https://www.faz.net/-gtl-a2427

Mailand–Sanremo : Rad-Monument im Ausnahmezustand

  • -Aktualisiert am

Unter Druck: Radstar Peter Sagan muss mal wieder einen Erfolg liefern. Bild: AP

Mitten im Sommer eröffnet Mailand–Sanremo die Saison der Klassiker. Doch nicht nur der Termin ist ungewöhnlich, sondern auch die Bedingungen. Die üblichen Volksfeste am Straßenrand fallen aus.

          3 Min.

          La Primavera – die Fahrt in den Frühling. Das Radrennen Mailand–Sanremo ist seit jeher der Start in die Champions League des Radsports. Es ist das erste von fünf sogenannten Monumenten des Radsports. Ende März geht es los. Normalerweise. Auch in diesem von Corona durcheinandergewirbelten Jahr ist der italienische Klassiker das erste große Rennen. An diesem Samstag startet es in der lombardischen Metropole, mitten im Sommer.

          Aber nicht nur der Termin ist ungewohnt, auch sonst wird die Fahrt nach Sanremo anders sein als jemals zuvor in seiner 111-jährigen Geschichte. Lange hatte es geheißen, die Traditionsstrecke entlang der ligurischen Küste bliebe gleich, doch erwies sich dies als unrealistisch. Gewöhnlich ist die Durchfahrt der Profis in den Orten an der Strecke ein willkommener Anlass für Volksfeste, außerhalb von Belgien gibt es nirgendwo eine vergleichbare Begeisterung für den Radsport wie in Italien. In diesem Jahr ist es jedoch verboten, sie öffentlich zu zelebrieren.

          400 Euro Strafe drohen

          Auch im Zielort Sanremo. Dort hat Bürgermeister Biancheri eine Verordnung erlassen, die es jedermann untersagt, sich an der Strecke aufzuhalten. Die berühmte Via Roma, die Zielgerade des Rennens, soll ebenso menschenleer sein wie die Orte unterwegs. Für Zuwiderhandlungen ist eine Geldbuße von 400 Euro angedroht. Die Verordnung sei „ein unabdingbarer Akt zum Schutz der Menschen in Zeiten von Corona“, erklärte Biancheri. Würden sich Radsportfans nicht an die Vorgaben halten, stünde die Polizei bereit, einzugreifen. Wie Sanremo sind auch alle anderen Orte von den Behörden angehalten, die Öffentlichkeit rigoros auszuschließen. Die Classicissima wird ein Radrennen im Ausnahmezustand.

          Was die 299 Kilometer lange Strecke betrifft, so ist nur der Anfang und das Ende so, wie man es kennt. Dazwischen werden die Fahrer viele Kilometer auf Meerblick verzichten müssen. Die Bürgermeister der Küstenorte sahen sich außerstande, mitten in der Touristensaison die Auflagen zu erfüllen und Menschenansammlungen zu verhindern. Deshalb verläuft die Strecke nun durchs Landesinnere, mit zwei neuen Anstiegen, dem Niella Belbo nach 160 Kilometern und dem Colle Di Nava nach 230 Kilometern. Erst die berühmten letzten Kilometer werden dann wieder über die beiden Anstiege Cipressa und Poggio führen, wo sich für Ausreißer die letzten Chancen bieten, einen Massensprint auf der Via Roma zu verhindern und entweder allein oder in einer kleinen Gruppe in Sanremo anzukommen.

          Monument Mailand–Sanremo: Üblicherweise geht es entlang der ligurischen Küste.
          Monument Mailand–Sanremo: Üblicherweise geht es entlang der ligurischen Küste. : Bild: AFP

          Sportliche Prognosen fallen in diesem Jahr schwer. Keiner weiß genau, in welcher Form die potentiellen Siegfahrer aus dem Lockdown herausgekommen sind. Einem Lockdown, der in Italien besonders scharf war und auch Radprofis über Wochen ein Training außerhalb der eigenen vier Wände unmöglich machte. Es gibt viel aufgestaute Energie, viel Ehrgeiz, viel Druck – zu viel manchmal, wie der furchtbare Massensturz und die schwere Verletzung von Fabio Jakobsen bei der Polen-Rundfahrt am Mittwoch zeigte.

          Zu den Favoriten für den Sieg in Sanremo zählen der Kolumbianer Fernando Gaviria, der Slowene Tadej Pogačar, der Australier Michael Matthews, der Niederländer Matthieu Van Der Poel und der Belgier Wout van Aert – und auch der für das deutsche Team Bora-hansgrohe startende Slowake Peter Sagan.

          Ralph Denk, Teamchef von Bora-hansgrohe, ist unter der Woche die neue Strecke mit dem Auto abgefahren. „Es wird vieles anders werden in diesem Jahr“, sagt er. „Das beginnt mit dem Kurs und mit den hohen Temperaturen, die zu erwarten sind. Wir werden sehen, welche Fahrer damit am besten zurechtkommen. Ich denke, dass das Rennen insgesamt offener wird als sonst und auch spannender.“ Zugelassen sind nur sechs Fahrer pro Team, einer weniger als üblich. Auch das wird den Rennverlauf beeinflussen. „Mit nur sechs Mann darf man nicht so viel pokern“, sagt Denk. „Ausreißergruppen darf man keine zwanzig Minuten wegfahren lassen, wie das bei Mailand–Sanremo manchmal passiert, denn mit sechs Fahrern sind sie deutlich schwerer zurückzuholen als mit sieben.“

          Denks Teamtaktik ist klar: Plan A sieht vor, dass alle Kollegen Sagan zuarbeiten, um ihn in den Schlussanstieg am Poggio zu bringen und ihm so die Chance zu geben, den Sprint zu gewinnen. Klappt das nicht, weil sich herausstellt, dass wegen der neuen Streckenführung eher bergfeste Fahrer gefragt sind, wäre der Österreicher Felix Großschartner gefragt. „Wir gehen aber davon aus, dass Plan A greift“, sagt Denk. Der Slowake Sagan – einer der Großverdiener im internationalen Radzirkus – ist seit einiger Zeit ohne überragende Ergebnisse, und das nicht nur wegen der Corona-Pause. Denk hat ihm zuletzt durch die Blume zu verstehen gegeben, dass man von ihm wieder mehr erwarte. Sagans Vertrag läuft noch bis Ende 2021. „So lange“, sagt Denk, „ist er bei uns unantastbar. Wir haben ihm viel zu verdanken und werden ihn auch weiterhin bestmöglich unterstützen.“ Das Vertrauen ist da, nach wie vor, in Sanremo ist nun Sagan am Zug.

          Weitere Themen

          Mit Technik und Tempo platzreif

          Golfclub Bad Kissingen : Mit Technik und Tempo platzreif

          Golf ist mittlerweile ein Breitensport. Eine Karte fürs Fitnessstudio kostet mehr, sagt der Clubmanager von Bad Kissingen. Nur die jungen Leute fehlen. Ein Platzbesuch.

          Topmeldungen

          Verhärtete Fronten: Ein ukrainischer Soldat im Schützengraben

          Putins Optionen : Kommt es zum Krieg?

          Eine Invasion in der Ukraine wäre mit hohen Kosten für Russland verbunden. Stattdessen könnte der Kreml den Westen mit neuen Waffen unter Druck setzen.
          Die Schläuche einer ECMO-Maschine auf der Intensivstation für Corona-Patienten am Sana Klinikum Offenbach führen zu einem Patienten.

          Omikron in Deutschland : Zahl der Neuinfektionen erstmals über 100.000

          Das Robert-Koch-Institut hat in den vergangenen 24 Stunden 112.323 neue Corona-Fälle registriert. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 584,4. Auch das ist ein neuer Höchststand. Gesundheitsminister Lauterbach setzt auf eine Impfpflicht ab April oder Mai.