und getötet wurde, hinterlasse einen „bitteren Geschmack“.

          Die Kluft zwischen Sinn und Unsinn der Rallye wird größer, je mehr die Veranstaltung vor laufenden Fernsehkameras stattfindet. Sie liefern einem Millionenpublikum einzigartige Bilder des Rennens, in dem moderne Gladiatoren unter dem Einsatz ihres Lebens durch phantastische Landschaften rasen. Die Dakar ist ein Widerspruch in sich - auf der einen Seite erfordert sie Mut, Leidensfähigkeit und Teamdenken. Auf der anderen Seite ist sie eine Millionenveranstaltung, die von einer Geldmaschine am Leben gehalten wird. Großkonzerne nutzen sie als imageförderndes Marketing und elektronische Medien als Quotenbringer. Der Gedanke, daß genau dieser Widerspruch den eigentümlichen Reiz der Dakar ausmacht, liegt nahe.

          Der Tod fährt immer mit

          Auch in diesem Jahr haben die Organisatoren der Dakar versucht, die Rallye sicherer zu machen. Weitere Tempolimits wurden eingeführt, die Überwachung der in Ortschaften auf 50 Kilometer in der Stunde limitierten Grenzwerte war streng, da am Ende jeder Etappe die GPS-Geräte jedes einzelnen Teilnehmers ausgelesen wurden. Die Höchstgeschwindigkeit für Lastwagen und Motorräder wurde auf 150 Kilometer in der Stunde begrenzt. Wie wirksam es ist, einen tonnenschweren Race-Truck auf ein solches, immer noch atemraubendes Tempo zu begrenzen, ist eine andere Frage. Daß Tempolimits kein Allheilmittel sind, hat auch der Tod des Australiers Caldecott gezeigt. Er stürzte bei vergleichsweise niedrigem Tempo - wie Meoni ein Jahr zuvor.

          Am Samstag waren es genau zwanzig Jahre her, daß Thierry Sabine, der Begründer der Rallye, bei einem Hubschrauberabsturz sein Leben ließ. Als der Helikopter auf einer Düne in Mali zerschellte, starben drei weitere Menschen, ein französischer Schlagersänger und zwei Journalisten. Sabine war als charismatischer Herrscher über die Dakar bekannt, zuweilen sagte man ihm nach, er sei so etwas wie ein „freundlicher General“. Er wurde vergöttert, sein Erbe, das er hinterließ, glorifiziert. Über die Frage, ob die Dakar des Jahres 2006 überhaupt noch im Sinne ihres Erfinders Sabine wäre, ließe sich trefflich streiten. Aber auf der mörderischen Wettfahrt durch Wüsten, Savannen, über Gebirgspässe und Karawanenrouten wird es sich kaum ändern lassen: Der Tod fährt immer mit.

          Ergebnisse Motorsport, Rallye Dakar

          Endstand nach 14 Prüfungen (9.043 Gesamt-Kilometer) in Dakar/Senegal:

          Automobile:
          1. Luc Alphand/Gilles Picard (Frankreich) Mitsubishi Pajero Evolution 53:47:32 Std.; 2. Giniel de Villiers/Tina Thörner (Südafrika/Schweden) VW Race-Touareg 54:05:25; 3. Joan-Nani Roma/Henri Magne (Spanien/Frankreich) Mitsubishi Pajero Evolution 55:38:10; 4. Stéphane Peterhansel/Jean-Paul Cottret (Frankreich) Mitsubishi Pajero Evolution 57:07:56; 5. Mark Miller/Dirk von Zitzewitz (USA/Karlshof) VW Race-Touareg 57:10:57; 6. Jean-Louis Schlesser/François Borsotto (Monaco/Frankreich) Schlesser-Ford-Buggy 57:56:55; 7. Carlos Sousa/ Jean-Marie Lurquin (Portugal/Frankreich) Nissan 59:27:43; 8. Bruno Saby/Michel Perin (Frankreich) VW Race-Touareg 62:02:17; 9. Guerlain Chicherit/Matthieu Baumel (Frankreich) BMW X3 62:12:45; 10. Thierry Magnaldi/Arnaud Debron (Frankreich) Schlesser-Ford-Buggy 62:13:29; 11. Carlos Sainz/Andreas Schulz (Spanien/München) VW Race-Touareg 63:51:18

          Motorräder:
          1. Marc Coma (Spanien) KTM 55:27:17 Std.; 2. Cyril Despres (Frankreich) KTM 56:40:46; 3. Giovanni Sala (Italien) KTM 57:57:05; 4. Chris Blais (USA) KTM 58:03:35; 5. Carlo de Gavardo (Chile) KTM 58:50:04; 6. Pal-Anders Ullevalseter (Norwegen) KTM 59:22:09; 7. Alain Duclos (Franreich) KTM 60:11:13; 8. David Casteu (Frankreich) KTM 61:43:38; 9. Helder Rodrigues (Portugal) Yamaha 62:21:58; 10. Janis Vinters (Lettland) KTM 63:20:31

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