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Radsportfunktionär Regenwetter : „Der Radsport muss Tabula rasa machen“

  • Aktualisiert am

Wo geht es hin? Nach der Affäre Armstrong steht der Radsport am Scheideweg Bild: dpa

Der luxemburgische Radsportfunktionär Jean Regenwetter prophezeit Radsport-Weltverbandspräsident Pat McQuaid das Ende. Die UCI soll sich erneuern - mit dem Niederländer Marcel Wintels als Spitzenmann?

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          Bewegt sich doch etwas im Radsport? Das Team Sky um Tour-Sieger Bradley Wiggins zum Beispiel scheint jetzt ausmisten zu wollen: Die Sportdirektoren Sean Yates (Australien) und Steven de Jongh (Niederlande) wurden entlassen, der Vertrag mit Teamarzt Geert Leinders (Belgien) wurde nicht verlängert. Yates hatte einst mit Lance Armstrong zusammengearbeitet. Er ging nun angeblich aus persönlichen Gründen. Leinders wird mit angeblichen früheren Doping-Praktiken beim Team Rabobank in Verbindung gebracht. Doch der Radsport steht insgesamt noch vor einer Herkulesaufgabe, auch bei der Aufarbeitung der Affäre Armstrong. Jean Regenwetter, der Präsident des Luxemburger Radsportverbandes, fordert nicht nur die Rücktritte von Pat McQuaid, Chef des Internationalen Radsportverbandes (UCI), und Hein Verbruggen, Ehrenvorsitzender der UCI - es geht dabei nicht zuletzt um mangelnde Transparenz im Weltverband. Regenwetter plädiert auch dafür, dass sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) in den Fall einschaltet.

          Hat McQuaid Sie eigentlich, nachdem Sie ihn schon bei der WM in Valkenburg heftig angegriffen hatten, zur Rede gestellt? Immerhin behaupteten Sie, dass es bei UCI zugehe wie in der „Republik Blatter“.

          Nein. Er macht das andersrum. Die diskutieren das im kleinen Klüngel, würde ich sagen. Ich spüre aber nicht, dass etwas gegen mich im Gange wäre. Das würde mich auch nicht treffen. Davor hätte ich keine Angst. Ich stehe zu dem Ganzen, egal was McQuaid mir androhen würde. Er soll mir doch beweisen, dass ich im Unrecht bin.

          Glauben Sie, dass McQuaid die Affäre Armstrong als UCI-Präsident überstehen wird?

          Was ich glaube und hoffe, ist nicht unbedingt das, was tatsächlich ablaufen wird. Meines Erachtens aber könnte er es nach der Faktenlage nicht überleben. Die Vorwürfe sind so groß - ich weiß nicht, wie er sich aus dieser Nummer rauswinden könnte. Der niederländische Radsportpräsident Marcel Wintels hat inzwischen einen Brief an die UCI geschrieben, er erhebt darin die gleichen Anschuldigungen wie ich und fordert ebenfalls einen Neuanfang. Wintels wäre auch ein guter Kandidat für die Nachfolge von McQuaid.

          Wächst innerhalb der UCI wirklich der Widerstand gegen McQuaid?

          Ich habe Reaktionen bekommen von Wintels; die Österreicher sind auf demselben Trip, die Schweizer auch. Was die anderen Europäer machen, weiß ich nicht.

          Also auch nicht, wie sich etwa die Deutschen mit Rudolf Scharping an der Verbandsspitze in dieser brisanten Angelegenheit verhalten?

          Ich habe nur gelesen, dass Scharping die Probleme im Radsport nicht personifizieren wolle. Aber man kann doch nicht sagen, dass sich die Probleme von selbst lösen. Der Herr Scharping ist noch nie auf dem UCI-Kongress aufgetreten. Fritz Ramseier war lange Jahre im Verwaltungsrat der UCI, er ist ein honoriger und feiner Mensch. Aber er hat Verbruggen und McQuaid aus den Händen gegessen. Kritische Worte ihnen gegenüber habe ich von ihm nie gehört, selbst bei einem Glas Bier.

          Sind tiefgreifende Veränderungen für den Radsport existentiell notwendig?

          Der Radsport steckt in einer tiefen Krise. Das abzustreiten wäre aberwitzig. Das System ist gescheitert, Glaubwürdigkeit und Vertrauen kann der Radsport nur wiedergewinnen, wenn jetzt Tabula rasa gemacht wird - und wenn man mit neuen Leuten anfängt. Dazu gehört die UCI-Spitze. Man kann doch nicht glaubhaft versichern, dass sich mit den gleichen Leuten etwas ändert. Das gilt auch für einzelne Rennställe und sogar für einzelne Verbände.

          Immerhin kündigte der Weltverband am Freitag, als er bekanntgab, die sieben aberkannten Tour-Titel von Armstrong nicht neu zu vergeben, auch an, die jüngere Vergangenheit von einer unabhängigen Kommission untersuchen zu lassen. Ist das ein ernstgemeintes Anliegen? Schließlich soll es dabei auch um die umstrittene Rolle der UCI gehen.

          Ich glaube schon. Es kommt allerdings darauf an, was er unter der Kommission versteht. Sie müsste nicht nur den Fall McQuaid/Armstrong aufarbeiten, sondern sich grundsätzlich mit der UCI befassen. Deshalb dürfte auch die UCI diese Kommission nicht bestimmen, sondern das IOC müsste es machen. Nur dann wäre sie glaubwürdig. Sie muss unabhängig sein von demjenigen, den sie kontrollieren soll. Das werde ich auch in einem Brief an die europäischen Radsportverbände schreiben. Der Bericht dieser Kommission müsste auf einem außerordentlichen Kongress der UCI zur Diskussion gestellt werden, noch vor dem nächsten offiziellen Kongress im Herbst 2013 in Florenz. Und die nationalen Verbände müssten dann darüber bestimmen, was geschieht.

          Wer schadet Ihrer Meinung nach dem Radsport mehr - McQuaid oder sein Vorgänger Verbruggen?

          Der Initiator des ganzen Systems ist Verbruggen. Er ist schon lange nicht mehr tragbar. Aber man kann das trotzdem nicht an einer einzelnen Person festmachen.

          Viele Radsport-Experten, auch Rennfahrer, geben sich nun sehr entrüstet über die Machenschaften von Armstrong - als hätte sie der Report der amerikanischen Anti-Doping-Agentur über das umfangreiche Doping von Armstrong total überrascht. Handelt es sich bei diesem plötzlichen „Entsetzen“ teilweise um Heuchelei?

          Meines Erachtens nach ja. Vor vierzehn Tagen hatte Verbruggen beispielsweise noch gesagt: Armstrong ist heilig, er habe nie gedopt. Sie streiten alles ab, bis es nicht mehr geht.

          Dem Radsport wurde schon öfter nachgesagt, am Abgrund zu stehen. Trotzdem scheint er daraus keine großen Lehren gezogen zu haben. Ist dieser Sport noch zu retten?

          Der Radsport muss gerettet werden, und er hat trotz allem auch schon ein wenig gelernt. Was die Doping-Bekämpfung anbelangt, hat er die meisten Anstrengungen unternommen, mit der Einführung des Biologischen Passes zum Beispiel. Andere große Sportarten zeigen sich da ein wenig resistenter.

          Aber oft waren nicht Kontrollen entscheidend bei der Aufdeckung von Doping-Fällen, sondern der energische Einsatz von Staatsanwälten, Polizei oder Zoll.

          Das stimmt, kein Zweifel. Die haben auch mehr Mittel und Rechte, um nachzuforschen. Der Sport braucht ein wirksameres Anti-Doping-Gesetz. Der Radsport darf jedenfalls kein hoffnungsloser Fall werden. Er ist eigentlich ein wunderbarer Sport. Man muss dafür sorgen, dass sich nicht wieder große kriminelle Energien breitmachen. Das ist natürlich dort, wo es um viel Geld geht, schwierig. Es ist ja anscheinend so, dass mit Doping-Mitteln im Sport mehr verdient wird als beim Kokainhandel.

          Das Gespräch führte Rainer Seele.

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