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Team Bora-hansgrohe : Radsport-Kampfansage aus Raubling

  • -Aktualisiert am

Einer der Aufstrebenden: Pascal Ackermann im August 2019 Bild: dpa

Das Team Bora-hansgrohe will die Nummer eins im Radsport werden. An Frontmann Sagan kam lange niemand vorbei. Doch jetzt kommen junge Rennfahrer mit ganz besonderen Ambitionen.

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          Es ist nicht lange her, da liefen Pressekonferenzen vor großen Rennen beim Team Bora-hansgrohe so ab: viele Fragen an Superstar Peter Sagan, der sich auf Podien gerne halb gelangweilt, halb wortkarg geriert. Noch Fragen an die anderen Rennfahrer? Keine. Ende der Pressekonferenz. Sagan, die schillerndste Figur im Peloton, ist immerhin noch unbestrittener Frontmann bei der deutschen Radsport-Equipe. Doch nicht mehr der Alleinunterhalter.

          Dass sich Bora-hansgrohe in den vergangenen beiden Jahren zu einer großen, siegreichen Nummer im professionellen Räderwerk entwickelt hat, beruht auch auf dem internationalen Durchbruch der drei deutschen „Manns“ – Emanuel Buchmann, Pascal Ackermann und Maximilian Schachmann. Besonders die beiden Erstgenannten konnten im Windschatten des prominenten Entwicklungshelfers Sagan reifen. Das gilt auch für die gesamte Teamorganisation, welche dem enormen sportlichen Vorankommen – allein 31 Siege bei World-Tour-Rennen 2019 – den Boden bereitet hat. Es fiel beim Raublinger Rennstall sogar nicht wirklich ins Gewicht, dass Sagan sich, gemessen an seinen Verhältnissen, ein schwächeres Jahr gönnte. „Nur“ ein Etappensieg bei der Tour de France und der Gewinn seines siebten grünen Trikots (Rekord) stachen heraus. Dies wurde hierzulande in der Wahrnehmung deutlich übertroffen von Buchmanns Ritt auf Platz vier bei der Tour.

          Ein Ding der Unmöglichkeit?

          Wirkungsvoll war auch der überraschende Gewinn des Sprinter-Trikots von Ackermann beim Giro d’Italia. „Das Team wächst Jahr für Jahr. Wir haben eine richtig starke Truppe“, sagte Sagan am Dienstagabend, als Bora-hansgrohe sein Aufgebot für die Saison 2020 präsentierte. Der Slowake gab bekannt, dass er sich im neuen Jahr ein kurzes, aber knackiges Rennprogramm auferlegt hat. Mit den kurz aufeinander folgenden Höhepunkten Giro, den er erstmals in Angriff nehmen wird, Tour de France und Olympia in Tokio. „Ich muss in dieser Saison eine lange Zeit am Stück auf Toplevel fahren. Das wird hart. Aber das will ich versuchen“, sagte Sagan. Ein Ding der Unmöglichkeit? Man muss wissen, dass zwischen Giro-Finale in Mailand und dem Tour-Auftakt in Nizza nur vier Wochen liegen.

          Und zwischen dem Tour-Ende auf den Champs-Élysées und dem olympischen Straßenrennen in Tokio gar nur sechs Tage. „Die Tour wird natürlich hart. Aber ich fahre ja nicht auf Gesamtwertung, so dass ich mich bei einigen Etappen zurückhalten werde“, sagte Sagan. Nach Olympia will der Freigeist, der auf dem Sattel nicht nur Kraft und Ehrgeiz, sondern auch komödiantisches Talent besitzt, seine Saison schon beenden. Macht sechs Monate lang Höchstspannung für den Rockstar auf Rädern. Mit der Folge, dass der dreimalige Weltmeister die Titelkämpfe in der Schweiz im September verpassen wird.

          Dass der 29 Jahre alte Profi das in der Branche als besonders zehrend betrachtete Doppel aus Giro und Tour angehen wird, hat auch Auswirkungen auf Ackermann. Weil neben Buchmanns Podiums-Ambitionen und Sagans Jagd nach Etappensiegen und einem weiteren grünen Trikot kein Platz mehr für den deutschen Topsprinter ist, muss der Pfälzer sein erhofftes Tour-Debüt verschieben. Zumal die Strecke der Frankreich-Rundfahrt 2020 die Anzahl der Teilstücke, die auf die dicken Oberschenkel der schnellen Männer geschneidert sind, deutlich eingedampft hat. Im Sommer 2021 soll es aber so weit sein für Ackermann, der nun erst mal auf Giro und Vuelta a España setzt. Derweil hat Bora-hansgrohe mit Sam Bennett einen Topsprinter verloren.

          Der erfolgreiche Ire, durch den Aufstieg von Ackermann teamintern ausgebremst, schließt sich zur Jahreswende der belgischen Sieg-Manufaktur Deceuninck-Quick-Step an. Jenes Team, das die Bora-hansgrohe-Führung nun in der Weltrangliste attackieren will. Die Belgier haben gerade zum achten Mal in Serie eine Saison mit der höchsten Siegfrequenz im Peloton abgeschlossen.

          „Wir wollen in Zukunft die Nummer eins im Radsport sein“ lautet die Kampfansage von Ralph Denk. Noch vor zehn Jahren lebte der Teammanager mit seiner Equipe in der dritten Radsportliga von der Hand in den Mund. Nun kann er vor der Kulisse seiner 27 Profis, davon acht Deutsche, sagen, ohne als großspurig zu gelten: „Wir wollen im kommenden Jahr ein Monument gewinnen, was uns 2018 mit Sagan bei Paris–Roubaix schon mal gelungen ist. Bei den großen Rundfahrten haben wir uns enorm gesteigert: Wir waren beim Giro und der Vuelta Sechster und bei der Tour Vierter. In der kommenden Saison wollen wir aufs Podium.“

          In diesen Planspielen spielt Sagan mit Blick auf die Frühjahrsklassiker die exponierte Rolle. Die schweren Eintagesrennen sind sein bevorzugtes Terrain. Der Showman hat mit seiner Millionen-Gage seinen Preis für Bora-hansgrohe. Aber Superstar Sagan holt auch viel wieder herein in einem Sport, der den Teams nur karge Preisgelder und Prämien zahlt und in dem das Budget quasi eins zu eins aus Sponsoreneinnahmen besteht.

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