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Radsport nach dem Fall Schumacher : Etappenfahrt in den Tod

Schumacher in Peking: „Irgendetwas haben wir falsch gemacht in der Vorbereitung” Bild: REUTERS

Wenigstens tut niemand überrascht: Nach dem Doping-Fall Stefan Schumachers steht der Radsport dicht am Abgrund. Die Unschuldsvermutung ist dahin. Von „schockierend“ über „niederschmetternd“ bis „bestürzend“ reichen die Kommentare innerhalb der Szene.

          Ein trister Nachmittag Mitte August am Fuße der Chinesischen Mauer: Stefan Schumacher steht am Zaun und schüttelt den Kopf. Im Juli hat er noch beide Zeitfahren der Tour de France gewonnen. Im August muss er sich beim olympischen Zeitfahren schinden wie ein chinesischer Bauarbeiter und hat doch keine Chance gegen die spritzige Konkurrenz wie etwa den Schweizer Sieger Fabian Cancellara. Der Nürtinger kann sich gerade noch auf Rang dreizehn schleppen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Wieso? „Irgendetwas haben wir falsch gemacht in der Vorbereitung“, sagt der Schwabe trübsinnig. Ja, was? Das ganze Drama seines nach Doping-Mitteln süchtigen Sports schien Schumacher in diesem Moment durch den Kopf zu gehen. Die „Vorbereitung“ ist in seiner Branche häufig die Umschreibung für Pillen und Spritzen. Sollte er das gemeint haben, hätten in Peking andere wohl einfach mehr riskiert als der Profi vom Team Gerolsteiner.

          Offenbar verlieh Cera Flügel

          Bei der Tour de France aber hat Schumachers „Vorbereitung“ offenbar gestimmt. Da schlug er im Rennen gegen die Uhr zweimal Cancellara und das restliche Feld. Die Freude darüber ist allerdings jetzt vorbei. Das pharmazeutische Hilfsmittel, das ihm an jenen Tagen Flügel verlieh, war offenbar Cera, das beliebte Blutdoping-Präparat, das – anders als von einigen Tour-Startern erwartet – nun doch nachweisbar ist (siehe: Dopingsubstanz Cera: Ein Renner mit Langzeitwirkung).

          Ohne Flügel beim Zeitfahren in Peking: Keine Chance auf einen Spitzenplatz

          Wenn stimmt, was Tour-Chef Christian Prudhomme Schumachers Teamchef Michael Holczer erzählt und was dieser am Montagabend bestätigt hat, so wurde Schumacher bei der Nachanalyse einer A-Probe die Einnahme dieses verbotenen Mittels nachgewiesen. Ein zweiter Name – insgesamt ist die Rede von zehn Profis mit auffälligen Blutwerten, deren Proben in Paris untersucht werden – wurde von der französischen Anti-Doping-Agentur AFLD bestätigt: Es handelt sich um den Italiener Leonardo Piepoli, der von seinem Team Saunier Duval bereits während der Tour aus dem Rennen genommen worden war. Zuvor hatten die Doping-Fahnder bereits dessen Teamkollegen Riccardo Ricco der Einnahme von Cera überführt.

          Die Unschuldsvermutung ist dahin

          „Schwachsinn“, sagt Stefan Schumacher. Er nehme keine Doping-Mittel. Doch die Unschuldsvermutung, die der Profiradsport trotz unzähliger Doping-Fälle, trotz erdrückender Hinweise auf ein engvernetztes Doping-System, trotz einer unheimlichen Todesserie junger Rennfahrer jahrelang für sich beanspruchte, ist dahin (siehe: Von Aldag bis Zabel: Jüngere deutsche Radsport-Dopingfälle).

          Stattdessen haben die Nachrichten über weitere positive Tests einen verheerenden Sturm von Reaktionen ausgelöst, wie dies beim Radsport kaum mehr vorstellbar schien. Die Übertragung der Tour de France durch die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender steht wieder ernsthaft in Frage – andere Profi-Radrennen sind damit in ihrer Existenz bedroht (siehe: Doping-Fall Schumacher: ARD und ZDF erwägen Ausstieg).

          DOSB will Entsendungskosten zurückfordern

          Peter Danckert, der Sprecher des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, will dem deutschen Radsport die Fördergelder streichen: „Man muss nun prüfen, ob der Punkt erreicht ist, wo es zu einer Haushaltssperre kommen muss.“ Und der olympische Status des Straßenradsports ist gefährdet. Thomas Bach, Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, spricht erstmals von einer möglichen olympischen „Denkpause“ (siehe Bach: „Olympische Denkpause für den Straßenradsport“). Hein Verbruggen jedenfalls, der große Lobbyist des Radsports und Freund des IOC-Präsidenten Jacques Rogge, hat nach den Spielen von Peking seine IOC-Mitgliedschaft niedergelegt und trat später auch als Vizepräsident des Internationalen Radsportverbandes (UCI) zurück.

          Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) kündigte an, nach Erhalt der Unterlagen ein Sportgerichtsverfahren gegen Schumacher einzuleiten mit dem Ziel der „höchstmöglichen Sperre“ von mindestens zwei Jahren. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bereitet sich darauf vor, von Schumacher die Entsendungskosten nach Peking zurückzufordern. Mit der Athletenvereinbarung hat er wie jeder deutsche Olympiastarter schriftlich erklärt, dass er in den vorausgegangenen vier Jahren nicht gedopt habe.

          Sinkewitz hat Holczer angegriffen

          Trotz verschiedener Verdachtsmomente gegen den 27 Jahre alten Schumacher in der Vergangenheit gibt sich Hans-Michael Holczer, sein Chef beim untergehenden Team Gerolsteiner, unschuldig: „Wir haben damit nichts zu tun.“ Holczer will Schumacher, der vor dem Wechsel zum belgischen Rennstall Quick Step stand, nun verklagen.

          Patrik Sinkewitz allerdings, der Profi, dessen Doping-Fall bei der Tour 2007 bekannt wurde, hat Holczer in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk angegriffen. „Er profiliert sich immer nach außen, dass er geschockt ist und von dem ganzen Theater nichts weiß. Aber er ist seit zehn Jahren dabei. So eine Betriebsblindheit an den Tag zu legen ist aus meiner Sicht noch viel unglaubwürdiger und noch viel schlimmer als das Doping an sich.“

          „Schockierend“, „niederschmetternd“, „bestürzend“

          Sinkewitz, der nach seinem positiven Doping-Test als Kronzeuge auftrat, konnte nach Ablauf seiner Sperre nicht mehr im Berufsradsport Fuß fassen. Vom System verstoßen, sieht er sein ehemaliges Umfeld nun noch skeptischer: „Grundsätzlich ist es so, dass nach wie vor der Erfolg zählt, und da ist jedes Mittel recht, solange man nicht erwischt wird. Das steht an oberster Stelle . . . Nach den aktuellen Fällen ist offensichtlich, dass sich nichts geändert hat.“

          Von „schockierend“ über „niederschmetternd“ bis „bestürzend“ reichen die Kommentare innerhalb der Szene angesichts der positiven Tests. Wenigstens wagt niemand mehr, überrascht zu tun. Stattdessen verstärkt sich in der Sport-Öffentlichkeit das Gefühl, dass sich der Berufsradsport längst auf einer Etappenfahrt in den eigenen Tod befindet.

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