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WM im Zeitfahren : Deutschland hofft auf den Diesel

  • -Aktualisiert am

Kann ordentlich Watt treten und gut rollen – das macht das Rennen in Yorkshire für ihn allerdings nicht so leicht: Der deutsche Zeitfahrmeister Tony Martin. Bild: dpa

Tony Martin geht mit Schmerzen im Brustkorb in das WM-Zeitfahren – und sagt dennoch: „Ich traue mir alles zu.“ Die Favoriten auf dem anspruchsvollen Kurs sind aber andere, darunter ein erst 19-Jähriger.

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          Ein Skispringer kann auch ausdauernd sein. Primoz Roglic, früherer Schanzenflieger, hat das Zeitfahren beim Giro d’Italia und bei der Spanien-Rundfahrt dominiert. Jetzt greift der Weltmeisterschaftszweite von 2017 und aktuelle Vuelta-Sieger nach dem Regenbogentrikot im Zeitfahren. Die Strecke in der Region Yorkshire in England ist einem Rennfahrer wie ihm geradezu auf den Leib geschrieben. Denn sie besteht aus vielen giftigen Anstiegen und einigen komplizierteren Abfahrten. „Sie ist sehr technisch und auch vom Profil her sehr anspruchsvoll“, sagt Jens Zemke, Auswahltrainer der Männer des Bundes Deutscher Radfahrer. „Wir sind die Strecke gerade abgefahren. Es geht ständig hoch und runter. Die ersten 20 Kilometer sind nicht sehr technisch. Aber danach kommen viele steile, kurze Anstiege, gefolgt von Abfahrten mit Kurven.“

          Eine zusätzliche Schwierigkeit bei diesem Weltmeisterschaftsrennen seien die Lichtunterschiede, findet Zemke. „Man fährt von freiem Feld auf einer kleinen Straße in den Wald hinein. Und dann wird es kurvig. Man braucht gute Streckenkenntnisse.“

          Tony Martin, der Tempobolzer

          Für einen Tempobolzer wie Tony Martin ist ein solcher Parcours nicht unbedingt gemacht. Martin bevorzugt die langen Geraden, auf denen er seine Qualitäten am besten ausspielen kann. Ihn behindern auch weiter die Sturzverletzungen von der Vuelta. Seine Wunden wurden mit 24 Stichen genäht. Im Brustkorb verspürt Martin auch mehr als eine Woche nach seinem Crash in Spanien noch Schmerzen bei Belastung. Es sei jedoch „alles aushaltbar“. Optimal ist es aber auch nicht.

          Am Sonntag, bei der Mixed-Staffel, sei bei regennasser Fahrt allerdings die Angst vor einem abermaligen Unfall hinzugekommen. „Das Unterbewusstsein zieht die Handbremse. Da war ich noch gehemmt“, sagte der Wahlschweizer. Eine normale Reaktion, wie Zemke meint: „So ein Sturz fährt irgendwo im Kopf mit.“ Ein gutes Ergebnis scheint sich der Thüringer aber trotz allem auszurechnen an diesem Mittwoch. „Ob ich zum Zeitfahren antrete, mache ich von einer Streckenbesichtigung abhängig“, hatte er noch bei der Vuelta erzählt. „Wenn es eine Strecke ist, die mir entgegenkommt, würde ich schon gern wieder vorn mit reinfahren“, sagte Martin. Dass er die 54 Kilometer lange Prüfung auf sich nimmt, bedeutet daher, dass er sich nicht chancenlos sieht.

          Tony Martin mit einer Kühlweste bei der diesjährigen Tour de France: Die Bedingungen im britischen Yorkshire werden ganz andere sein – regnerisch, kalt und windig.

          Entscheidend dürfte auch sein, wie die Radprofis mit der zu erwartenden Windlotterie zurechtkommen. „Stand jetzt muss man für die letzten zwei Drittel des Starterfelds mit Gegenwind rechnen“, sagte Zemke. Für seine beiden Starter will der Coach die Erwartungen nicht zu hoch schrauben. „Ich denke, dass beide eine schöne Plazierung herausfahren können“, sagte Zemke über Martin und dessen Kollegen Nils Politt. Beide sind schon WM-Zweite im Mixed, mussten sich für diese Plazierung aber bei Lisa Brennauer, Lisa Klein und Mieke Kröger bedanken. Sie fuhren die Bestzeit bei den Frauen, die Männer landeten in ihrer Kategorie nur auf Platz fünf. Martin hatte dabei sogar seine Gefährten Politt und Jasha Sütterlin ziehen lassen müssen.

          Ein 19 Jahre alter Geheimfavorit – und fehlende Superstars

          Neben Vuelta-Sieger Roglic nennt Zemke als wichtigen Rivalen noch Rohan Dennis. Der Titelverteidiger von Innsbruck 2018 hat nach seinem kuriosen Ausstieg aus der Tour de France allerdings keinen einzigen Rennkilometer in den Beinen und ist daher die große Unbekannte. Zu beachten ist auch der ehemalige Fußballspieler Remco Evenepoel aus Belgien. Stundenweltrekordhalter Victor Campenaerts, selbst ein Medaillenkandidat, erklärte seinen Landsmann sogar zum Top-Favoriten. Evenepoel ist der Shootingstar der Branche, und mancher hält ihn schon für einen neuen Eddy Merckx. „Mit 19 so eine Leistung zu bringen ist unglaublich“, sagte Martin.

          Einige Profis, die als potentielle Anwärter auf das Regenbogentrikot gegolten hatten, fehlen allerdings in England. Der vierfache Tour-Sieger und WM-Dritte von 2017, Christopher Froome, laboriert an seinen Sturzverletzungen, wie auch der Weltmeister von 2017, Tom Dumoulin. Geraint Thomas, Tour-Sieger 2018, sagte seine Teilnahme ab. „Ich bin nicht gut genug in Form“, behauptete er. Die Abwesenheit von solchen Spitzenkräften eröffnet dann auch jemandem wie Martin doch noch eine späte Karrierechance. „Ihn sollte man immer auf der Rechnung haben. Wir dürfen nicht vergessen: Tony war insgesamt sieben Mal Weltmeister und ist der aktuelle deutsche Meister“, sagte Zemke; dabei addierte er die Einzel- und Mannschaftstitel von Martin. „Es ist auf jeden Fall möglich, dass ich am Mittwoch aufstehe und sage: Ich fühle mich super und kann eine gute Leistung bringen“, sagte Martin, der darauf hofft, seinen „Dieselmotor“ gewinnbringend einsetzen zu können. „Ich traue mir alles zu.“ Mit einem Trostpreis mag er sich in jedem Fall nicht zufriedengeben. „Wenn es ein Ziel gibt, sind es Medaillen. Wenn man viermal Weltmeister war, freut man sich nicht mehr über die Top Ten.“

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