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Radsport in Corona-Krise : Puzzle mit der großen Unbekannten

  • -Aktualisiert am

Sonnige Tage im Herbst? Die Radsportler hoffen auf Bilder wie bei der Lombardei-Rundfahrt im vergangenen Jahr. Bild: Imago

Der Radsport hat ambitionierte Pläne für den Herbst: Es soll mehr Renn- als Kalendertage geben, um das Rad halbwegs am Laufen zu halten. Die Verlegung von Frühjahrsklassikern bringt Terminüberlappungen mit sich.

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          Der Plan ist ambitioniert. Vom 1. August an will der Radsportweltverband UCI in 100 Tagen die drei großen Rundfahrten, 15 Eintagesklassiker und fünf kleinere Rundfahrten durchziehen. Das sind 104 Renntage an 100 Kalendertagen. In der Szene sorgte das Vorhaben zunächst für Erleichterung. Der Glauben, dass es wieder losgehen könnte, erfährt ein stärkeres Fundament. „Es sind alle für uns wichtigen Rennen enthalten. Das ist positiv“, bilanzierte Ralph Denk, Chef des deutschen Rennstalls Bora hansgrohe, gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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          „Es ist gut, diesen Anker zu haben“, sagt Radprofi Nikias Arndt. „Wir haben schon damit gerechnet, dass die UCI vor der Tour de France noch ein paar Rennen im August ansetzen wird. Jetzt haben wir es schwarz auf weiß. Wir haben damit Ziele, auf die man hin trainieren kann. Und jetzt kann man puzzeln, welche Rennen man fährt“, sagte Roger Kluge, Radprofi bei Lotto Soudal. Der Anfahrer für Sprinter Caleb Ewan rechnet damit, dass beim Renn-Puzzle für ihn die Tour de France und die Klassiker herauskommen.

          Die Tour ist vom 29. August bis 20. September geplant, die meisten Frühjahrsklassiker sind auf den Oktober verlegt. Kluge kalkuliert, auf etwa 30 Renntage zu kommen. „Das ist nicht so viel in drei Monaten. Der dichtgedrängte Kalender bedeutet ja nicht, dass alle alles fahren müssen“, meinte er. Kritischer blickt Matt White, Chef des australischen Rennstalls Mitchelton-Scott, auf die Situation. „Es wird eine hektische Zeit. Und ich sage voraus, dass die Sponsoren den Tourkader der einzelnen Teams diktieren werden“, sagte er dem Branchendienst „Cyclingnews“. Die Tour de France ist das wirtschaftliche Standbein der gesamten Branche. Die dort erreichten Werbewerte sind die Währung, in der die Rennställe ihre Sponsoren für deren Finanzierung vergüten. White rechnet offenbar damit, dass manch wirtschaftlich angeschlagener Sponsor nun ganz besonderen Einfluss auf die Präsentation auf der großen Werbeplattform nehmen will.

          Gemischte Gefühle

          Allerdings scheint dies nicht überall der Fall. Bora hansgrohe plant nach sportlichen Kriterien. „Wir haben uns gleich am Dienstagnachmittag hingesetzt und eine Liste von Sportlern erstellt, die einzelne Rennen gewinnen können“, sagte Rennstallchef Ralf Denk dieser Zeitung. Auf die Liste, die zehn potentielle Siegfahrer umfasse, gehöre auch das deutsche Trio Emanuel Buchmann, Max Schachmann und Pascal Ackermann. Um diese Fahrer werden nun die Teams für die einzelnen Rennen gebaut. Denk ist zuversichtlich, die vielen Puzzlesteine an die richtige Stelle bringen zu können.

          Gemischte Gefühle beschert der neue Rennkalender aber auch ihm. „Es ist nicht gut für den Giro, dass parallel dazu die vielen großen Klassiker stattfinden. Ich hätte mir einen nach hinten verlängerten Kalender gewünscht“, sagte er. Der Giro soll vom 3. bis 25. Oktober stattfinden. Parallel dazu sollen Lüttich–Bastogne–Lüttich, Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix ausgetragen werden. Das Finale der Italien-Rundfahrt überschneidet sich mit dem Start der Vuelta a España (20. Oktober) und dem Kopfsteinpflaster-Klassiker Paris– Roubaix (25. Oktober).

          Giro reagiert angesäuert

          Angesäuert kommentierte Giro-Organisator RCS diese Konstellation. „Wir haben einige Vorschläge gemacht, die zu geringen Überlappungen im Kalender geführt hätten. Sie wurden nicht aufgenommen“, hieß es in einer Pressemitteilung. Dass sich die parallelen Rennen gegenseitig die Aufmerksamkeit wegnehmen, befürchtet Manager Denk nicht. „Wir haben das Glück, dass keine anderen großen Events wie Fußball-WM und Olympische Spiele zu diesem Zeitpunkt stattfinden“, sagte er. Der deutsche Klassiker Eschborn–Frankfurt und die Cyclassics in Hamburg wurden in der neuen Übersicht noch nicht aufgeführt. Es werde noch ein Termin gesucht, teilte die UCI mit.

          Wie realistisch die UCI-Pläne sind, ist noch nicht absehbar. Frankreich verbietet Großveranstaltungen über 5000 Menschen bis 31. August. Die Tour de France soll zwei Tage früher in Nizza starten. Der Klassiker Mailand–Sanremo, geplant für den 8. August, führt durch die von der Pandemie schwer betroffene Lombardei. „Hinzu kommt auch noch, dass wir ein sehr internationaler Sport sind. Fahrer reisen nicht nur aus Europa an, sondern aus den USA, aus Kolumbien, aus Australien“, sagt Sunweb-Profi Arndt. Vielerorts herrscht noch Reiseverbot. Das Puzzlespiel wird noch komplexer, wenn Teile des Kaders wegen der Reiseregelungen der Heimatländer gar nicht zur Verfügung stehen.

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