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Rainer Seele (rse.)

Radsport-Kommentar : Allein auf einsamer Höhe

  • -Aktualisiert am

Der Mann in Gelb wird wohl bis Paris Führender bleiben: Bradley Wiggins Bild: REUTERS

Bradley Wiggins wird wohl die Tour de France gewinnen. Mancher hätte sich mehr Brisanz gewünscht. Allein ein Teamkollege könnte den Briten gefährden - er tut es aber nicht. Die Tour besitzt dennoch ihre Reize.

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          Knapp eine Woche noch, bis Vollzug gemeldet werden kann, bis Großbritannien einem neuen Sporthelden huldigt. Bis Bradley Wiggins auf die Insel zurückkehrt, als erster britischer Sieger der Tour de France. Wer wollte daran noch zweifeln? Natürlich hält die Tour, die jetzt die Pyrenäen erreicht hat, stets Unwägbarkeiten bereit, Tag für Tag, sie ist ein Rennen voller Tücken. Selbst wenn es nicht über hochalpines Gelände geht.

          Damit haben auch diesmal, zu sehen am Beispiel des Deutschen Tony Martin, etliche Radprofis leidvolle Erfahrungen gemacht. Doch nach dem Stand der Dinge, nach dem bisherigen Auftreten von Wiggins und seiner Armada von erstklassigen Helfern, scheint der Radrennfahrer aus London sein Glück zu machen bei der 99. Tour.

          Manche Beobachter rümpften bereits die Nase, gleich nachdem Wiggins das Gelbe Trikot erobert hatte, vor etwas mehr als einer Woche. Der Tour drohe Langeweile, lamentierten sie. Kaum noch Spannung an der Spitze, kein ernsthafter Herausforderer mehr für den Kapitän des Teams Sky, das unwiderstehlich Kilometer um Kilometer abspult, ganz auf Erfolg programmiert.

          Natürlich hätte man sich mehr Brisanz wünschen können, als besondere Würze dieses Rennens. Einen Schlagabtausch mehrerer Protagonisten, hitzige Duelle in den Bergen im Kampf um Gelb. Aber erst hatte der Luxemburger Andy Schleck passen müssen als vermeintlich aussichtsreicher Gegner von Wiggins; gestoppt von einer Verletzung und dazu beeinträchtigt von den Debatten um die Zukunft seines Rennstalls RadioShack und um die möglichen Dopingverstrickungen des Teammanagers Johan Bruyneel.

          Und schließlich erwiesen sich bislang weder Cadel Evans noch Vincenzo Nibali als stark genug, um der britischen Fahrgemeinschaft wirklich gefährlich werden zu können. Der Australier Evans konnte mit einigen Attacken jeweils nur kurz für Aufsehen sorgen; sie waren nicht entschlossen genug, als dass der Tour-Gewinner von 2011 den Rivalen aus London hätte überrumpeln können. Es ist pikant, dass offenbar allein ein Teamkollege mit Wiggins Schritt halten kann - und ihn sogar in die Defensive drängen könnte. Doch Christopher Froome hält sich ganz loyal an die Stallregie von Sky.

          Immer den Draht zum führenden Mann: Christopher Froome
          Immer den Draht zum führenden Mann: Christopher Froome : Bild: REUTERS

          Wiggins wäre trotz allem ein würdiger Tour-Sieger, so weit sich das heute beurteilen lässt. Immerhin hatte schon manche Tour-Geschichte umgeschrieben werden müssen, zuletzt die des Jahres 2010; da rückte, nachdem der Spanier Alberto Contador von den Dopingjägern zu Fall gebracht worden war, Andy Schleck nachträglich auf Platz eins vor. Wiggins vollbringt ja auch außergewöhnliche Taten, im Zeitfahren vor allem. Dass die Tour diesmal zwei längere Wettbewerbe dieser Art in ihrem Programm hat, kommt ihm sehr gelegen.

          Und letztlich kostet es, so oder so, doch eine Menge Kraft und Konzentration, mit den Mitstreitern das Peloton zu kontrollieren und heikle Situationen zu vermeiden. Wiggins und Co. verhielten sich seit der Tour-Ouvertüre in Lüttich sehr geschickt, sie erwiesen sich als Meister ihres Fachs. Chapeau somit, Mister Wiggins. Und es bleiben trotzdem noch Nischen für andere. Für die Deutschen um ihren Frontmann Andre Greipel, für französische Ausreißer oder Aufsteiger wie den Slowaken Peter Sagan. Die Tour besitzt zweifellos ihre Reize. Auch wenn Bradley Wiggins auf einsamer Höhe zu stehen scheint.

          Er könnte Wiggins gefährden, hält sich jedoch an die Stallregie von Sky
          Er könnte Wiggins gefährden, hält sich jedoch an die Stallregie von Sky : Bild: AFP
          Rainer Seele
          Sportredakteur.

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