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Radsportler Lechner gesteht Doping : „Ich kam mir vor wie ein Auserwählter“

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Ein Glied in der Kette: Lechner wollte Trainingsbetreuung und erhielt medizinische Behandlung Bild: dpa

Wahrscheinlich wäre es nie herausgekommen. Doch der frühere Radsportler Robert Lechner, Dritter der Olympischen Spiele von Seoul, gibt die Einnahme von unerlaubten Mitteln zu. Sein Fall ist ein Beispiel für Doping-Systematik im Spitzensport.

          Robert Lechner möchte kein weiterer Kronzeuge werden. Es ist nicht sein oberstes Ziel, Mediziner oder Funktionäre anzuklagen oder andere Radsportler zu belasten. Er will über und für sich sprechen, trotz des Risikos. Wahrscheinlich wäre es nie herausgekommen. Der Mitwisser hält dicht. Lechner will nicht schweigen. Er betrachtet sich als kritischen Trainer.

          Er hat in einer offenen Erklärung Missstände angeprangert, den Leistungssportfetischismus kritisiert, zu einer besseren Aufklärung von Eltern junger Sportler über das Thema Doping aufgefordert, vor der Entstehung von Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Athleten und Trainern gewarnt: „Der Umgang mit diesem Thema muss von völliger Transparenz, Offenheit und Ehrlichkeit geprägt sein“, sagt Lechner. Er macht den ersten Schritt, um weitergehen zu können: „Ich habe unerlaubte Mittel eingenommen.“

          Die (Sport-) Welt schien Lechner noch in Ordnung

          Robert Lechner hat Pokale und Medaillen gesammelt. Er war erfolgreich als Rad-Sprinter über 1000 Meter auf der Bahn. 1988, bei den Olympischen Spielen in Seoul, wurde er Dritter. Die (Sport-) Welt schien ihm noch in Ordnung. Dabei war er nicht mehr der Solist vergangener Tage, der blutjunge Eigenbrötler, der sich bis zur Aufnahme 1984 in die Junioren-Nationalmannschaft allein auf seine Wettkämpfe vorbereitet hat - mit Fachliteratur und mit Gefühl für den eigenen Körper.

          Mit der Beförderung in den Kader des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) glaubte Lechner an eine professionelle Hilfe, an Fortschritt durch kompetente Experten. Doch der Sprinter trat ins Leere. Stattdessen fühlte er sich wie eingegliedert in eine Betreuungskette. Zwar hatte er den Hinweis, es doch mal mit Aspirin zu versuchen, von einem Sportler erhalten. Aber erst in der Obhut des BDR entwickelte sich diese Art der „Vorbereitung“.

          „Mehr und mehr Platz in der Küche gebraucht“

          „Man empfahl mir dringend, gesundheitssichernde beziehungsweise leistungsoptimierende Präparate zu nehmen.“ Lechner schluckte, obwohl ihm das Programm nicht schmeckte: „Die ohnehin unzureichende Trainingsbetreuung nahm in dem Maße ab, wie die medizinische Versorgung zunahm“, erzählt er: „Ich sollte täglich Mineralstoffe, Vitamine und Ähnliches einnehmen. Für die Packungen brauchte ich mehr und mehr Platz in der Küche meiner Eltern.“ Die Lechner vorgeschriebene Einnahme von Eiweißpräparaten wurde phasenweise auf bis zu fünf Gramm pro Kilogramm Körpergewicht gesteigert. Eine nach heutigem Wissen unsinnige, wenn nicht ungesunde Menge.

          Der Übergang von erlaubten zu unerlaubten Mitteln war fließend. 1987 begann die „Behandlung“. Lechner hat Buch geführt und neben den Daten auch die Begründung notiert: Er sollte die Chance erhalten, seine Muskelmasse zu erhöhen. Nach einem genau festgelegten Plan erhielt Lechner Anabolika, auch Kortison. Er hatte nicht darum gebeten, keine Andeutungen gemacht: „Ich bekam es, Punkt.“

          „Ich hatte den Eindruck, als sei es selbstverständlich“

          Lechner vertraute dem Arzt: „Es erschien mir als Auszeichnung. Ich kam mir vor wie ein Auserwählter.“ Dabei steckte hinter der Behandlung wohl keine besondere Sympathie für den Aktiven aus Bayern. Lechner glaubt, keine Sonderrolle im Nationalteam gespielt zu haben. Es fiel ihm auch nicht besonders schwer, die Argumentation des Mediziners zu akzeptieren und die Ängste zu verdrängen.

          „An die Einnahme von Medikamenten war ich ja gewohnt. Ich hatte den Eindruck, als sei es selbstverständlich, die medizinische Betreuung bis an die Grenzen auszureizen. Die als gefahrlos bezeichnete Anwendung, die geringe Dosierung, der Hinweis, alles sei innerhalb von zwei Tagen nicht mehr nachweisbar, und die Aussicht auf stärkere Muskeln überwogen schließlich mein schlechtes Gewissen. Ich wusste ja, dass es sich um unzulässige Medikamente handelte. Aber es gab da einen Grundsatz: Wenn man nicht positiv getestet wird, dann ist man auch nicht positiv.“

          Nach schwerer Krankheit ein frustrierter Schlussstrich

          Am 8. August 1988 wurde die Anabolika-Einnahme abgesetzt. Die Spuren waren am 20. September, dem Tag von Lechners olympischem Wettkampf, längst nicht mehr nachweisbar. Seine Leistungen ließen trotz der Antrittshilfe nach. Die Trainer behaupteten schon wenige Monate nach den Spielen in Seoul 1988, sein Erfolg sei ein Zufall gewesen.

          Ende 1990, nach einer Erkrankung an Pfeifferschem Drüsenfieber, zog Lechner frustriert einen Schlussstrich, mit 22 Jahren: kein Bahnradsport mehr, keine Präparate, keine verbotenen Medikamente mehr. Bis 1992 versuchte er sich im Straßenradsport, gewann „absolut sauber“ eine Etappe bei der Bayern-Rundfahrt, bevor er endgültig abstieg.

          „Doping-Mittel bleiben Doping-Mittel“

          Heute arbeitet Lechner als Mitarbeiter in einem Institut für Sportarten übergreifende Trainings- und Wettkampfbetreuung. Sein Einblick in die Szene verrät ihm nichts Gutes: „Es hat sich nicht viel geändert.“ Er hat das schon längst laut gesagt und ahnt nun, was auf ihn, der Pillen nicht ablehnte, zukommt. „Aber wenn ich glaubwürdig Position beziehen und eine vertrauenswürdige Basis schaffen will, dann muss ich die Vergangenheit klären.“ Lechner glaubt an die Chance für einen gesunden und sauberen Sport.

          Vorausgesetzt, das System, in dem er selbst steckte, zerbricht. Er tritt voll durch, wie einst im Velodrome von Seoul. Nur der „Tunnelblick“, den er damals schon in der zweiten Runde wahrgenommen hat, ist gewichen. Lechner hat seine Leistungen akribisch analysiert, sich noch Jahre später über die Wirkung der ihm verabreichten Medikamente erkundigt und plausible Gründe für sein Fazit gefunden: „Doping-Mittel bleiben Doping-Mittel. Aber ich bin überzeugt, dass sie meinem Leistungspotential eher geschadet haben.“

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