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Radsport : Vom eleganten Helfer zum Siegfahrer

Mann in Gelb: Jörg Jaksche Bild: dpa/dpaweb

Jörg Jaksche stand am Scheidepunkt seiner Karriere. Deshalb entschied er sich, zum Rennstall des Dänen Riis zu wechseln. Nun ist er mit 27 endlich zum Siegfahrer geworden.

          Selbst auf den Schnee war Jörg Jaksche, der Führende des Radrennens in den Süden, Paris-Nizza, eingestellt. Seinetwegen hätten die Veranstalter die vierte Etappe des Rennens nicht nach dreißig Kilometern abbrechen müssen. Im Winter war der Bayer aus Ansbach Ski gefahren. Zum ersten Mal seit Jahren. "Wenn Manolo mich bei so was erwischt hätte, hätte er mir den Kopf abgerissen", scherzt Jaksche über den Chef, den er während seiner drei Jahre beim spanischen Team Once hatte. Manolo Saiz wollte einen Helfer, der stundenlang Tempo fahren konnte an der Spitze des Feldes, der all seine Kraft einsetzte für die Spitzenfahrer seiner Mannschaft und kein Risiko eingeht.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Nun ist das anders. Jaksche ist mit 27 Jahren endlich zum Siegfahrer geworden. "Ich stand am Scheidepunkt meiner Karriere", sagt er. "Ich wußte: Wenn ich mich weiterentwickeln will, muß ich zu Bjarne." Bjarne Riis, der 1996 mit dem Team Telekom die Tour de France gewann, kennt Jaksche schon lange. "Ich wußte immer, daß er gewinnen kann", sagt er. In der Vorbereitung ging es ihm nicht nur darum, ihn schnell für die Zeitfahren zu machen. Es ging auch darum, daß Jaksche den Kopf frei bekommt, die Routine verläßt, intensiver fährt, ein neuer Rennfahrer wird. "Ich glaube, ich bin noch nie mit so wenig Kilometern in die Saison gegangen", sagt der Radprofi.

          Dafür ging er mit Riis und seinen Mannschaftskameraden in das inzwischen traditionelle Survival-Camp des Teams auf Lanzarote, das damit begann, daß Fahrer und Betreuer vor der Küste ausgesetzt wurden und an Land schwimmen mußten. Entspannt und kämpferisch zugleich gewann Jaksche nun sein erstes Rennen seit sieben Jahren, seit er Militär-Weltmeister im Zeitfahren wurde: die Mittelmeer-Rundfahrt.

          „Manolo bezahlte, Manolo entschied“

          Dann siegte er im Einzelzeitfahren zum Auftakt von Paris-Nizza. Tags drauf setzte Riis die gesamte Equipe CSC für den Erfolg des vom Domestiken zum Anführer gewordenen Jaksche ein. Mit Ivan Basso, Jens Voigt und Michele Bartoli fuhr Jaksche einen Großangriff, bei dem Gegner wie der zweimalige Sieger Alexander Winokurow vom T- Mobile-Team ebenso wie Alexander Zülle, David Millar, Laurent Brochard, Dario Frigo und Erik Dekker mehr als fünf Minuten verloren und damit jede Aussicht auf den Gesamtsieg. "Ein Massaker", schrieb das französische Sportblatt "L'Equipe".

          "Ich bin sehr happy", sagt Jaksche. "Als ich in Toulon auf dem Treppchen stand, wußte ich, daß dies der richtige Wechsel war." Jahrelang war der 1,85 Meter große Jaksche kaum mehr als ein eleganter Helfer und ein Rennfahrer auf der Suche nach dem richtigen Team gewesen. Sein Debüt gab er 1997 bei Polti, versuchte zwei Jahre lang bei Telekom über die Rolle des Helfers von Jan Ullrich und Erik Zabel hinauszukommen und ordnete sich dann bei Once ein.

          Geradezu gedemütigt wurde er im vergangenen Jahr bei der Deutschland-Tour, als er eine Attacke einleitete, der auch Jan Ullrich zum Opfer fiel, im Ziel aber drei Mannschaftskameraden Vorfahrt gewähren mußte. "Manolo bezahlte, Manolo entschied", sagt er im Rückblick. "Damals hatte ich wenig Anteilnahme." Dem Mitgefühl opferte er wenige Wochen drauf seinen Platz unter den Top ten der Tour de France. Als sein Mannschaftskapitän Joseba Beloki auf der Etappe nach Gap stürzte und sich schwer verletzte, hielt Jaksche an und kümmerte sich um ihn. Freundschaft triumphierte über Erfolgsdenken.

          Heute spricht Jaksche davon, Glücksgefühle zu erleben. Und er spricht vom Kürzertreten. In der Zeit der Frühjahrsklassiker wird er Pause haben, bevor er sich auf die Tour de France vorbereitet. Dort wird er Ivan Basso und Carlos Sastre, die Fahrer für das Gesamtklassement, unterstützen - und, wie das bei CSC so ist, immer mal die Chance haben, anzugreifen, um eine Etappe zu gewinnen. So wie die Rennfahrer im Schnee Zentralfrankreichs der Sonne des Mittelmeers entgegenfiebern, strebt Jaksche im Gelben Trikot einer vielversprechenden Zukunft entgegen - heraus aus der Knechtschaft.

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