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Boxer Jake LaMotta ist tot : Vollgepumpt mit Misstrauen und blinder Wut

  • -Aktualisiert am

Mann mit Nehmerqualitäten: Jake LaMotta (1921-2017) Bild: AP

Er hat keine der lebensverkürzenden Todsünden ausgelassen, und ist doch 95 Jahre alt geworden: Nun ist der Preisboxer Jake LaMotta gestorben.

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          Ein Leben wie im Film. Dass Jake LaMotta 95 Jahre alt geworden ist, widerspricht allen gängigen Empfehlungen einer zivilisierten Gesellschaft, was zu tun und zu lassen ist, um so alt zu werden. LaMotta, als Sohn sizilianischer Einwanderer in der Bronx von New York geboren, am Dienstag im amerikanischen Bundesstaat Florida gestorben, war Boxer. Er hat nichts an lebensverkürzenden Todsünden ausgelassen, wie seiner schonungslosen Autobiographie zu entnehmen ist. Mit dem Film „The Raging Bull“ („Wie ein wilder Stier“) hat ihm Hollywood ein Denkmal gesetzt. Es ist die grandiose Story eines Underdogs, der sich im Auge des Erfolges selbst zerstört. Am Ende ist der einstige Champion nur noch ein alkoholisierter ehemaliger Boxer, der sich rührend bis peinlich als Conferencier von eigenen Gnaden durchschlägt.

          Für diese Rolle hat Robert de Niro die Nähe LaMottas gesucht. Ein Jahr lang ließ sich der Filmstar vom Ex-Boxer in die Kunst des Faustkampfes einweihen, fraß sich zwischendurch über 20 Kilo an, um als Mime der Figur LaMottas durchzugehen. 1980 wurde „Raging Bull“ als Film des Jahres und de Niro mit dem „Oscar“ ausgezeichnet. Man mag seine in Zeitlupe und bevorzugt schwarz-weiß gefilmten Kampfszenen als überzeichnet kritisieren, doch sie taugen als Stilmittel, die Aggressivität des Boxens zu überhöhen – als antisozialen Exzess.

          Den Vorwurf, seine Frau Vickie geschlagen zu haben, konterte LaMotta mit der entlarvenden Feststellung, nicht richtig zugeschlagen zu haben, „sonst hätte sie nicht überlebt“. Als Kind war Giacobbe – der von seinen Eltern gewählte Vorname – von seinem Vater angeleitet worden, sich mit Gleichaltrigen zu prügeln. Die Münzen, die dabei in der Nachbarschaft abfielen, halfen der Familie, über die Runden zu kommen. Giacobbe schlug über die Stränge, geriet auf Kollisionskurs mit dem Gesetz, blieb bei Straßen- wie den späteren Amateurkämpfen unbesiegt und wurde 1941 Profi. Ein technisch limitierter Preisboxer mit einem schier eisernen Kinn, der nur den Vorwärtsgang kannte, vollgepumpt mit Misstrauen und blinder Wut außerhalb des Rings. Wenn es die Situation erforderte, konnte er charmant sein, als Erzähler von Anekdoten mit ihm selbst in der Hauptrolle.

          LaMotta, von 1949 bis 1951 Weltmeister im Mittelgewicht, prahlte damit, nie durch einen Konkurrenten von den Beinen geholt worden zu sein. Elf Jahre nach seinem Profidebüt, in einem seiner letzten Kämpfe, ist es dann doch passiert. Nach den drei härtesten Gegnern gefragt, gefiel LaMotta sich mit der stets gleichen Antwort: „Erstens Robinson, zweitens Robinson, drittens Robinson.“ Gemeint war Sugar Ray Robinson, sie begegneten sich in sechs epischen Duellen.

          Im Detroit des Jahres 1943 war Jake LaMotta der erste, der Robinson besiegte. Die lüsterne Kundschaft wollte mehr von diesem Kaliber haben. Schon drei Wochen später schlug der Gong zur Revanche. Heutzutage unvorstellbar. Chroniken feiern ihr letztes Duell als die Box-Version des „Massakers am Valentinstag“. Ein Massaker am Verlierer LaMotta, das der Ringrichter beendete. Das „Ring Magazine“, die selbsternannte „Bibel des Boxens“, verlieh dem Haudrauf aus der Bronx den schillernden Ehrentitel „Boxer mit den besten Nehmerqualitäten der Geschichte“.

          Box-Legende Jake „Raging Bull“ LaMotta (rechts) bei seinem WM-Kampf 1949 gegen Marcel Cerdan

          Von seinen 106 Kämpfen hat Jake LaMotta 83 gewonnen, davon 30 durch K.o. Zu den vier Niederlagen im Kampfrekord zählt jene im November 1947 gegen Billy Fox, auf den die Mafia gesetzt hatte. LaMotta tat, wie ihm von der Mafia „empfohlen“. Die New York State Athletic Commission ermittelte und sperrte LaMotta. „Man musste schon sturzbesoffen sein, um nicht zu erkennen, was da ablief“, ließ LaMotta Jahre später in seiner Autobiographie wissen. Er war, kein Novum im Boxgeschäft, Täter und Opfer zugleich.

          Sein Leben mit den Dämonen im und außerhalb des Rings schrieb das Drehbuch zum Film mit De Niro in seiner Paraderolle. Seite an Seite hat man den Schauspieler und den Boxer am Ring und bei diversen Filmpremieren gesehen. Beim Film hat LaMotta, längst Besitzer von Bars und Nightclubs geworden, als Gelegenheits-Schauspieler in ein paar Nebenrollen mitwirken dürfen. Er ist sieben Ehen eingegangen und hat sie als ähnlich harte Prüfungen empfunden wie die Bewährungsproben im Ring. Er hat drei seiner sechs Kinder überlebt. „Du kannst nicht in den Ring gehen und gleichzeitig ein netter Typ sein“, hat der Kronzeuge des „Bloody Business“ das Dilemma seines Lebens in Worte zu fassen versucht.

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