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Radsport-WM : Die jungen Kannibalen

  • -Aktualisiert am

Mathieu van der Poel: Erfolgreiche Vorbereitung auf die Rad-WM in Großbritannien Bild: dpa

Der eine hat früher Fußball gespielt, der andere ist eigentlich im Cyclocross zuhause: Im Straßenrennen der Radsport-WM stehen zwei Shootingstars im Fokus – der Belgier Remco Evenepoel und der Niederländer Mathieu van der Poel.

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          Vor dreieinhalb Jahren schnürte Remco Evenepoel noch die Fußballschuhe. Für die belgische U-16-Auswahl wurde er in einem Testspiel gegen die Vereinigten Staaten eingewechselt – als linker Verteidiger. Die Begegnung endete 0:2. Wenig später hängte Evenepoel die Fußballschuhe an den Nagel – zugunsten des Radsports. „Ich wurde nicht mehr in die U-17-Auswahl berufen“, blickte Evenepoel gegenüber der belgischen Tageszeitung „Het Nieuwsblad“ auf die schwierige Zeit zurück, die zum Karrierewechsel führte. Auch in seinem Stammverein RSC Anderlecht kam er nicht mehr zum Zuge.

          „Er hatte damals vielleicht etwas zu wenig Geduld. Vielleicht war er aber auch nicht gut genug für die erste Mannschaft. Wir müssen ehrlich sein: Es gibt viele Jungen, die im Alter von 15, 16 Jahren in nationalen Jugendmannschaften spielen und dann in der Provinz enden oder aufhören“, sagte Jean Kindermans, Nachwuchskoordinator beim RSC Anderlecht, dem belgischen Sportkanal Sporza. Immerhin hatten die Leistungsdiagnostiker beim Rekordmeister schon das außerordentliche Ausdauerpotential Evenepoels bemerkt. „Er hatte sehr hohe VO2max-Werte und überhaupt eine Energie, mit der er kaum zu bremsen war“, sagte Kindermans.

          Der neue Eddy Merckx? Evenepoel, der schon im Zeitfahren die Silbermedaille gewann, will davon nichts wissen und nur er selbst sein.

          2017 stieg Evenepoel in den Radsport um und gewann gleich ein Nachwuchsrennen. Zwei Jahre später steht er im belgischen Nationalteam bei der Männer-WM in Yorkshire. Zwischendrin wurde er Junioren-Weltmeister, gewann die schwere Clásica San Sebastián und holte am Mittwoch Silber im WM-Zeitfahren der Männer. Ihn konnte nicht einmal schrecken, dass sich nach den ersten Metern sein Schuh öffnete. „Ich bin wohl zu kräftig in die Pedale gegangen“, sagte Evenepoel. Der Kraftprotz wird in Belgien bereits mit dem allgewaltigen Eddy Merckx verglichen und – in Anlehnung an den großen, freilich nicht dopingfreien Landsmann – der „Kannibale von Schepdaal“ genannt. Das Straßenrennen an diesem Sonntag wird nun zu einer speziellen Prüfung für den 19 Jahre alten Belgier. „Ein Rennen über 285 Kilometer ist hart für einen so jungen Fahrer. Aber wir wissen, Remco ist besonders, und weder er noch wir kennen seine Grenzen. Er soll ohne Druck WM-Luft schnuppern“, sagte Belgiens Auswahltrainer Rik Verbrugghe. Belgiens Kapitäne sind der frühere Weltmeister Philippe Gilbert sowie Olympiasieger Greg Avermaet, Evenepoel ist der Joker.

          Die Jagd auf alle Regenbogentrikots

          Den ganzen Druck eines Favoriten muss hingegen Mathieu van der Poel aushalten. Der Enkel von Tour-de-France-Legende Raymond Poulidor und Sohn des früheren Cyclocross-Weltmeisters Adrie van der Poel geht als alleiniger Kapitän des niederländischen Teams an den Start. Zum Straßenradsport kam auch er über Umwege. Einige Jahre lang beherrschte er die Cyclocross-Szene. Mit 19 Jahren wurde er bereits Weltmeister und war in den folgenden Jahren derart überlegen, dass mancher Cyclocrosser frustriert als Helfer in den Straßenradsport wechselte. Seit letztem Jahr ist van der Poel auf dem Mountainbike ähnlich erfolgreich. „Die Umstellung ist natürlich nicht ganz einfach. Mountainbike-Rennen sind nach einer Stunde zu Ende, auf der Straße fährt man vier, fünf, sechs Stunden. Die ersten Tage nach dem Wechsel spüre ich das auch am Körper“, sagte der 24 Jahre alte van der Poel.

          Für die Weltmeisterschaften in Yorkshire hat er einen Block an Straßenrennen bestritten und auf die Mountainbike-WM Ende August verzichtet. Mit der Länge von 285 Kilometern ist der so explosive wie ausdauernde van der Poel immerhin vertraut. In diesem Frühjahr gewann er das Amstel Gold Race über 267 Kilometer. Bei einem Erfolg in Yorkshire wäre er der erste Weltmeister im Cyclocross und auf der Straße. Und er hat eine Art Grand Slam im Radsport im Blick – er plant die Jagd auf alle Regenbogentrikots. „Am Ende meiner Karriere möchte ich es schon erreicht haben, wenigstens einmal Weltmeister im Cyclocross, im Mountainbike und auf der Straße geworden zu sein“, erzählte der Niederländer. Evenepoel hingegen wäre der jüngster Straßen-Weltmeister, den es ja gab. Als Jüngster bislang gewann sein Landsmann Karel Kaers 1934 im Alter von 20 Jahren in Leipzig den Titel. Und Merckx war 22 beim ersten WM-Triumph.

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