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John Degenkolb : 241 Kilometer Vollgas durch Flandern

  • -Aktualisiert am

Alles geben in Flandern: John Degenkolb Bild: AFP

John Degenkolb ist bei der Tour de France gestürzt. Bei der Flandern-Rundfahrt will er seine Bilanz aufpolieren. In Zeiten der Pandemie ist der Radprofi für jedes Rennen dankbar.

          2 Min.

          John Degenkolb radelt am Dienstagnachmittag durch heimatliche Taunus-Gefilde, der Wind pfeift. „Auf dem Rad merkt man, dass der Winter naht“, spricht er schmunzelnd in die Freisprechanlage seines Handys. Doch zunächst steht für den Oberurseler Radprofi an diesem Sonntag der Saisonhöhepunkt bevor: die Flandern-Rundfahrt, Heiligtum von Rennen im radsportverrückten Belgien. Degenkolb wird dort mit im Blickpunkt stehen: weil er als Kapitän seines belgischen Teams Lotto-Soudal ins Rennen geht und weil er, formstark wie er gerade ist, zum erweiterten Favoritenkreis gehört.

          Es kam in dieser coronabedingt komplett neu zusammengesetzten Saison und auch in den vergangenen beiden Jahren nicht häufig vor, dass Degenkolb bei großen Rennen zu den Sieganwärtern gehörte. Obwohl die Klassiker, die schweren Eintagesrennen seit jeher Hochsaison bedeuten für ihn. Doch am vergangenen Sonntag bei Gent–Wevelgem hat der 31-Jährige aufhorchen lassen mit einer starken Leistung samt guter Plazierung. Degenkolb schaffte es in einem actionreichen Schlagabtausch ins Rennfinale und kam nur vier Sekunden hinter dem Sieger und Vorjahresweltmeister Mats Pedersen als Fünfter ins Ziel. Im Vorjahr war er dort knapp geschlagen Zweiter geworden. „Es hat nicht viel gefehlt. An den Beinen hat es nicht gelegen“, erzählt er. Vielmehr habe er sich so gut gefühlt, dass „ich vielleicht einen Tick zu aktiv war, bei jeder Attacke mitgesprungen bin. Ich wollte die Karten in der Hand halten.“ Immerhin waren seine Gegner im Finale ausschließlich Profis der absoluten Weltklasse.

          Als „extrem wichtig“ empfand Degenkolb seinen starken Ritt bei Gent–Wevelgem als Signal für sein Team, dass mit ihm zu rechnen ist. Und als Bestätigung für ihn selbst, dass er auf dem Terrain, das ihm naturgemäß liegt, nun fit ist. In normalen Jahren ist die Flandern-Rundfahrt für Degenkolb als ein Hochamt der Klassiker zwar wichtig, aber auch eine Durchgangsstation hin zum traditionell eine Woche später stattfindenden Rennen Paris–Roubaix. „Roubaix ist das Rennen, das mir von der Charakteristik her am besten liegt. Ich bin zutiefst enttäuscht, dass es ausfällt“, so Degenkolb. Die am 25. Oktober vorgesehene sogenannte „Königin der Klassiker“ mit ihren berüchtigten Pavé-Sektoren ist den hohen Infektionszahlen in Frankreich zum Opfer gefallen. Zu gerne wäre Degenkolb erstmals im Rennbetrieb über das 3,7 Kilometer lange Pflasterstück gefahren, das im Februar nach ihm benannt worden ist. Die Ehre ist ihm, dem Sieger von 2015, zuteilgeworden, weil er sich hinter den Kulissen als engagierter Förderer des Rennens hervorgetan hat.

          „Es wird nicht ein Prozent im Tank gelassen“

          Einerseits sei er enttäuscht über die Absage von Paris–Roubaix, sagt Degenkolb. Andererseits müsse man „froh und dankbar sein über jedes Rennen, das man fahren kann. Man muss in dieser Saison immer davon ausgehen, dass das nächste Rennen auch das letzte sein könnte.“ Und so wird im Peloton auch gefahren. „Es geht immer nach dem Motto: Auf die Plätze, fertig, los. Es wird nicht ein Prozent im Tank gelassen. Und das wird am Sonntag wieder so sein“, so der gebürtige Geraer, der seit vielen Jahren in Rhein-Main heimisch geworden ist.

          Auch die 104. Ausgabe der Flandern-Rundfahrt wird wohl eine Vollgas-Veranstaltung über 241 Kilometer werden. Was Degenkolb nicht wirklich in die Karten spielt. Denn in der Vergangenheit war die „Ronde“ für einen Fahrertypen wie ihn stets etwas zu schwer, um die Podiumsplätze in Angriff zu nehmen. Auch in diesem Jahr sind wieder 16 „Hellinge“ zu bewältigen, die giftigen wie steilen flämischen Anstiege. Zwei Top-10-Resultate hat Degenkolb bei der Flandern-Rundfahrt in seiner Karriere erreicht, mit einem weiteren am Sonntag wären „mein Team und ich megahappy“, sagt er.

          Zwei Renntage bleiben dem Familienvater noch, um seine Bilanz von bisher einem Saisonsieg aufzupolieren. Der Tageserfolg bei der Luxemburg-Rundfahrt konnte aber nur etwas über den Schmerz hinwegtrösten – Degenkolb musste die Tour de France aufgrund von Sturzverletzungen schon nach der Auftaktetappe verlassen. Den Anfang vom Ende einer außergewöhnlichen Radsaison markiert die Flandern-Rundfahrt, den Abschluss für den Oberurseler bedeutet das Rennen Brügge–De Panne am Mittwoch kommender Woche. Und dann beginnt für Degenkolb wirklich der Winter.

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