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Radsport : Winokurow nutzt die neue Freiheit zum Etappensieg

Winokurows frischer Lohn: Wasser, marsch! Bild: dpa/dpaweb

Früher hat sich Alexander Winokurow selbst als Chauffeur bezeichnet, was nichts anderes bedeutete, als daß er eine bestimmte Rolle als Radprofi zu erfüllen hatte. Seit Jan Ullrich das Team Telekom verlassen hat, verfügt Winokurow, wie er sagt, über eine "carte blanche", die Vollmacht, die Initiative zu ergreifen, wann immer er es als sinnvoll erachtet.

          Früher hat sich Alexander Winokurow selbst als Chauffeur bezeichnet, was an sich nichts anderes bedeutete, als daß er eine bestimmte Rolle als Radprofi zu erfüllen hatte. Der Kasache mußte sich beim Team Telekom in den Dienst von Jan Ullrich stellen und helfen, den Star möglichst gut in Szene zu setzen. Seit Ullrich die Mannschaft verlassen hat, verfügt Winokurow, wie er sagt, über eine "carte blanche". Es handelt sich um die Vollmacht, die Initiative zu ergreifen, wann immer Winokurow dies als sinnvoll erachtet. Der Montag ist wieder einer dieser Tage gewesen, an denen der Kasache seine neue Freiheit nutzte. Winokurow gewann zum Abschluß des Abstechers in die Alpen im Alleingang die neunte Etappe der Tour de France von Bourg d'Oisans nach Gap. Und er bewies, daß er in dieser Saison die große Konstante in seinem Rennstall ist.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Winokurows Erfolg wurde allerdings überschattet vom großen Pech des Joseba Beloki. Der Spanier aus der Equipe Once, im Vorjahr Zweiter der Tour hinter Lance Armstrong, stürzte während einer Abfahrt vier Kilometer vor dem Ziel schwer. Beloki, der auch diesmal zu den aussichtsreichsten Kandidaten gezählt hatte, mußte in eine Klinik gebracht werden. Der Franke Jörg Jaksche, lange Zeit die prägende Figur des Rennens am Montag, war nach dem Unfall vom Rad gestiegen, um auf seinen Kollegen Beloki zu warten. Nach kurzem jedoch war ihm klar, daß Beloki nicht mehr weitermachen konnte. Im Krankenhaus stellten die Ärzte einen Bruch des rechten Oberschenkelhalses und eine Hüftverletzung fest. Armstrong, Vierter des Tages vor Jan Ullrich, wurde durch das Malheur von Beloki von der Strecke gedrängt. Er nahm, querfeldein, eine Abkürzung und kehrte so wieder auf den Kurs zurück. Bestraft wurde er dafür nicht, weil die Tour-Jury dieses Manöver nicht als Vorteilsnahme wertete. Eine kuriose Szene nach dem bitteren Ende für Beloki, der offenbar ein Opfer des durch die große Hitze aufgeweichten Asphalts wurde, in dem sein Hinterreifen förmlich klebenblieb.

          Winokurow, der am Sonntag in Alpe d'Huez Zweiter hinter dem Basken Iban Mayo war, hat 2003 bereits Paris-Nizza gewonnen, das Amstel Gold Race und die Tour de Suisse. Und nachdem der Kolumbianer Santiago Botero einen sportlichen Einbruch erlitt, ist der Kasache nun auch unumstrittener Kapitän beim Team Telekom. Das bringt ihm nicht nur die Anerkennung seines Arbeitgebers ein, auch in der Heimat wird rege Anteilnahme an seinem Werdegang genommen. Kasachstan ist stolz auf den Sportsmann Winokurow, und bisweilen erhält der erfolgreiche Radrennfahrer sogar den Anruf eines Ministers, der gratulieren möchte. Warum es derzeit prächtig läuft, versucht Winokurow, der nun Zweiter der Gesamtwertung bei der Tour mit 21 Sekunden Rückstand auf Armstrong ist, mit gewachsenem Selbstbewußtsein zu erklären: "Der Schlüssel ist, daß meine Moral sehr gestiegen ist." Sie ist so groß, daß Winokurow auch am Sonntag beim Anstieg nach Alpe d'Huez nicht gezögert hatte, dem Texaner davonzufahren.

          Das hatten sich manche seiner Kollegen zugetraut, nicht zuletzt Beloki oder - trotz seines Schlüsselbeinbruchs - der Amerikaner Tyler Hamilton. Nur Ullrich, der Anführer des Teams Bianchi, war dazu nicht imstande. Wegen einer in den Tagen zuvor erlittenen Magenverstimmung, die auch Fieber ausgelöst hatte, hatte Ullrich mit den Besten nicht Schritt halten können. "Es war ein Kampf gegen mich selbst", sagte Ullrich über das Gebot der Stunde, "und ich habe ihn gewonnen." Die Erkrankung war bis zum Sonntag geheimgehalten worden. "Sie hat uns sehr viel Sorge gemacht", räumte Teammanager Jacques Hanegraaf ein. Noch sei auf alle Fälle, sagte Hanegraaf, nichts verloren. Ullrich, behauptete er gar, gehöre noch zu den Favoriten. "Wir kennen seine Kapazitäten als Zeitfahrer." Wieviel Respekt Armstrong dem Rivalen entgegenbringt, verdeutlichte seine Genugtuung am Sonntag darüber, Ullrich um fast eineinhalb Minuten distanziert zu haben. Allerdings hatte der Deutsche in Alpe d'Huez doch einen deutlichen Fortschritt gegenüber 2001 gemacht, als er - bei bester Gesundheit - eine Minute und 59 Sekunden gegenüber Armstrong verloren hatte.

          Ein Indiz für eine Schwäche Armstrongs? Der Amerikaner mußte jedenfalls erkennen, daß seine Herausforderer generell neuen Mut gefaßt zu haben scheinen. Selten war ihm auf einer Bergetappe so zugesetzt worden. Hanegraaf vermutet zwar, daß schlichtweg Kalkül den Texaner geleitet hat, der immerhin Beloki und auch Hamilton unter Kontrolle hatte. "Er braucht seine Kraft noch", sagte Hanegraaf, "das hätten wir auch so gemacht." In der Branche wird allerdings auch darüber spekuliert, daß Armstrong womöglich nicht mehr so dominierend sei wie früher. "Er ist zu den Sterblichen zurückgekehrt", fand Eusebio Unzue, Sportlicher Leiter der spanischen Formation Ibanesto.com. "Ich weiß nicht, ob er so stark ist wie in den letzten Jahren", sagte Winokurow, "wenn Armstrong gut ist, kann er Mayo folgen." Der Amerikaner hatte am Sonntag von einem schwierigen Tag gesprochen, "ich hatte keine guten Beine". Sein Sportlicher Leiter Johan Bruyneel sah ihn aber zu keiner Zeit in wirklicher Not. Ein möglicher Grund ist am Montag durch Belokis Malheur weggefallen.

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