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Bahradsportlerin Welte : Fahrradführerschein für Kampfsprinter

Ihr Metier ist der Sprint: Im Keirin muss Miriam Welte lernen, ihre Ellenbogen zu gebrauchen Bild: Reuters

Bahn-Olympiasiegerin Miriam Welte muss erst auf die Schulbank, bevor sie im Keirin-Mutterland Japan auf Tournee gehen darf. Auf der Piste geht es sehr körperbetont zu.

          Miriam Welte ist Olympiasiegerin und viermalige Weltmeisterin im Radsprint, aber an diesem Donnerstag muss sie erst mal das Radfahren neu lernen und eine Fahrradschule besuchen. Genauer gesagt die Keirin-Schule in Shuzenji, einer Stadt 200 Kilometer nordwestlich von Tokio. Das dort angesiedelte Institut für angewandtes Bahnradfahren ist einzigartig weltweit. „Ich muss eine Keirin-Lizenz erwerben“, erklärte Miriam Welte vor ihrem Abflug nach Japan und wunderte sich selbst ein bisschen, dass hier offenbar das Rad neu erfunden wird: „Ich hab’ keine Ahnung, was mich genau erwartet.“ Es wird ihr erster Fahrradführerschein sein – wenn man von der Verkehrssicherheitsprüfung in der Grundschule absieht.

          In der Keirin-Schule nimmt die 27-Jährige aus Ottersbach bei Kaiserslautern an einem eineinhalbwöchigen Crashkurs teil, bei dem sie in die Geheimnisse des fernöstlichen Kampfsprints eingeweiht wird und auch das umfangreiche Regelwerk auswendig lernen muss. Erst dann sollte sie fit genug sein, um sich zwischen dem 13. April und dem 5. Mai auf den Rennbahnen von Fukushima, Tokio und Kyoto gegen die professionellen japanischen Konkurrenten behaupten zu können.

          Keirin ist in Japan mehr als Radfahren im Kreis. Entstanden ist der Sport einst aus der Not heraus. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war die Einfuhr von Pferden nach Japan verboten, die eigenen Pferde standen unter Quarantäne, an Pferderennen war nicht zu denken. Als Kompensation setzten die wettverrückten Japaner eben auf Radfahrer. Die Einnahmen waren für den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg gedacht. Heute könnte der Erlös in die Folgekosten der Atomkatastrophe von Fukushima fließen – denn dort finden vom 13. April an die ersten Rennen statt. „Sind zum Glück nur drei Tage“, sagte Miriam Welte etwas bang.

          Im Keirin geht es nicht gegen die Uhr, sondern Frau gegen Frau

          Auf einer 2000 Meter langen Strecke rasen die Radfahrer gegeneinander, bei den Männern neun, bei den Frauen sieben. Angeführt werden sie auf den ersten 1400 Metern von einem Schrittmacher, dem Dernyfahrer. Bei internationalen Wettbewerben sitzt der auf einem kleinen Moped, in Japan auf einem Rennrad. Er erhöht nach und nach das Tempo von knapp 30 auf fast 50 Stundenkilometer, ehe er ausschert, und die Konkurrenten in vollem Tempo die letzten Runden bewältigen. Körpereinsatz ist ausdrücklich erwünscht, es darf mit Ellenbogen geschubst werden, Schlenker dürfen gefahren werden. Ein Wettkampf geht über drei Tage mit mehreren Qualifikationsrunden bis hin zum Finale.

          „Das körperliche Fahren muss ich erst noch lernen“, sagt Miriam Welte, die sich bewusst ist, dass sie auf der Tour zunächst nicht viel gewinnen wird. In ihren Spezialdisziplinen, dem Sprint und dem Teamsprint, fährt sie allein oder mit ihrer Partnerin Kristina Vogel gegen die Uhr. Ellenbogen braucht sie dabei keine. Dennoch habe sie „nicht lange überlegen müssen, ob ich mitmache“, als sie im Januar die Einladung zur japanischen Keirin-Tour erhalten hatte. Außer ihr wurde nur noch die Spanierin Helena Casas aus Europa nach Fernost gelockt, alle anderen Starterinnen sind Einheimische.

          Mit Kristina Vogel war Miriam Welte Olympiasiegerin und zweimalige Weltmeisterin im Teamsprint

          Gemeinsam werden sie als fahrender Zirkus durchs Land ziehen. „Für uns wird alles bezahlt: Flüge, Unterkunft, Essen“, sagt Miriam Welte. Erst seit vier Jahren gibt es die Tour auch für Frauen, dementsprechend fallen die Preisgelder noch etwas schmaler aus als bei den Männern, die ziemlich viel verdienen können – aber auch alle Kosten selbst tragen müssen. „Ich weiß nicht mal genau, wie viel es zu gewinnen gibt, aber ich fahre nicht des Geldes wegen mit“, versichert Miriam Welte, im Hauptberuf Kommissarin bei der Landespolizei Rheinland-Pfalz. Sie glaube vielmehr, dass ihr „die fünf Wochen unglaublich weiterhelfen“.

          Die Rolle als „Dark Horse“

          Für das Publikum ist Keirin eine Mischung aus Freizeitvergnügen, sportlichem Wettkampf und Lotterie. Und für die Veranstalter ein Riesengeschäft. Pro Jahr werden auf den etwa 50 japanischen Rennbahnen umgerechnet rund 15 Milliarden Euro umgesetzt. Angesichts des großen Marktes ist die Nachfrage nach Rennfahrern entsprechend.

          Etwa 4000 professionelle Keirin-Sprinter haben in Shuzenji ihre Ausbildung absolviert – die für Japaner zehn Monate lang dauert. Wie beim Militär erringen sie im Laufe ihrer Karriere unterschiedliche Grade – die besten haben sechs Sterne an der Rennhose. Vor jedem Rennen werden die Fahrer einzeln vorgestellt: Name, Herkunft, größte Erfolge kommen zur Sprache, aber auch Körpergröße, Gewicht, Stärken und Schwächen. Angesichts so starker Reglementierung kann ein bisschen Exotik nicht schaden. Miriam Welte, Olympiasiegerin, vierfache Weltmeisterin, fällt wohl die Rolle des „Dark Horse“ zu: die exotische Außenseiterin aus dem fernen Deutschland.

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