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Radsport : Widerstand aus Waakirchen: Scharpings Rivale

Abschiedsgruß: Rudolf Scharping (r.) mit Erik Zabel Bild: dpa

Ein Orthopäde fordert den ehemaligen Polit-Profi Rudolf Scharping heraus: Der frühere Bahnfahrer Dieter Berkmann will Radsport-Präsident werden, für ein Revirement nennt er mehrere Gründe. Scharping ist gegenwärtig anderweitig beschäftigt.

          Man kann in diesen Zeiten nicht vorsichtig genug sein, vor allem, wenn es um Radsport geht. Als die Dinge um Dieter Berkmann ihren Lauf nahmen, als klar war, dass Berkmann als Herausforderer von Rudolf Scharping antreten wird, wurde auch über seine Vergangenheit gesprochen. Berkmann war ja einst Bahnprofi, in den siebziger Jahren wurde er Olympiavierter im Sprint und zweimal Weltmeisterschaftszweiter.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Wer so eng mit diesem Sport verbunden war und jetzt Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) werden möchte, sollte nicht angreifbar sein. Deswegen wurde von jenen, die mit Berkmann in den Wahlkampf ziehen, eruiert, wie der Kandidat es denn damals mit seinem Sport hielt. Schließlich müsste er, sollte er Scharping ablösen, auch in der Doping-Frage klar Position beziehen. Berkmann, 58 Jahre alter Orthopäde aus Waakirchen in Oberbayern, redet offen über dieses Thema.

          Offensiver mit der Doping-Problematik umgehen

          Das sei schon geklärt, erzählt er, „dass ich eine weiße Weste habe“, dass sich da keine Leiche in seinem Keller befinde. So ist Berkmann nun die Galionsfigur des Widerstandes: Am 21. März wird bei der Bundeshauptversammlung des BDR in Leipzig darüber entschieden, wer den Verband in den kommenden Jahren führt – weiterhin Scharping oder doch Berkmann, der über sich und seine Mitstreiter sagt: „Unser Herz gehört dem Radsport.“

          Der Bayer, der in den zurückliegenden Jahren auch als Bahnarzt beim Münchner Sechstagerennen fungierte, sieht die Zeit für einen Wechsel beim BDR gekommen. Er betont: „Man muss versuchen, etwas zu verändern.“ Er nennt mehrere Gründe für ein Revirement, es geht dabei auch um die Doping-Bekämpfung.

          Man müsse, sagt Berkmann, offensiver mit der Doping-Problematik umgehen, „verschlüsselte Aussagen“ seien nicht hilfreich. Der Mediziner hat zudem den Eindruck, dass die Präsidiumsmitglieder des BDR, der in Leipzig auch sein 125-jähriges Bestehen feiert, offener mit der Basis umgehen müssten, „sie kapseln sich ein bisschen ab“. Und er beklagt einen Niedergang nicht zuletzt des deutschen Bahnradsports. Da sei, kritisiert Berkmann, inzwischen so viel Negatives geschehen, „das darf nicht sein“.

          Leistungseinbruch im deutschen Radsport

          Auf all diesen Feldern will er aktiv werden, sollte er sich in Leipzig gegen Scharping durchsetzen können. Das betrachtet Berkmann keineswegs als illusorisch. Er weiß, dass im deutschen Radsport eine „gewisse Unzufriedenheit“ herrscht über das Wirken von Scharping oder jenes des Sportdirektors Burckhard Bremer. Deshalb ist er auch von Männern wie Karl Link, einst Bahnrad-Olympiasieger, ermuntert worden, sich zur Verfügung zu stellen. Obwohl die Auseinandersetzung mit dem früheren Politprofi Scharping, der sich inzwischen als Strategieberater vornehmlich im asiatischen Raum betätigt, nicht einfach werden wird für ihn. Berkmann aber sagt zuversichtlich: „Er kann mich nicht mit Worten aus dem Saal fegen.“

          Sollte Berkmann sich in Leipzig behaupten, würde auch ein Mann zurückkehren, der sich 2007 vom BDR losgesagt hatte: Dieter Kühnle, einst als Vizepräsident für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Er hatte damals die Auffassungen von Scharping nicht mehr teilen wollen und trat zurück. Scharping, sagt er, fehle es an perspektivischem Denken. Von Berkmann hingegen ist Kühnle überzeugt, er sagt über ihn: „Der kann klar denken und auch zuhören.“ Kühnle beklagt ebenfalls einen Leistungseinbruch im deutschen Radsport, dabei sei doch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) sehr an einem Aufschwung interessiert, auch mit Blick auf Olympia 2012.

          Ein falsches Signal

          Berkmann, der die Zukunft gestalten möchte, wird nun aber erst für sich werben müssen, selbst in Radsportkreisen ist er für manchen noch eine unbekannte Größe. Das gilt sogar für den bayerischen Raum, für Barbara Wilfurth etwa, die seit Ende 2008 an der Spitze des bayerischen Landesverbandes steht. Sie kenne Berkmann nicht persönlich, sagt sie, sie will sich aber auch kein Urteil über Scharping erlauben. „Ich bin neutral.“ Allerdings weist Barbara Wilfurth dann doch darauf hin, dass Scharping sehr umstritten sei, das zumindest habe sie sich sagen lassen. Und sie kreidet dem BDR-Chef an, dass er es nicht für nötig befunden habe, ihr nach ihrer Wahl zu gratulieren. Außerdem missfällt ihr, dass Kühnles Posten nach dessen Demission nicht wieder besetzt worden ist. „Das ist fast eine Katastrophe.“

          Als ein Befürworter von Berkmann geriert sich Günter Riemer, Vorsitzender des Württembergischen Radsportverbandes und Bürgermeister von Kirchheim-Teck. Eine Erneuerung hält er für notwendig, weil sich der BDR etwa von den Landesverbänden und den Vereinen stark gelöst habe, die Kommunikation sei ganz schlecht. Riemer erwähnt auch, dass es ein falsches Signal gewesen sei, Erik Zabel nach dessen Doping-Geständnis für die Weltmeisterschaften 2007 in Stuttgart zu nominieren. „Das passte nicht zu einem eindeutigen Kurs.“

          „Was ist das?“

          Auch Scharping hatte sich damals für Zabel starkgemacht. Scharping erhält jedoch auch Unterstützung, sie kommt etwa aus Nordrhein-Westfalen, wo Toni Kirsch an erster Stelle für die Geschicke des Radsports verantwortlich ist. Er skizziert Scharping als einen „phantastischen Mann, er kann den Radsport nach außen vertreten“. Kirsch will auch festgestellt haben, dass der BDR-Präsident sehr großen Wert auf die Doping-Prävention lege. Kirsch ist übrigens auch Bundesjugendleiter beim BDR, das dürfte seine Einschätzungen beeinflussen.

          Scharping übrigens mochte sich am Donnerstag nicht zu Berkmanns Offensive äußern. „Was ist das?“ fragte er und sagte, dass er gerade von Termin zu Termin eile. Am Wochenende werde er sich vielleicht um die Personalie Berkmann kümmern können. Es wird ihm keinesfalls erspart bleiben.

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