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Radteam Katjuscha : Kreml auf Rädern

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Im Zeichen des Kreml: Antonio Kolom gewann die Schlussetappe bei Paris-Nizza Bild: REUTERS

Mit einem großen Etat und Unterstützung von höchster Stelle tritt der Rennstall Katjuscha an. Bereits vor den Frühjahrsklassikern gelangen einige Siege. In der Branche wird die russische Offensive argwöhnisch betrachtet.

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          Der Name klingt furchterregend, einerseits, er beinhaltet Gefahr und Zerstörung. Katjuscha, das ist eine Waffe, im Zweiten Weltkrieg hatte die russische Armee einen Mehrfach-Raketenwerfer so genannt. Katjuscha, das war aber auch der Titel eines russischen Liebesliedes. Der Begriff Katjuscha steht nun jedoch auch für eine russische Offensive im Profiradsport. Mit beträchtlicher politischer Unterstützung und viel Patriotismus möchte ein russischer Rennstall sich in der Elite dieses Sports etablieren. Das Team Katjuscha machte in dieser Saison bereits durch einige Siege auf sich aufmerksam, beispielsweise bei der Mallorca-Rundfahrt. Die Equipe, die sich auch bei der Tour de France im Juli präsentieren darf, dürfte ebenfalls am kommenden Samstag zu beachten sein, bei dem Rennen Mailand-San Remo, das die Zeit der Frühjahrsklassiker einleitet.

          Ehrengast Wladimir Putin

          Das Team rollt im Zeichen des Kreml über die Straßen, auf den Trikots der Rennfahrer ist das deutlich dokumentiert. Dass es sich um eine russische Angelegenheit von großer Bedeutung handelt, wurde nicht zuletzt bei der Vorstellung der Mannschaft im vergangenen Dezember in Moskau offensichtlich. Da gehörte Ministerpräsident Wladimir Putin zu den Ehrengästen.

          Etappensieger bei der Mallorca-Rundfahrt: Geert Stegmans

          Putin selbst scheint ein massives Interesse zu haben, Russland auch im Radsport voranzubringen, in einer Branche also, die immer noch stark belastet ist durch Doping-Affären. Das Team Katjuscha arbeitet mit einem Etat von angeblich 15 Millionen Euro; sollte es tatsächlich so sein, läge es in dieser Hinsicht schon an der Spitze der Zunft. Der Energiekonzern Gasprom zählt ebenso zu den Geldgebern wie das Öl- und Gasunternehmen Itera.

          Argwohn in der Branche

          Es sei ein politisches Projekt, sagt Andrej Tschmil, der Manager dieses Teams. Als das Internationale Olympische Komitee im Sommer 2007 in Guatemala tagte, wurde auf hoher Ebene über das Konzept Katjuscha beratschlagt: Der frühere Profi Tschmil hatte als moldawischer Sportminister an dieser Runde teilgenommen, Putin war ebenso anwesend wie Hein Verbruggen, Vizepräsident des Internationalen Radsportverbandes (UCI).

          Die russische Initiative wird zwar von manchem in der Branche argwöhnisch betrachtet und als ein heikles Unterfangen eingestuft. Das hängt mit dem vermeintlich hohen finanziellen Einsatz bei Katjuscha zusammen, aber auch mit der Frage, wie die Russen es wohl mit der Anti-Doping-Bekämpfung halten werden, wie transparent sie sich tatsächlich zeigen werden.

          Bei der Besetzung haben sich nicht alle Wünsche erfüllt

          Der Internationale Radsportverband jedoch knüpft offenbar hohe Erwartungen an das neue Team. Schließlich soll es dazu beitragen, die Globalisierung des Radsports zu beschleunigen, die verstärkte Präsenz auf dem osteuropäischen Markt kommt der UCI da gerade recht. Sie strebe danach, wie es heißt, ihre Macht nach dem erbittert geführten Konflikt mit dem Veranstalter der Tour de France auf diesem Weg auszuweiten. Allerdings hat es bei diesen Bestrebungen bereits einen Rückschlag gegeben: Die Sotschi-Tour kann vorerst nicht in den ProTour-Kalender aufgenommen werden, angeblich wegen der Folgen der Weltwirtschaftskrise.

          Aber auch bei der Besetzung des Teams Katjuscha haben sich keineswegs alle Hoffnungen der ambitionierten Russen erfüllt. Carlos Sastre, der spanische Sieger der Tour de France, lehnte eine Offerte ab. Er wechselte stattdessen zum Konkurrenten Cervelo. Prominenteste Mitglieder der russischen Radsport-Gemeinschaft sind der in die Jahre gekommene australische Sprinter Robbie McEwen, der Belgier Gert Steegmans oder die Italiener Filippo Pozzato und Danilo Napolitano. Aus Österreich kam Christian Pfannberger, der 2004 des Dopings mit Testosteron überführt und für zwei Jahre gesperrt worden war.

          Busse von Gerolsteiner

          Im Zusammenhang mit Katjuscha, in dessen Führung und sportlicher Leitung sich mehrere italienische Experten befinden, soll einst auch der Schwabe Stefan Schumacher erwähnt worden sein. Die Russen aber wollten angeblich nichts mit dem Nürtingen Profi zu tun haben, der gerade wegen Dopings für zwei Jahre außer Gefecht gesetzt wurde. Das Risiko, heißt es, wäre ihnen zu groß gewesen. Katjuscha hat sich dennoch beim Team Gerolsteiner bedient, das im Zuge der Doping-Skandale im Radsport untergegangen ist: Die Russen kauften zwei Busse aus Deutschland.

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