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Radsportfunktionär Regenwetter : „Der Radsport muss Tabula rasa machen“

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Der Radsport steckt in einer tiefen Krise. Das abzustreiten wäre aberwitzig. Das System ist gescheitert, Glaubwürdigkeit und Vertrauen kann der Radsport nur wiedergewinnen, wenn jetzt Tabula rasa gemacht wird - und wenn man mit neuen Leuten anfängt. Dazu gehört die UCI-Spitze. Man kann doch nicht glaubhaft versichern, dass sich mit den gleichen Leuten etwas ändert. Das gilt auch für einzelne Rennställe und sogar für einzelne Verbände.

Immerhin kündigte der Weltverband am Freitag, als er bekanntgab, die sieben aberkannten Tour-Titel von Armstrong nicht neu zu vergeben, auch an, die jüngere Vergangenheit von einer unabhängigen Kommission untersuchen zu lassen. Ist das ein ernstgemeintes Anliegen? Schließlich soll es dabei auch um die umstrittene Rolle der UCI gehen.

Ich glaube schon. Es kommt allerdings darauf an, was er unter der Kommission versteht. Sie müsste nicht nur den Fall McQuaid/Armstrong aufarbeiten, sondern sich grundsätzlich mit der UCI befassen. Deshalb dürfte auch die UCI diese Kommission nicht bestimmen, sondern das IOC müsste es machen. Nur dann wäre sie glaubwürdig. Sie muss unabhängig sein von demjenigen, den sie kontrollieren soll. Das werde ich auch in einem Brief an die europäischen Radsportverbände schreiben. Der Bericht dieser Kommission müsste auf einem außerordentlichen Kongress der UCI zur Diskussion gestellt werden, noch vor dem nächsten offiziellen Kongress im Herbst 2013 in Florenz. Und die nationalen Verbände müssten dann darüber bestimmen, was geschieht.

Wer schadet Ihrer Meinung nach dem Radsport mehr - McQuaid oder sein Vorgänger Verbruggen?

Der Initiator des ganzen Systems ist Verbruggen. Er ist schon lange nicht mehr tragbar. Aber man kann das trotzdem nicht an einer einzelnen Person festmachen.

Viele Radsport-Experten, auch Rennfahrer, geben sich nun sehr entrüstet über die Machenschaften von Armstrong - als hätte sie der Report der amerikanischen Anti-Doping-Agentur über das umfangreiche Doping von Armstrong total überrascht. Handelt es sich bei diesem plötzlichen „Entsetzen“ teilweise um Heuchelei?

Meines Erachtens nach ja. Vor vierzehn Tagen hatte Verbruggen beispielsweise noch gesagt: Armstrong ist heilig, er habe nie gedopt. Sie streiten alles ab, bis es nicht mehr geht.

Dem Radsport wurde schon öfter nachgesagt, am Abgrund zu stehen. Trotzdem scheint er daraus keine großen Lehren gezogen zu haben. Ist dieser Sport noch zu retten?

Der Radsport muss gerettet werden, und er hat trotz allem auch schon ein wenig gelernt. Was die Doping-Bekämpfung anbelangt, hat er die meisten Anstrengungen unternommen, mit der Einführung des Biologischen Passes zum Beispiel. Andere große Sportarten zeigen sich da ein wenig resistenter.

Aber oft waren nicht Kontrollen entscheidend bei der Aufdeckung von Doping-Fällen, sondern der energische Einsatz von Staatsanwälten, Polizei oder Zoll.

Das stimmt, kein Zweifel. Die haben auch mehr Mittel und Rechte, um nachzuforschen. Der Sport braucht ein wirksameres Anti-Doping-Gesetz. Der Radsport darf jedenfalls kein hoffnungsloser Fall werden. Er ist eigentlich ein wunderbarer Sport. Man muss dafür sorgen, dass sich nicht wieder große kriminelle Energien breitmachen. Das ist natürlich dort, wo es um viel Geld geht, schwierig. Es ist ja anscheinend so, dass mit Doping-Mitteln im Sport mehr verdient wird als beim Kokainhandel.

Das Gespräch führte Rainer Seele.

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