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Rafael Nadal : Warten auf den Murmeltiertag

Stehaufmännchen: Nadal hat seiner Rückkehr im Februar von acht ATP-Endspielen sechs gewonnen Bild: REUTERS

Es ist immer das selbe Rafa-Ritual: Erst ist Nadal schwer verletzt, dann schlägt er die Gegner reihenweise und beißt am Ende in den Siegerpokal. Wird es auch bei den French Open wieder so sein?

          Neulich hat der Onkel seinen Neffen wieder mal unterschätzt. Toni Nadal war in Offenbach, um deutschen Tennistrainern ein paar Erfolgsstrategien an die Hand zu geben, und bei dieser Gelegenheit kam die Frage auf, wer seinen Neffen Rafael nach dessem x-ten sensationellen Comeback bei den French Open in Paris überhaupt würde schlagen können.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Viele“, hat Onkel Toni behauptet: „Es gibt fünf, sechs Leute: Djokovic, del Potro, Ferrer, Murray, Berdych, mit Einschränkung Federer. Rafa ist nicht der Favorit.“ Rafael Nadal kann so gut spielen, wie er will, er kann fast alles gewinnen, was es zu gewinnen gibt, und doch bringt ihn und seine Familie nichts aus der mallorquinischen Ruhe. Bescheidenheit ist zwar eine Zier. Doch im Falle Nadal ist sie fehl am Tennisplatze, vor allem wenn dessen Untergrund aus Sand besteht.

          Als Trainer-Onkel Toni seinem Neffen noch wenig zutraute, hatte Rafael Nadal schon vier ATP-Endspiele erreicht, von denen er drei gewann. Und das unmittelbar nach einer Zwangspause von sieben Monaten, in denen er wegen seiner ständig wiederkehrenden Kniebeschwerden auf Eis gelegt war. Die Tenniswelt staunte über diese phänomenale Rückkehr im vergangenen Februar, hatten doch selbst Meinungsführer wie die früheren Champions Mats Wilander oder Andre Agassi behauptet, dass der Spanier frühestens im Herbst dieses Jahres zu alter Bestform würde auflaufen können.

          Wiederholung von Worten, Bildern und Erlebnissen

          Die imposante Nadal-Serie setzte sich fort, mit drei weiteren Turniersiegen in Barcelona, Madrid und Rom und einem verlorenem Endspiel in Monte Carlo. Macht summa summarum sechs Siege und zwei Endspiele bei acht Turnierteilnahmen seit dem Ende seiner Verletzungspause - besser geht’s kaum.

          „Vor fünf Monaten hätte ich von einer solchen Rückkehr nicht einmal zu träumen gewagt“, sagte Nadal, nachdem er vergangenen Sonntag Roger Federer im Finale von Rom in 69 Minuten vom Platz gefegt hatte. Die Erfolge sprechen zwar dafür, dass Nadal auf seinen geliebten Sandplätzen nichts von seiner alten Dominanz eingebüßt hat. Doch der Spanier spielt seine Stärke weiterhin unermüdlich herunter: „Ich spiele zwar gut, aber muss noch etwas mehr meinen Bewegungen vertrauen.“

          Mancher Beobachter zeigt sich schon genervt über das immer wiederkehrende Rafa-Ritual. Wie in dem Hollywood-Streifen „Und täglich grüßt das Murmeltier“ gehe es zu, heißt es, Worte, Bilder und Erlebnisse würden sich ständig wiederholen. Erst sei Nadal lange verletzt, so dass sich er und sein Umfeld über die weitere Profikarriere sorgen, dann kehre er zurück und behauptet, noch weit von seiner Bestform entfernt zu sein und nichts von sich zu erwarten.

          Anschließend schlägt er die Gegner reihenweise und beißt am Ende in den Siegerpokal. Ermüdend sei die Wiederholung des Immerselben, sagen die Krittler, die für das Phänomen ein hübsches englisches Wort erfunden haben: „Rafatigue“. Etwas weniger Understatement würde man sich vom besten Sandplatzspieler der Tennisgeschichte schon wünschen.

          Vor den French Open, die am Sonntag in Paris begannen, hat Familie Nadal ihre Zurückhaltung zumindest ein wenig aufgegeben. Der normativen Kraft des Faktischen konnte sich nicht einmal dieser verschworene Mallorca-Clan widersetzen. Djokovic, Federer und Ferrer hat Rafael Nadal in den vergangenen Wochen geschlagen, Murray (Rückenschmerzen) und del Potro (Viruserkrankung) haben ihre Teilnahme für Paris abgesagt. In der Liste der besten Spieler der bisherigen Saison steht der Weltranglistenvierte Nadal nach 36 Siegen in 38 Matches ganz oben - obwohl er erst nach der Ozeanien-Tour zu Jahresbeginn in den Tenniszirkus zurückkehrte.

          Mehr Pausen für das Knie

          Sehr gut möglich also, dass die Tenniswelt in Paris einen weiteren Murmeltiertag erlebt, dass der French-Open-Rekord-Champion zum achten Mal binnen neun Jahren in den „Coupe des Mousquetaires“ beißt. Nur 2009 ging Nadal, der diesmal zum Auftakt auf den Deggendorfer Daniel Brands trifft, leer aus: weil er, wie des Öfteren in seiner Karriere, wegen seiner Knieschmerzen kaum laufen konnte und deshalb im Achtelfinale scheiterte. „Jetzt ist er wieder so stark wie immer und der Favorit in Roland Garros“, sagt Federer, der sich mit dem Rest der Herrenkonkurrenz einig weiß.

          Nadals Hang zum Fatalismus zum Trotz: Nach bisher jeder Verletzungspause ist der fast Siebenundzwanzigjährige gestärkt zurückgekehrt, weil er die Lehren aus der Vergangenheit gezogen hat. Erst hat er angefangen, sein immenses Trainingspensum von zwei Stunden auf 50 Minuten täglich zu reduzieren und damit seinen Knien mehr Pausen zu gönnen. In den vergangenen Monaten hat er versucht, auch durch weniger Rennerei seine Sehnen zu schonen, spielt stattdessen taktischer.

          Die Angst ausgetrieben

          Sein alter Rivale, sagt Federer, würde „unglaublich returnieren“ und „den Platz sehr gut abdecken“. Dass Nadal zu seinem Comeback ein neues Schlägermodell auspackte, das noch mehr Spin erlaubt, ist auch von Vorteil für sein aggressives Grundlinienspiel. Selbst Trainer-Onkel Toni kommt nun nicht mehr umhin, seinen Neffen zum Kreis der Pariser Favoriten zu zählen - mit einer Reihe von Einschränkungen, versteht sich. „Was Rafael aber für mich besonders macht, ist sein Erfolg unter Schmerzen.“

          Seinen Anteil am Erfolg spielt Toni Nadal gerne herunter. Dagegen gibt er gerne zu, dass er mitschuldig ist an den anhaltenden Kniebeschwerden seines Neffen. Ganz zu Anfang ihrer Zusammenarbeit in Manacor hat er den kleinen Rafa drei Stunden pro Tag, sechsmal in der Woche über den Court gescheucht: vormittags über den Sandplatz, nachmittags über den Hartplatz - ohne zu wissen, wie sehr dieser Wechsel vom rutschigen auf den stumpfen Untergrund die Gelenke belastet. Was den Tennislehrer und seinen berühmtesten Schüler von Anfang an angetrieben hat? „Die Angst, zu verlieren“, sagt Onkel Toni. Aus dieser Angst heraus spielt Rafael Nadal ständig stärker, als er selbst glaubt.

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